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Versprechen der Bildung rekonstruieren – Eine kurze Notiz für eine Chance

von Norbert Ahlers

Wenn deine Söhne, Kallias, Füllen oder Kälber wären, wüßten wir wohl einen Aufseher für sie zu finden oder zu dingen, der sie gut und tüchtig machen würde in der ihnen angemessenen Tugend: es würde nämlich ein Zureiter sein oder ein Bauer; nun sie aber Menschen sind, was für einen Aufseher bist du gesonnen ihnen zu geben? Wer ist wohl in dieser menschlichen und bürgerlichen Tugend ein Sachverständiger?“ (Sokrates )

Das Wort, die „Versprechen der Bildung zu rekonstruieren“ ist das zentrale Grundverständnis der Kineskop-Filmschule. Doch was heißt dieses Motto konkret?

Bildung wird in der Kineskop-Filmschule als die Förderung des Entwicklungsprozesses eigener Interessen verstanden. Ein Prozess, in dem man nicht nur über die eigene Persönlichkeitsentwicklung und das eigene Verhältnis zur gesellschaftlichen Wirklichkeit reflektiert, sondern zu einem Vertrauen in ein lernendes Handeln durch Kooperation ermutigt wird.

Abschauen ist eine tradionelle Form des Lernens. Es ist eine Art Kooperation, denn Wissen ist auf Teilhabe angelegt. In der Schule ist Abschauen allerdings verpönt. So lernen Kinder vorzeitig etwas über Copyright, aber weniger über Kooperation.

Die Idee der Chancengleichheit durch die eindimensionale Egalisierung von Bildungsabschlüssen führt zu einem Missverständnis. Bildungsabschlüsse werden reduziert auf bloße Leistungsnachweise und Zugangsberechtigungen. Die weiterführenden Bildungsinstitutionen, zu denen man nun Zugang erhält, verstehen sich jedoch auch nach Jahrzehnten nicht als schulische Massenbetriebe, sondern immer noch als Anstalten eines exklusiven Bildungsbürgertums. Diese Institutionen, vor allem die Universitäten, sind weder mental noch strukturell darauf eingestellt.

Im Zusammenhang mit den akademischen Abschlüssen gilt immer noch das protestantische Ideal, dass eine lange Ausbildungszeit auch ein langer Verzicht auf ein reales Gehalt ist und schließlich mit dem akademischen Grad und einer entsprechend höheren Besoldung vergütet bzw. belohnt wird. Das aktuelle Urteil des Karlsruher Bundesverfassungsgerichtes und dessen Begründung zur Praxis der Professorenbesoldung dokumentiert dies. Doch die Frage bleibt, weshalb ein Hochschulprofessor mehr verdienen sollte als eine Grundschullehrerin oder Erzieherin? Die Verantwortung einer Grundschullehrerin ist nicht einen Moment geringer als die eines Professors.

Vor diesem Hintergrund wird die Auseinandersetzung, wie eine emanzipative Bildung in der aktuellen Situation verstanden werden kann, immer wieder relevant.

In der Kineskop wird Bildung als das Entdecken des eigenen Interesses verstanden, denn wer ein eigenes Interesse hat, besitzt eine Perspektive und kann mit dieser Lust auch schwierige Lebensphasen überstehen. Bildung ist daher das Fundament für ein individuelles Selbstvertrauen, das durch eine offene Neugierde und Sorgfalt gegenüber dem Gegenstand des Interesses geprägt ist. Dieses Interesse kann nicht singulär sein, sondern wird sich nur in Zusammenhängen entfalten. Diese Zusammenhänge sind die der gesellschaftlichen Verhältnisse, sowohl die der Geschichte als auch die zeitgenössischen Bedingungen und Begebenheiten.

Das erkenntnisleitende Interesse – so verstanden – führt notwendig zur Kooperation, denn dass die Verhältnisse nicht so sind, dass man sich als intelligenter Mensch mit ihnen abfinden kann, drängt einen zur Veränderung. Dieser Widerspruch motiviert einen zur Suche nach Verständnis, Alternativen und Veränderungen.

Wenn Bildung zum Handeln motiviert, ohne dass einen das eigene Interesse blind macht für die Interessen anderer, dann ist Kooperation und Achtung vor der Würde des Anderen ein zentrales Versprechen der Bildung. Respekt vor dem Leben basiert auf Selbstvertrauen und das wiederum erwächst in der Pflege, der Aufrichtung und der Stärkung eines eigenen Interesses.

