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Wenn das Reh von der Leinwand herabspringt

von Norbert Ahlers

Die Kunst ist wie ein scheues Reh – man kann sie betrachten, wenn man weiß, wo sie erscheint – oder sie dort auch erlegen.

Die Digitalisierung der Kinos vollzieht einen Prozess, der schon 1995 von Regisseuren mit skeptischen Gedanken und Geschichten thematisiert wurde. Doch das scheint Vergangenheit zu sein und Wim Wenders will heute wohl nur mit der Zurückhaltung eines Kunsthistorikers an seinen Film wie „Lisbon Story“ (1994) erinnert werden.
 
Dass sich das Kino selbst mit der Digitalisierung in den vergangenen zwei Jahren grundlegend verändert hat, haben vor allem die Belegschaften erfahren müssen. Überraschend ist jedoch, dass just die Betroffenen diesen Prozess kaum für sich zu begreifen versuchten. In der Regel ergab man sich den Notwendigkeiten der technischen Umstellung wie der Landwirt sich gegenüber einem Prozess der Bodenerosion: ohnmächtig.

Als die Lust noch subversiv war und die Avantgarde mit dem Film experimentierte

Als die Lust noch subversiv war und die Avantgarde mit dem Film experimentierte


 
Das Kino ist – so die allgemeine Idee – der genuine Ort für die Präsentation eines Films. Für Kunst, die sich mit dem Medium Film artikulierte, galt dies auch – doch nur solange der Film selbst ein Ausdrucksmittel der Avantgarde war. Wenn es aber noch eine künstlerische Avantgarde gibt, dann beschreibt sie ihr Lebensgefühl nicht mehr mit den Mitteln des Films und veröffentlicht auf Filmfestivals keine innovativen und selbstbewussten Manifeste. Mit der Digitalisierung ist das Kino offensichtlich zu dem reduziert worden, was immer auch schon war: eine Unterhaltungsveranstaltung, die vor allem der Zerstreuung und Selbstvergewisserung durch den Konsum dient.
 
Das Paradoxe in der gegenwärtigen Situation: Nicht, weil man nur noch grobschlächtige Blockbuster im Kinoprogramm findet, gelingt es immer weniger Kinos sich auf dem Medienmarkt zu behaupten. Im Gegenteil: noch nie gab es solche eine große Vielzahl und Vielfalt an hochwertigen Filmen wie in diesen Jahren, von denen man irgendwo im Netz oder auf Festivals irgendwelche Bilder erhaschen konnte. Im Gespräch mit anderen bleibt meist lediglich die Floskel „… darüber habe ich auch mal einen guten Film gesehen“, von dem man allenfalls gerade noch den Titel rekonstruieren kann. Bei der Allgegenwart der Bilder scheint aber für den Einzelnen die Zeit knapp geworden zu sein, in dieser Masse an Filmen die Geschichten wahrzunehmen, die einen interessieren könnten. So ist für den Einzelnen seine geschenkte Aufmerksamkeit inzwischen so wertvoll geworden wie die Zeit ihm knapp erscheint. Für den Nachklang eines Gedankens ist da keine Gelegenheit. Der aber ist für das Verstehen von Kunst unverzichtbar.
 
Die Orte, an denen man Kunst entdeckt, sind nicht so eingeschränkt wie die Kinoleinwand, auf der man den Film verortet. Wenn Filmemacher wie Romuald Karmakar oder Harun Farocki nun schon seit mehreren Jahren ihre Filmkunst in Museen vorstellen, dann mögen Kinomacher die Nase darüber rümpfen, unter welch dilettantischen Bedingungen hier die Arbeiten angeschaut werden müssen. Doch tatsächlich eröffnet sich hier eher ein Freiraum, den das Kino schon lange nicht mehr erlaubt: der des Gespräches und des gemeinsamen Erlebens. Das Museum, dass sich eher als Garten des Intellekts versteht und sich dem Zwang der Eventkultur verweigert, behauptet einen besonderen Raum für die Kunst. Ein Raum, der sich der blinden Logik der Aufmerksamkeit und den effekthaschenden Feuerwerken der Kulturmanager entzieht.
 
Die Kunst eröffnet sich weniger in der Inszenierung als vielmehr in der direkten Auseinandersetzung zwischen Werk und Betrachter. Dieser Dialog ist ein anderer als das Gespräch mit dem Regisseur auf der Kinobühne.1 Spitzt man diesen Gedanken zu, dann ist es konsequent, wenn Kunst sich einem Publikum verweigert um letztlich von einem interessierten Betrachter entdeckt zu werden und ihn berühren zu können. Sich von einem Kunstwerk berühren lassen ist ein intimes Erlebnis, das sich so überraschend wie unkontrolliert vollzieht.2 Es ist ein zentrales Kennzeichen, dass Kunst sich jedweder Form der Herrschaft entzieht – und somit auch den Orten, wo man sie als Event zelebrieren will.
 
Vielerorts muss und kann man inzwischen ohne ein Kino auskommen, aber Filme müssen gedreht werden, denn ohne Bilder und Geschichten lässt es sich nicht leben. Ohne Erzählungen kein Wechsel der Perspektiven, keine Neugierde auf andere Wirklichkeiten und Welten. Film kann davon erzählen, wenn er sich als Kunst ernstnimmt. Dann aber muss er sich vom Kino verabschieden und sich an neuen Orten suchen und entdecken lassen.

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1) Kunstwerke brauchen bei der Veröffentlichung nicht den Künstler, um sich mitzuteilen, denn das wäre so als würde man nach einem Witz den Erzähler fragen, was er für Hintergründe ihn motivierten als er den Witz erzählte.

2) Vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb ein Künstler wie Banksy so populär und so selten zu sehen ist.

 

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Interview über die Arbeit der Kineskop (RNZ 22.02.2014)

rnz 22.2

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Februar 26, 2014 · 5:02 pm

Ein Dilemma zwischen Zuckerhaus und Werkgespräch – das Literaturhaus in Heidelberg

von Norbert Ahlers

Heidelberg möchte sich als Unesco-Literaturstadt bewerben, eine Stadt, die einerseits bemerkenswerte Verlage beheimatet und die andererseits für ihre Größe ein überdurchschnittliches Kulturangebot hat. Doch ein Blick in das Verzeichnis der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten provoziert Zurückhaltung: in der Stadt der Romantik gibt es keine anerkannte Literaturgesellschaft. Doch es gibt eine Initiative für ein Literaturhaus.
Mit der Schließung des Kinos Lux-Harmonie in der Altstadt stehen die Nutzungskonzepte des Wormser Hofes noch einmal zur Diskussion. Eine Idee ist, hier neben anderen kommerziellen Unternehmen ein Literaturhaus einzurichten. Damit wäre ein Kulturzentrum besonderer Art geschaffen, dass sich in unmittelbarer Nähe von Theater, Kunstverein und Museum befände.
Doch die Schwierigkeiten und Vorbehalte sind groß. Ein Kulturhaus wie das DAI versteht sich selbst schon als ein Haus für Literatur, veranstaltet in diesem Zusammenhang aber lediglich Lesungen bzw. Vorträge, die Stadtbücherei ist gegenüber einem weiteren Veranstaltungsort für Literatur skeptisch und die Verlage verhalten sich weitgehend abwartend, nur der Verleger Manfred Metzner hat sich dieses Projekt zur einer Herzensangelegenheit gemacht.
Tatsächlich ist es zweifelhaft, wenn man in Heidelberg in einem Literaturhaus lediglich einen Veranstaltungsort für Lesungen versteht, bei denen man im Foyer einen Kaffee trinken und im jeweiligen Verlagsprogramm stöbern kann. Veranstaltungen dieser Art kann man tatsächlich den schon bekannten Kulturhäusern am Ort überlassen. Was dort geschieht, hat weniger mit lebendiger Literatur als mit dem herkömmlichen Kulturbetrieb zu tun.
Es ist ermutigend, wenn eine junge Autorin in Heidelberg die Leiterin eines interkulturellen Zentrums wird, genauso wie die Beharrlichkeit einer Heidelberger Autorengruppe mit einem eigenen Kleinverlag, die seit über 20 Jahren jungen Autoren ein erstes Auftreten in der Öffentlichkeit und literarische Experimente ermöglicht. Es ist beeindruckend, dass in dieser Stadt v verschiedene Verlage ihren Sitz haben, deren Programm ausgesprochen qualifiziert ist. Doch es gibt in Heidelberg keine literarische Szene, die über das Stell Dich ein beim Poetry Slam hinausginge.
Ein Literaturhaus in Heidelberg wäre ein wirklicher Gewinn, wenn es mehr wäre als bloße Veranstaltung. Das Konzept des vor kurzem gegründeten Literaturhaus Heidelberg e.V. klingt wie ein Wunschkonzert ohne Schwerpunkt, ohne inhaltliche Vision. So hat man den Eindruck, dass die Forderung nach einem Literaturhaus mehr einer Pose als einem Lebensgefühl entspricht. Es ist wichtig neue Wege zu gehen, d.h. nicht nur für die klassischen Formen der Buchliteratur, sondern z.B. auch die Nähe zu Bloggern suchen, aber auch zu Filmemachern, Hörspielautoren oder Theaterregisseuren. Literarische Netzwerke entwickeln im Sinne von gelehrten Gesprächskreisen. Literatur ist keine Veranstaltungsreihe, sondern eine Haltung zum Leben. Dafür stand Heidelberg zu verschiedenen Zeiten. Man kann aber solch eine Koinzidenz von Ort und Lebensgefühl nicht willkürlich kreieren oder inszenieren – schon gar nicht mit Begriffen wie Festival- oder Metropolregion. Man kann aber Rahmenbedingungen schaffen, die solche Koinzidenz zulassen oder begünstigen.