Die Kineskop sucht in ihren Projekten die Schülerinnen und Schüler immer wieder zu ermutigen, die literarischen Vorlagen als ein Angebot zu verstehen. Durch eigene erzählerische Interpretationen können Schülerinnen und Schüler sie neu verstehen und sie sich unabhängig vom Erwartungsspektrum eines Lehrplanes aneignen.

Immer deutlicher wird aber, dass man sich nicht allein in den Projekten isoliert auf die Schulklassen konzentrieren darf, sondern die Eltern integrieren muss. Schule und außerschulische Projekte können ermutigende Momente schaffen, doch all das gelingt nur, wenn diese von den Erziehungsberechtigten unterstützt werden. Chancengleichheit existiert erst dann, wenn Bildung nicht auf einen Kanon und Codesysteme der Exklusivität setzt, sondern die Vielfalt der Sprachen pflegt, sowohl Altgriechisch als auch den subkulturellen Slang.

Ein Verständnis dieser Art setzt nicht nur engagierte Lehrkräfte voraus, sondern auch Personen, deren Bildungsverständnis eben den oben skizzierten Ansprüchen genügt. Lehrkräfte sind Sachverständige der Tradition und des Alltags. Dieser Sachverstand beweist seine Kompetenz, indem er sich neu den Herausforderungen und Konflikten der Gegenwart stellt. Herausforderungen, die gerade Jugendliche in ihrer Sensibilität für Widersprüche, immer wieder neu artikulieren. Eine Gesellschaft, die der Schule neben dem Wissenstransfer mehr und mehr sozialpädagogische Aufgaben zuspricht, fordert ein neues Bildungsverständnis und eine Schule, die die Lehrkräfte ermutigt, diese Herausforderung wahrzunehmen.

Die Kineskop versteht sich hier als ein Freiraum, in dem neue Entwicklungen in der Bildungspraxis erprobt werden. Kooperationen basieren auf Gesprächen und Gespräche wiederum auf Bildung. Eine Bildungsidee aber, die die Kritik Foucaults am Humanismus ignoriert, scheitert genauso wie diejenige, die die humanistischen Bildungsversprechen abschütteln möchte.

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Frame-Treffen am 12.12.2011 im jfc Medienzentrum Köln

von Norbert Ahlers

Auf der Sitzung der FRAME, der Konferenz unabhängiger Medienzentren, ging es um die Verhältnisbestimmung der Medienpädagogik zur kulturellen Bildung. Die lebhafte Diskussion zeigte nicht nur den Klärungsbedarf der aktiven Medienpädagogen, sondern auch deren Dilemma. Wie sehr die Auffassungen auseinandergingen, wurde am Beispiel des Umgangs mit sogenannter unkorrekter Filmarbeit deutlich, an der man die Grenzen der Pädagogik zu skizzeren suchte.

Der Aufsatz „Medien der kulturellen Bildung – kulturelle Bildung der Medien“ von Gerda Sieben (in: „Digitale Kreativität“, MedienConcret Nr. 1/11) beschreibt die Schwierigkeiten dieser Verhältnisbestimmung sehr präzise und dürfte gegenwärtig wohl die geeignete Ergänzung zu der Initiative „Keine Bildung ohne Medien“ sein.

Unabhängig davon bleibt die Frage dennoch offen, wie Bildung in der Informationsgesellschaft heute inhaltlich konkret zu verstehen ist. Das Versprechen der Bildung bleibt auf der Strecke, wenn man Pädagogik nur als „Abholen“ und Kompetenzvermittlung für die Optionen der Kreativbranche versteht, auf die sich die journalistische Tradition der Aktiven Medienarbeit inzwischen oft reduziert hat.

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Was heißt hier „Kultur“?