Der Blick des Lesers gegenüber der Kamera ist ein skeptischer, weil der Dialog mit ihr ohne Rücksicht ist. Während ein Buch eine Haltung beschreibt, ohne dass der Leser dieselbe einnehmen muss, fordert die Kamera die Haltung heraus, die man von sich selbst erwartet.

Der Blick des Lesers gegenüber der Kamera ist ein skeptischer, weil der Dialog mit ihr ohne Rücksicht ist. Während ein Buch eine Haltung beschreibt ohne dass der Leser dieselbe einnehmen muss, fordert die Kamera die Haltung heraus, die man von sich selbst erwartet.

Wem aber nützt ein Literaturhaus und wie könnte man es finanzieren? Primär wäre es vor allem denen von Nutzen, die Literatur so sehr brauchen wie andere das tägliche Brot. Das ist nicht nur eine bestimmte Gruppe von Lesern, es sind die Autoren und die Verleger. Die Verlage schaffen mit einem Literaturhaus mehr als nur eine Vitrine des eigenen Verlagsprogramms, sondern einen Ort für junge Autoren, die dort ihr eigenes Schreiben weiterentwickeln können und Verleger kennenlernen, die ihnen entsprechen. Junge Schriftsteller kämen nach Heidelberg, um hier schreiben zu können – nicht als beauftragte Stadtschreiber, sondern als freie Autoren, die hier mit anderen über ihre Arbeiten sprechen könnten, die ihr Gespür, ihren Blick und ihren Ausdruck für die Wirklichkeit im Gespräch mit anderen reflektieren müssen.
Die ersten Schritte zu diesem Modell könnten die Verlage (Genossenschaftsanteile) und die Autoren (Studiengebühren) zu einem Teil aus eigener Kraft finanzieren. Vielleicht fände sich auch ein Mäzen – vorausgesetzt es ginge ihm um Literatur und nicht um das Klischee dieser Stadt. Das Gleiche gilt im Übrigen auch für eine freie Filmschule in Heidelberg.

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Im cineastischen Decameron wird der Filmvorführer zum Gärtner

von Norbert Ahlers

„Ich halte dieses »Kino« für unsterblich und für älter als die Filmkunst. Es beruht darauf, daß wir etwas, das uns »innerlich bewegt«, einander öffentlich mitteilen. Darin sind Film und Musik Verwandte. Beide gehen nicht unter. Auch wenn die Kinoprojektoren einmal nicht mehr rattern, wird es, das glaube ich fest, etwas geben, »das wie Kino funktioniert«.“ (Alexander Kluge „Geschichten vom Kino“)

Die Kinos sind mit der Umstellung durch die digitalen Vorführtechnik mit einer Entwicklung konfrontiert, die das Kino selbst grundlegend zu verändern scheint. Diese Umstellung verändert nicht nur die Vorführpraxis, die neue Technik selbst verändert auch das Medium Kino. Kino ist sicher mehr als nur das Bild auf der Leinwand mittels ratternder Projektoren und der dunkle, abgeschlossene Raum.

Filmvorführer - ihre Erfahrung im Umgang mit dem Bild im Blick und im Gefühl. Eine Bildkompetenz, die mit der digitalen Technik verloren geht.

Filmvorführer – ihre Erfahrung im Umgang mit dem Bild im Blick und im Gefühl. Eine Bildkompetenz, die mit der digitalen Technik verloren geht.

Wenn in der Zukunft etwas fortgeschrieben wird, »das wie Kino funktioniert«, dann ist es etwas anderes als Kino. Es ist eben dem herkömmlichen Kino so ähnlich wie früher die Laterna Magica oder das Kaiserpanorama, die Vorläufer des Kinos.

Es geht nicht darum, auf das Alte in sentimentaler Form zu insistieren. Der konventionelle Kinobetrieb hat in dem System keine Alternative. Wenn alle aktuellen Filme nur noch digital produziert werden, wenn der Verleih nur noch digitale Versionen anbietet, dann kann ein Kinobetrieb nicht 35mm-Kopien spielen, es sei denn, das Kino würde sich nur auf filmhistorische Werke beschränken. Kino als Museum widerspricht aber diesem Medium. Es ist eine Kunstform der Unterhaltung, und die gelingt nur, wenn sie aktuell ist.

Vielleicht ist hier aber ein Missverständnis oder eine alternative Perspektive möglich.

Man kann Kino auf diese Funktion der Zerstreuung reduzieren, aber eigentlich ist die Faszination des Kinos in etwas anderem begründet. In seinen Anfängen war das Kino eher beobachtend als unterhaltend. Man filmte alltägliche Geschehen oder Sensationen. Es dauerte, bis man mit der neuen Technik auch ein Publikum fand, das bereit war, für die öffentliche Unterhaltung sich Zeit zu nehmen und diese auch noch zu bezahlen.

1908 hatte Henry Ford das Automodell T entwickelt, just zu einer Zeit, als die Nickelodeons von den regulären Kinosälen verdrängt wurden. Sowohl das Automobil als auch der Kinofilm waren authentische Ausdrucksformen einer neuen Gesellschaftsform, der Konsumgesellschaft. Es waren Phänomene der Massengesellschaft und deren Demokratisierung: eine (pferdelose) Kutsche und ein Besuch im (Lichtspiel-) Theater für Jedermann. Dieses Prinzip der Demokratisierung war auch beim digitalen Filmen ein entscheidendes und vielversprechendes Moment. Dass jeder zu jeder Gelegenheit filmen und die Aufnahmen in einem eigenen Channel publizieren kann, wurde erst mit der Digitalkamera und dem Internet Wirklichkeit. Wie in visionären Texten der 30er Jahre beschrieben, schien sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Bevölkerung ein Medium angeeignet zu haben, das im Konsum schon immer ihr zu gehören mochte. Nun konnte man mit eigenen Bildern in unzähligen Ausdrucksformen die eigene Wirklichkeit beschreiben. Die einst Sprachlosen waren offensichtlich zu Autoren geworden.

Umgekehrt aber scheint gerade die digitale Technik die Sprachlosen einmal mehr verstummen zu lassen. Die Illusion, dass bedienungsfreundliche Geräte jeden zum Erzähler machen, scheint faktisch aber zur Enteignung des Erzählkunst geführt zu haben. Die zahllosen Filmemacher wollen Filme drehen, aber ohne etwas zu sagen zu wollen. Ihre Lust ist die der Anerkennung, nicht die des Erzählens. Videos auf Vimeo oder Youtube werden durch die Clicks oder „like it“-buttons qualifiziert, und der Blick durch die Kamera ist der auf den potentiellen Glamour auf einem Festival.

Was das Kino einst mit seinen Stars versprach, ist heute scheinbar jedem mit einem Video möglich. Vielleicht war aber schon in dem Starsystem der Studios in Hollywood eine stille Skepsis gegenüber dem, was der Film selbst als Medium eigentlich auszeichnet und überhaupt vermag: eine Kunst, die Wirklichkeit ablichtet und Lebensgeschichten erzählen will.

Vielleicht ist der Struktur nach das Kino gar kein Massenmedium, vielmehr hat es sich die Massengesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts vielleicht einfach nur unter den Nagel gerissen, weil es den gesellschaftlichen Bedürfnissen entsprach. Der Film selbst ist eine Form des Erzählens.
Ein Erzähler füllt allerdings keine Säle, und das intimste Gespräch mit einem Erzähler ist die Buchlektüre. Ein Erzähler will gehört und verstanden werden. Er spricht nicht zu Hunderten oder zu einem Millionenpublikum. Ein moderner Regisseur aber meint das stets können zu müssen.

Vielleicht realisiert sich das Kino gegenwärtig viel eher in einem kleinen Rahmen mit filmischen Essays, Collagen und Gesprächen als mit der Idee des großen Publikumserfolges. Das Kino kann den Freiraum für Gespräche schaffen, in denen Filme und Gedanken neue Ideen entfalten. Jenseits der Kinolandschaft behauptet sich ein cineastischer Garten, in dem auch der alternde Vorführer sich weiterhin um die Pflege der Bilder sorgt.

Doch ein Dilemma bleibt: wer bezahlt die Arbeiten an einem Film und den Ort für den „Kreis der Erzählungen“, diesem „cineastischen Decameron“? Schickt man sich an, die Kosten mit betriebswirtschaftlichen Maßstäben zu bewältigen und so einen solchen Freiraum zu behaupten, pflegt man weniger die Kunst und deren Inhalte, sondern beschwört lediglich die Notwendigkeit der Besucherzahlen. Die Logik der populärer Aufmerksamkeit und des Eventmarketings vertreibt den Zauber der Geselligkeit, des Erzählens, des Betrachtens und des Zuhörens.

Es muss eine plausible Alternative geben. Veränderungen wie die Umstellung von 35mm-Projektion auf Digitaltechnik können neue ermutigende Perspektiven eröffnen, auch wenn gegenüber diesen Perspektiven alle Beteiligten nur den Sachzwang der Kennzahlen als plausibel wahrnehmen.

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Kreativität …. amortir la balle

von Norbert Ahlers

Die Kritik an dem geplanten Kreativzentrum Alte Feuerwache Heidelberg provoziert bei jungen engagierten Klein- und Kleinstunternehmen in der Kreativwirtschaft ein Unbehagen. Nicht nur, dass man sich in dem eigenen Handeln missverstanden sieht, man kann offensichtlich auch nicht nachvollziehen, dass man das Konzept der Alten Feuerwache grundlegend in Frage stellt, da sich nach jahrelanger Trägheit in Heidelberg etwas endlich zu bewegen scheint.

Tatsächlich ist aber auf kommunaler Ebene eine Diskussion um die Erwartungen, die man gegenüber der Kreativwirtschaft hat und deren Konzepte überfällig. Wie verhält sich die Kulturarbeit zur Kreativwirtschaft, welche Funktion haben die sogenannten Bohemiens (vgl. J.Gückler, M.Ries, H. Schmid Kreative Ökonomie in Heidelberg S. 6 / S. 21, Heidelberg 2010) innerhalb der Kreativwirtschaft und welche Schwerpunkte will man in Heidelberg überhaupt akzentuieren.