von Norbert Ahlers

Doch wie wird Kultur überhaupt definiert? Diese Frage stand unter anderem im Mittelpunkt des Festes. Der Tenor: Kultur heißt nicht nur Kunst, Kultur braucht eine Langzeitwirkung, die gemeinsame Geschichte schafft. Genau diesen Tenor hat auch Rainer Kern, Leiter des Büros 2020 und Zuständiger der Kulturhauptstadtbewerbung, in seiner Gesprächsrunde aufgenommen.“ schreibt danielg zu der Veranstaltung Denkfest in Schwetzingen. Tatsächlich ist die Antwort auf die Frage wesentlich komplizierter als sie das Statement von Rainer Kern suggeriert. In der Diskussion um Kreativ- und Kulturwirtschaft werden beide Bereiche oft gegeneinander ausgespielt. Während einerseits versucht wird, die Kulturarbeit gegenüber der Logik des Kommerz abzugrenzen, insistiert man andererseits gerade auf die vitale Wechselbeziehung zwischen Markt und Kulturarbeit. Ausdruck dieser Wechselbeziehung, die klare Grenzen zwischen Kulturschaffenden und Kreativwirtschaft kaum mehr erkennen lässt, zeigt sich eben in den Berufen der „neuen Selbstständigen“ wie Designern, MediengestalterInnen, GestalterInnen für visuelles Marketing usw. Tatsächlich ist die Differenz kaum plausibel zu vermitteln, denn die Kulturbetriebe wie z.B. Theater oder soziokulturelle Zentren verstehen sich oft eher als kulturelle Dienstleistungsbetriebe. Ihre Kommunikationtechniken gleichen eher denen von Marketingstrategen als von Intellektuellen und Kunstverständigen. Hier liegt auch wohl ein zentrales Missverständnis. Die Kulturschaffenden und die Kreativwirtschaft sind insoweit identisch wie sie sich in ihrem Verhältnis zur Kunst verstehen. Das Verstehen von und das Einstehen für die Kunst bezeichnet die entscheidende Differenz. Der Kulturbetrieb und die Kreativwirtschaft sprechen von Kunst, wenn sie Trends, Standortvorteile oder Legitimationsgründe meinen. Die Herausforderung und Anstrengung, die ein Kunstwerk dem Betrachter zumutet, wird vom Kulturbetrieb und der Kreativwirtschaft ignoriert. Kunst wird in diesem Zusammenhang auf eine bloße Erwerbsarbeit der Unterhaltung reduziert. Wie elementar diese Differenz zwischen Kunst und Kultur aber ist, veranschaulicht ein Kurzfilm von Jean Luc Godard. Seine radikale Haltung provoziert und scheint einen in der kompromisslosen Gegenüberstellung ohnmächtig zu lassen. Doch Godard hat sie 1993 im Angesicht des Schocks der Balkankriege in dem filmischen Gedicht „Je vous salue, sarajevo“ beschrieben. Er zeigt mit seinem Film, wie die Gesellschaft weitgehend nicht nur diesen Krieg vergessen zu haben scheint, sondern wie vehement der Kulturbetrieb und die Kreativwirtschaft jedwede Kunst negieren, ob im Alltag oder in den Werken, wenn sie sich nicht gedankenlos verschlingen läßt.

Der Text des Kurzfilms ist in etwa so zu übersetzen:

Gegrüßet seist du, Sarajevo

In gewissem Sinne ist die Angst die Tochter Gottes,
die in der Karfreitagnacht erlöst wird.
Sie ist nicht schön,
verspottet, beschimpft und verleugnet von allen.
Aber verstehen Sie es nicht falsch. Sie wacht über alle Todesangst,
sie legt Fürsprache für die Menschheit ein.
Denn es gibt eine Regel und eine Ausnahme.
Kultur ist die Regel,
und Kunst ist die Ausnahme.
Jeder spricht die Regel aus:
Zigarette, Computer, T-Shirt, TV, Tourismus, Kriege.
Niemand spricht für die Ausnahme.
Sie wird nicht gesprochen,
sie wird geschrieben: Flaubert, Dostojewski.
Sie wird komponiert: Gershwin, Mozart.
Sie wird gemalt: Cézanne, Vermeer.
Sie wird gefilmt: Antonioni, Vigo.
Oder sie wird gelebt,
und dann ist es die Kunst des Lebens: Srebrenica, Mostar, Sarajevo.

Die Regel ist, den Tod der Ausnahme zu wollen.
Also die Regel für ein kulturelles Europa ist, den Tod
der Kunst des Lebens zu organisieren, die immer noch blüht.

Wenn es Zeit ist, das Buch zu schließen, werde ich nichts bereuen.
Ich habe so viele Menschen gesehen, die so schlecht gelebt haben,
und so viele, die so gut gestorben sind.

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„Schnee“ – die Stille einer türkischen Geschichte

Das Schauspiel des Stadttheaters Heidelberg hat mit der Spielzeit 2010/11 zwei große Romane für die Bühne adaptiert: John Steinbecks „Jenseits von Eden“ und Orhan Pamuks „Schnee“. Während die Bühnenfassung von Jenseits von Eden“ in der Kritik durchaus wohlwollend aufgenommen wurde, wusste man über die Adaption von „Schnee“ kaum eine gute Zeile zu schreiben. Das verwundert letztlich, doch es dokumentiert die Zurückhaltung der Kritiker, sich inhaltlich mit dem auseinanderzusetzen, was auf der Bühne erzählt wird. Es reicht nicht aus, sich in einer Kritik bei elektrischen Heizkörpern, Konfettischnee, Kopftuch und den Eindruck des Bemühten aufzuhalten (vgl. Volker Oestereich in der RNZ), wenn es um das Stück „Schnee“ geht.