Es bleibt immer noch die Frage von Johan Holten nach einer Ausbildungseinrichtung für junge bildende Künstler in Heidelberg unbeantwortet. workerKann sich in Heidelberg eine kreative Szene überhaupt entwickeln, wenn es nicht eine Akademie für Kunstschaffende gibt? Heidelberg hat keine Musikhochschule wie Mannheim, keine Filmakademie wie Stuttgart, keine Kunsthochschule wie Karlsruhe und kein Literaturinstitut wie etwa Leipzig. Da solche Institutionen auch nicht geplant sind, ist die Frage, welche Erwartungen man an die hiesige Kreativwirtschaft hat? Welche Zielsetzung verfolgt man mit einem Kreativzentrum und sind es dieselben Perspektiven, die auch die jungen Kunstschaffenden haben?

Die aber haben für diese Diskussion nur bedingt ein Interesse, denn nach all den vergangenen Schwierigkeiten sind sie froh, dass gerade durchatmen können, weil sie endlich einen günstigen Raum für ihre Arbeiten gefunden haben. Wer aber diese Diskussion ignoriert, läuft Gefahr die eigene Idee einem ganz anderen Zweck auszuliefern.

In diesem Zusammenhang ist es auch durchaus mehr als nur reizvoll, sich nochmals über das Stichwort „Amortisierung“ zu verständigen.

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Anspruch hat, was keine Kasse macht.

von Norbert Ahlers 

Die Sachlage ist verzwickt: Wenn Herr Kraus den Bund der Steuerzahler auf den Heidelberger Haushalt (vgl. RNZ-Artikel vom 15.12.12) aufmerksam macht, dann geschieht das nicht ohne Eigeninteresse. So basiert z.B. das „Alte Hallenbad“, dessen Eigner er ist, auf einem Konzept von Kultur und Konsum, das sich gegenüber den Veranstaltern wie DAI, Karlstorbahnhof, halle 02, Hebelhalle u.a. behaupten muss. In diesem Wettbewerb sind ungedeckte Mehrausgaben im kommunalen Kulturbereich für kommerzielle Veranstalter ein Ärgernis. Die Kommune ist verschuldet, muss aber investieren und will Standards halten. Die Standards sind dynamisch und entwickeln immer größeren Finanzbedarf. Es gibt einen Konsens, in die Bildung zu investieren, um der kommenden Generation eine Option für eine Zukunft zu eröffnen. Kulturförderung wird somit immer mehr als Bildungsarbeit begründet und legitimiert. Kulturschaffende greifen diesen Gedanken nur allzu gerne gedankenlos auf und bezeichnen jede Form der Bespaßung als Kulturarbeit. Mit Bildung aber hat das kaum etwas zu tun, trotzdem hält man an diesem Zusammenhang fest. Der Kulturbetrieb scheint ein Versprechen vor sich herzutragen, auf das man setzen und vertrauen möchte wie in anderen Zeiten auf die Religion. Das erscheint irrational, aber wer Kasse macht, macht es immer auf Kosten anderer. Demgegenüber ist Kultur, wenn sie denn für einen Anspruch steht, nicht nur ein ermutigendes Versprechen, sondern auch eine Verpflichtung. Bevor man auf die Schulden schaut, sollte man sich entscheiden, was einem wichtiger ist: das Versprechen der Bildung oder einfach nur das, was Kasse macht.

 

 

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Auf der Suche nach Orten, an denen Kunst entdeckt werden kann und nicht dem Event dient

von Norbert Ahlers

Mit der bevorstehenden Digitalisierung wird die Frage nach der Zukunft des Kinos seit einiger Zeit immer vehementer diskutiert. Eine Auseinandersetzung, die vor allem im Bereich der kommunalen Kinos präsent ist, entscheidet ja letztlich diese Entwicklung sowohl über die betriebswirtschaftliche Perspektive vieler dieser kleinen Kulturinstitutionen als auch über das Selbstverständnis, was denn gegenwärtig Kino überhaupt ist. Ist es lediglich die Projektion bewegter Bilder auf eine größere Leinwand vor einem Publikum oder ist Kino auf immer mit dem Kulturgut Film assoziiert und so auch mit der nostalgischen Vorstellung von der Technik des beschichteten Zelluloids, des 35mm-Projektors und der Figur eines eigenbrödlerischen Filmvorführers? Die betriebswirtschaftliche Wirklichkeit hat diese Frage schon längst entschieden und jedes Kino wird die Digitalisierung realisieren, sofern es die Investitionen für die Umstellung aufbringen kann.

Steht man am Strand, richtet sich der Blick in der Regel auf das Meer, nicht auf das Land. Kinder wenden im Spiel den Blick auf das, was ihnen wichtig ist

Wie aber verhalten sich die Filmemacher? Die Frage mag irritieren, denn gerade weil die überwiegende Mehrzahl der Filmemacher fast ausschließlich die digitale Technik nutzt, forciert sie ebenso wie die Verleiher den Prozess der Digitalisierung. Es überrascht aber, dass sich offensichtlich viele der innovativen Filmemacher zusehends vom Kino abgewendet haben. Sie suchen andere Orte der Präsentation wie etwa Ausstellungsorte (so z.B. Harun Farocki) oder komplexe DVDs, die kein Kino oder TV-Sender vorstellen würde (vgl. Arbeiten wie „Nachrichten aus der ideologischen Antike“ von Alexander Kluge). Es scheint, als wollten sie sich als Intellektuelle in ökologische Nischen zurückziehen, tatsächlich aber zeigen sie die neuen Orte auf, in denen man den Freiraum des Gesprächs neu entdecken kann. Die Nische sollte nicht als Sparte missverstanden werden, denn im Zusammenhang mit der Medienwirklichkeit ist die Sparte ein klar abgegrenzter Raum, der ebenso nach den Regeln der Quote bzw. des Relevanznachweises organisiert ist wie alle anderen Kanäle auch. Nichts Schlimmeres scheint einer Idee oder einem Experiment widerfahren zu können als deren Entdeckung durch Kulturangestellte, Kreative oder Hipster. Sie sind diejenigen, die unter genauer Beobachtung die neuen Trends aufspüren, um sie dann an den Kulturbetrieb auszuliefern. Dieser aber bedient sich dieser Ideen nur, um mimetisch die neuen Entwicklungen aufzunehmen und ihren Köpfen die Anerkennung zu geben, nach der sie so sehr gieren und um gleichzeitig ihnen alles Emanzipative und Befreiende zu entreißen. Es erscheint einem wie das grauenvolle Bild aus dem Mythos, in dem erzählt wird, wie viele durch den Blick der Medusa erstarrt sind, weil es ihnen an List und Glück fehlte. Es ist nicht das Glück, das man der Fortuna zuspricht, sondern das der Märchen, in denen stets der Schwächste oder Jüngste durch Zufall von der Gefahr nicht entdeckt wird. So findet das Glück zurück, weil der Gerechtigkeit eine Gelegenheit eröffnet wird, sich wiederherzustellen. In diesen Momenten können Wünsche wahr werden. Fortuna dagegen ist das Glück der Herrschenden, unberechenbar und willkürlich. Sie ist die zufällige Fügung, die mit dem geschenkten Glück blendet und die Angst provoziert vor denen, die sich dieser Blendung verweigern. Gebildete Menschen suchen immer wieder die Nischen, in denen sie die Gespräche fortsetzen können. Gespräche und Erzählungen schaffen die Freiräume, die den Zwang der Wirklichkeit aufheben und vergessen lassen. Wer heute aber Kultur und Bildung für alle in Slogans und Förderprogrammen beschwört, hat die Versprechen von Bildung schon längst aufgegeben, oft ohne dies selbst zu wissen. Unter den aktuellen Bedingungen ist es nur konsequent, wenn Künstler sich gegenwärtig dem Kulturbetrieb entziehen wie die Buchfreunde, die in Truffauts Film „Fahrenheit 451“ sich mit ihrem Lieblingsbuch zurückziehen. Es bleibt letztlich nur zu hoffen, dass sich gebildete Menschen unabhängig von Herkunft, Geschlecht und Religion immer wieder in den Nischen begegnen, die sich dem gesellschaftlichen Zwang der bloßen Selbstdarstellung entziehen. Einmal mehr zeigt sich, dass nicht die Technik, sondern vielmehr der gesellschaftliche Zusammenhang darüber entscheidet, ob etwas der Kunst und deren Glück einen Spalt eröffnet oder nicht.

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Randnotiz zum Essayfilm

von Norbert Ahlers

Der Essayfilm „Film Socialisme“  (CH/F 2010) von J.L.Godard verweigert sich der herkömmlichen  Interpretation. Er beschreibt eine Momentaufnahme von der Idee Europas -nicht so sehr, wie sich Europa selbst verstehen möchte, sondern wie es gegenwärtig erscheint. Die Versprechen, für die Europa steht, verlieren sich im Horror der blinden Unterhaltung, deren Formen nicht weniger totalitär sind als die Aufmärsche von Reichsparteitagen. Das Kreuzfahrtschiff, das im Mittelmeer Orte wie Neapel, Alexandria,  Odessa, Barcelona  u.a.m. unmotiviert anfährt, erscheint wie ein autistischer Kosmos. Im geografischen Raum, der einst Europa kulturell begründete, ist diese Gesellschaft nur mit sich selbst  beschäftigt.

Einzelne Figuren verfolgen eigene Geschichten, die aber selbst wie antike Fragmente erscheinen. Die Suche nach dem Gold der spanischen Bank während des Bürgerkrieges oder die Verfolgung obskuren SS- Sturmbannführers Chriwitzkij, der mit verschiedenen Identitäten wie die eines Herrn Goldbergs  seine Verfolger und seine Geschichte überlistet zu haben scheint, selbst aber seine Identität verloren hat.