Allerdings wird hier schon ein Dilemma der Adaption deutlich: ein Stück muss für sich alleine stehen können und nicht die Lektüre des Romans zur Voraussetzung haben. Es muss unabhängig von der literarischen Vorlage in der eigenen Erzählweise überzeugen,doch gleichzeitig muss die Theaterfassung sich auch an dem Roman messen lassen. Was aber, wenn die Öffentlichkeit kaum bereit ist, sich hier auf die Erzählweise der Bühne einzulassen? Wenn hier im Theater schon wieder das enge Korsett der Erwartungshaltungen dominiert, was man sonst eher vom Fernsehpublikum kennt?

Alfred Huber schreibt im Mannheimer Morgen: „So ist das Theater an diesem Abend nicht nur ein Platz, an dem man die Schrecken zeigt, sondern auch ein Ort, der vor dem Schrecken schützt.“ Es ist sicher eine Frage, ob die Unmittelbarkeit des Schreckens die Differenz des Theaters zur Lektüre darstellt. Eine andere Frage ist aber, ob der Schrecken der eines Pistolenschusses ist oder das Glück an Orten der Hoffnungslosigkeit?

Kars, eine türkische Provinzstadt in der Nähe zur Grenze von Armenien, scheint für Pamuk ein solcher Ort zu sein. Ka, der Dichter im Exil und nun zurückgekehrt wegen einer Recherche in dieser Stadt, findet dort Momente des Glückes. Er kann dichten wie seit Jahren nicht mehr. Er findet in dieser Stadt seine Liebe wieder und hofft, mit ihr in Frankfurt diese Liebe leben zu können. Diese Sehnsucht scheitert an einer unheimlichen Melange zwischen Folter und Eifersucht.. Allein in Frankfurt scheint sein Leben nur noch das hoffnungslose Warten auf Ipek zu sein, so dass der Mord an ihm weniger wie ein Verbrechen als wie eine Konsequenz, fast wie eine Erlösung wirkt. Pamuk, der sich als Autor auf die Suche nach einem verlorenen Freund macht und dessen Geschichte erzählt, will dementsprechend auch nicht ein Verbrechen ermitteln, sondern verstehen. Der Schrecken ist die unspektakuläre Stille, der gegenüber die tatsächliche Gewalt lächerlich, weil unsinnig wirkt.

Tatsächlich hat die Fassung des Heidelberger Theaters sehr präzise die Romanvorlage adaptiert. Die Schwierigkeit, den komplexen Roman auf eine Bühnenfassung zusammenzufassen, ohne ihn auf eine Lovestory zu reduzieren, ist durchaus gelungen. Ausgezeichnet das karge Bühnenbild, dass lediglich durch eine zerschlissene Tapetenwand die Sehnsucht nach Geborgenheit andeutet. Die Szenenwechsel werden nicht durch Bilder, sondern allein durch die Beziehungen der Schauspieler dargestellt. Der schnelle Wechsel der Szenen irritiert zwar gegenüber der Langsamkeit und Enge einer im Schnee eingeschlossenen Stadt, doch die Zuschauer bleiben in ihrer Konzentration bei den Figuren.

Zweifellos kann man in dieser Inszenierung doch Schwächen gegenüber dem Roman konstatieren, aber was will man mit solchen Hinweisen sagen? Die entscheidende Frage ist, was einem das Bühnenstück erzählt hat und wie es in einem nachklingt. Neben mir saß ein älteres Ehepaar, dass nach der Aufführung nur sagte, dass sie sich auf die Lektüre des Romans jetzt freue. Wenn ein Stück dazu motiviert, dann kann es nicht so schlecht sein, wie es Volker Oestereich mit seinem Abiturwissen weismachen möchte.

Als Parmuk 2002 den Roman veröffentlichte, wollten Kulturjournalisten ihn immer wieder zu Statements über das Kopftuch und die Rolle der Frau nötigen, während er nur über das Buch reden wollte. Ich denke, dass ein ähnliches Missverständnis auch dem Bühnenstück widerfährt. Wie kompliziert und vielschichtig das Spannungsverhältnis zwischen Provinz, Staat und dem Fluchtpunkt im Westen ist, davon lässt sich auch auf der Bühne vieles wiedererkennen. Doch diese Nuancen finden sich wie der Schrecken des Stückes im Stillen, nicht im Pathos. So hätte es dem Stück gut getan, wenn auch Simon Bauer als Erzähler eher das ruhige Auftreten von Orhan Pamuk gespielt hätte.