„Armes Europa“, so das Wort einer jungen Algerierin, die selbst zu einem Teil dieser Gesellschaft geworden ist. Ihre kritische Distanz gegenüber den Illusionen der westlichen Zivilisation ist weniger überzeugend als ihre Schönheit, was der junge Fotograf auf dem Oberdeck gegenüber ihrem Vorwurf entsprechend lakonisch kommentiert. Nirgends findet sich ein Moment moralischer Entrüstung, doch überall eine Sehnsucht nach einer anderen, besseren Wirklichkeit. Eine Sehnsucht, der man selbst nicht mehr vertrauen mag und sich nur in der Not  vorsichtig annähern mag. Glück und utopische Entwürfe scheinen in Europa durch die eigene Geschichte vertrieben worden zu sein so wie einst der Glaube an Zwerge und Feen im  18. und 19. Jahrhundert.  Dem Irrationalen hat man sich durch Terror entledigt. Was bleibt, ist der Horror einer besinnungslos unterhaltenden Gesellschaft, die Erlösung nicht mehr denken darf, ohne die Krematorien schon am Horizont wieder zu erahnen. Eine mediale Gesellschaft, die sich in der  Allgegenwart der Bilder permanent selbst vergewissert, treibt wie ein Trabant durch den Raum, ohne dass die Geschichte noch ein anderes Versprechen  aufschimmern lässt als das des Untergangs.

Das Godard  seinen Film auf der Costa Concordia drehte, die wenig später nahe einer Mittelmeerinsel auf einen Felsen auflief und versank, erscheint einem wie eine böse Bestätigung dieser Perspektive zu sein.

Arbeiten, die nicht Dienstleistungen für die Unterhaltung sind, finden an der Außenwand

wirkliche Ausdrucksformen freischwebend: Arbeiten, die nicht Dienstleistungen für die Unterhaltung sind, finden sich an der Außenwand wieder –

Gesellschaftliche Visionen werden zusehends abgelöst von religiösen Gesellschaftsentwürfen, denen man oft Rückständigkeit unterstellt, die aber beängstigend aktuell sind. Nicht die religiösen Entwürfe mit rigiden Gendermodellen scheinen von Vorgestern zu sein, sondern die humanistischen oder sozialistischen Ideen, deren Ohnmacht sich gegenüber den globalisierten Verkehrsformen der Warenwelt mehr als deutlich zeigt.

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Kreativcluster – die Illusion vom nie versiegenden Rohstoff

von Norbert Ahlers

Kreativcluster – ob in Portfolios von workshops oder in Grundrissskizzen der geplanten Gebäudenutzung leerstehender Hallen und Ruinen. Die Kreativwirtschaft verspricht eine dynamische Wucht. Der Begriff funktioniert, ohne auch nur eine konkrete Idee zu formulieren. Auch wenn man hier offensichtlich eher etwas beschwört als es zu verstehen, scheint es offensichtlich zu sein, dass hier vor allem von Ressourcen die Rede ist, weniger von Produkten.

Es bleibt allerdings die Frage, wer über diese Ressourcen verfügt? Der Aufschrei der Autoren, dass die digitale Technik auch einen Enteignungsprozess durch die Nutzer mit sich gebracht habe, ist nicht mit einer Handbewegung wegzufegen. Von diesem Enteignungsprozess profitieren vor allem gigantische Majors wie google oder facebook, weniger die Nutzer. Die Idee, dass z.B. Crowd-Funding ernsthafte alternative Finanzierungsmodelle darstellen oder man über Youtube eine Community um sich scharen kann, die einem als Sprungbrett für eine etablierte Karriere dient, funktioniert als kreatives Versprechen, aber nicht als Methode. So wird heute mit digitalen Foren eine Dynamik assoziiert, die früher die Goldfunde am Klondike River evoziert haben.

Es ist, als hätte man mit der Entdeckung des kreativen Potentials endlich wieder eine Quelle entdeckt, die wie einst das Öl, die Voraussetzung für die Illusionen des Fortschrittsdenkens ist: ein nie versiegender Rohstoff. Der Witz dabei: diese Quelle hat man selbst kreiert, denn man muss nicht nach ihr in schwer zugänglichen Gesteinsschichten schürfen, sondern lediglich kreative Freiräume bieten.

Die Crux bei dieser Quelle ist allerdings, dass man dieses bestimmte Umfeld schaffen und pflegen muss, in dem sich diese Ressource entfalten kann. Anders ausgedrückt: wie lassen sich Menschen kostengünstig zusammenbringen, die sich an diesem Ort wohlfühlen, permanent initiativ sind und sich gegenseitig eine Idee von Avantgarde vermitteln, die stilbildend ist und den Ort für finanzstärkere Kreise attraktiv werden lässt. Die Kommunen sehen sich dazu gedrängt, für die Kreativbranche kostengünstige Freiräume zur Verfügung zu stellen, um im Städteranking eine bessere Voraussetzung zu haben. Die zumeist jungen Kreativschaffenden sollen urbanen Brachen ein neues Flair geben, so dass das Leben vor Ort hip zu sein scheint. Irgendwer bastelt an neuer Musik, präsentiert sie in einem verborgenen Club, ein anderer entwickelt virtuelle Partizipationskonzepte oder modelliert an einem virtuellen Design und trotz aller Sorgen gibt es immer noch irgendwo einen Latte Macchiato und die Zerstreuung im Chat.