Wichtig aber ist, dass das Publikum hier – so wie Pamuk eben auch für ein Publikum schreibt, das in den Westen schaut – über die Türkei ins Gespräch kommt und begreift, wie wenig es von diesem Land eigentlich versteht. Was nicht verstanden ist, wird so zu einem weißem Fleck auf der Landkarte, dessen Entdeckung zu einem Abenteuer wird. Dieses Abenteuer beginnt z.B. mit der Lektüre des Romans, zu dem das Stück durchaus einlädt.

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Respekt und Vertrauen – eine Herausforderung der Pädagogik

Das Team der Kineskop in Kooperation mit der Waldparkschule Heidelberg und dem Stadttheater Heidelberg hat in diesem Jahr einen Neckarwestern mit Hauptschülern gedreht, in deren Klasse etwa 90 % der Schüler und Schülerinnen einen Migrationshintergrund haben.

Die Jugendlichen beeindruckten durch ihre Vitalität, die allerdings durchaus nicht ungebrochen war. Je näher man sie kennen lernen durfte, desto deutlicher wurde, wie sperrig sie ihre eigene Zukunft erleben müssen.

Sie wissen genau, dass ihre Voraussetzungen nicht ausreichen, um den Erwartungen und Standards der Informationsgesellschaft zu genügen. Ihre Vorstellungen – etwa von den Geschlechterrollen – erinnern oft an die Erwartungen, die in der Republik vor 40 Jahren Konsens waren. Doch diese Vorstellungen sind kaum mit dem Migrationshintergrund zu begründen. Vielmehr scheint es, dass bei den Jugendlichen diese Vorstellungen durch die Familie dominiert werden, denn in ihrer Situation wissen sie, dass letztlich nur die Familie einen sozialen Rückhalt gewährleistet. Diese Gewissheit behauptet sich unabhängig davon, dass die materielle Existenz bei vielen durch Sozialleistungen gesichert wird.

Die Jugendlichen demonstrieren Außenstehenden eine Pose der Gleichgültigkeit, die wenig mit sogenannter Coolness zu tun hat. Es geht dabei eher um den Ausdruck einer Skepsis, denn sie wissen, dass von ihnen Leistungen erwartet werden, für die ihnen in der Regel die Voraussetzungen fehlen.

Doch bei dem realisierten Projekt konnte das Kineskop-Team beobachten, wie sehr in dieser Skepsis auch die Sehnsucht nach Anerkennung zum Ausdruck kommt. Eine Anerkennung, die oft auch als Respekt bezeichnet wird.

Respekt ist als Begriff durchaus rätselhaft und wird mit Ansehen, aber auch mit Ehrerbietung bzw. schuldige Achtung übersetzt (obwohl es im Wortstamm korrekt Rück- bzw. Umsicht heißt). Der Begriff widersetzt sich dem der Toleranz, die letztlich nur Duldung heißt. Wen man aber nur erduldet, dem verweigert man letztlich den Respekt. Darum wissen die Jugendlichen, auch wenn ihnen dafür vielleicht die Begriffe fehlen.

Respekt ist unbequem, denn der schuldigen Achtung wohnt auch die Furcht vor einem Versagen inne. Die Ehrerbietung hat zudem einen Klang von Unterwerfung. Begriffe, die in den herkömmlichen Vorstellungen von individueller Freiheit selten reflektiert werden. Andererseits erweist man dem die Ehre und die Achtung, dem man auch vertraut. Vertrauen aber ist etwas, was man nicht einfach einfordern kann, sondern was man einem anderen schenkt. Umgekehrt wird aber auch die Forderung nach Respekt zur Phrase, wenn man selbst das Vertrauen des Anderen gar nicht mehr erwartet bzw. nicht mehr wahrnehmen möchte.

Tatsächlich könnte hier auch die wesentliche Differenz liegen zwischen dem, was einerseits im öffentlichen Diskurs verhandelt wird und andererseits dem, was das unspektakuläre Gelingen praktischen Zusammenlebens verschiedenster Menschen und Kulturen im Alltag und in der Nachbarschaft begründet.

Bei dem Film haben die Jugendlichen immer wieder die Pose der Gleichgültigkeit aufgegeben und die Verantwortung dem Projekt gegenüber wahrgenommen, weil sowohl Lehrer als auch Außenstehende ihnen diese Arbeit und Eigenständigkeit zugetraut haben.

Vertrauen zu schenken ist mehr als nur eine Herausforderung des Alltags. Es ist die Voraussetzung, die Würde des Anderen anzuerkennen. Jugendlichen davon eine Idee zu geben ist gelungene Pädagogik.

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