Klassische Konflikte wie der zwischen Arbeit und Eigentum werden bei den Hipstern ausgeblendet, als unzeitgemäß ignoriert. Überraschenderweise scheint aber nun über die Urheberrechtsdebatte sich gerade dieser Konflikt wieder zu thematisieren. Das Verheerende aber ist, dass man eine sehr genaue Idee davon hat, dass die herkömmlichen Vertriebsstrukturen durch die digitalen Techniken nicht mehr funktionieren und somit auch nicht mehr die Eigentumsformen geschützt werden können. Was einerseits wie eine Befreiung, wie eine längst überfällige Wiederaneignung klingt (Wissen im Web ist zur virtuellen Allmendewiese geworden), scheint hinterrücks ein gigantischer Prozess wie der der spätantiken Kolonenlegung zu sein.

Aufprall der Verhältnisse

Nach einer harten, jahrelangen Ausbildung werden junge Menschen aufgefordert, mit geringfügig entlohnten Dienstleistungsjobs die Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben zu schaffen, die aber nur in Ausnahmen die materielle Grundlage sichern oder gar eine etablierte Existenz nach altem Muster schaffen können.

Eigentumsrechte an Ideen sind eine Illusion, denn der Wert einer Idee entwickelt sich ja erst, wenn sie einen Handelswert entwickelt, dann aber ist sie in der Regel nicht mehr im Besitz dessen, der sie hatte, sondern in den Händen der Person, die sie mit Lizenz vertreibt. Ideen werden immer produziert. Sind sie gut, werden sie kopiert, setzen sich durch. Das ist keine Frage des Eigentums, sondern des Gebrauchs. Ein reales Einkommen aber hat nur der zu erwarten, der seine Idee in eine Ware verwandeln kann. Dass somit aber der Gebrauchscharakter der eigenen Idee grundlegend verändert wird, wird von den meisten in ihrer Not verdrängt. Das geht soweit, dass die Eigner, nicht die Urheber, gar nicht mehr an den Ideen interessiert sind, sondern nur noch an der Tatsache, dass man sich auf den Foren tummelt. Das kreative Potential agiert in einer doppelten Funktion: als Wertschöpfer und als Warenmasse, d.h. gleichzeitig als Produzent und als Konsument. Eine scheinbar nie versiegende Rohstoffmasse. Anders gesagt: der Fischer ist aus der Perspektive der Geschäftsführung eines Handelskonzerns dem Fisch ähnlicher als dem Abteilungsleiter.

Was auf jeden Fall immer weniger gelingen wird, sind die alten Formen und Strukturen, in denen Künstler und Kreativschaffende vor 20 Jahren eine materielle Existenz schaffen konnten. Neue Modelle sind zu entwickeln und vielleicht sollte man sich aber unabhängig vom Hype um die creative class, um Kreativecluster u.a.m. vor allem auf die kooperative Kraft der Ideen verlassen. Ideen überzeugen, wenn sie Gemeinschaft stiften, wenn man gelegentlich in Kooperation mit Freunden den Zwang des Überlebens in Momente eines Lebens mit Freude verwandelt.

„Solidarity ist the next sexy“ („Rasende Ruinen“ von Katja Kullmann)

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Versprechen der Bildung rekonstruieren – Eine kurze Notiz für eine Chance

von Norbert Ahlers

Wenn deine Söhne, Kallias, Füllen oder Kälber wären, wüßten wir wohl einen Aufseher für sie zu finden oder zu dingen, der sie gut und tüchtig machen würde in der ihnen angemessenen Tugend: es würde nämlich ein Zureiter sein oder ein Bauer; nun sie aber Menschen sind, was für einen Aufseher bist du gesonnen ihnen zu geben? Wer ist wohl in dieser menschlichen und bürgerlichen Tugend ein Sachverständiger?“ (Sokrates )

Das Wort, die „Versprechen der Bildung zu rekonstruieren“ ist das zentrale Grundverständnis der Kineskop-Filmschule. Doch was heißt dieses Motto konkret?

Bildung wird in der Kineskop-Filmschule als die Förderung des Entwicklungsprozesses eigener Interessen verstanden. Ein Prozess, in dem man nicht nur über die eigene Persönlichkeitsentwicklung und das eigene Verhältnis zur gesellschaftlichen Wirklichkeit reflektiert, sondern zu einem Vertrauen in ein lernendes Handeln durch Kooperation ermutigt wird.

Abschauen ist eine tradionelle Form des Lernens. Es ist eine Art Kooperation, denn Wissen ist auf Teilhabe angelegt. In der Schule ist Abschauen allerdings verpönt. So lernen Kinder vorzeitig etwas über Copyright, aber weniger über Kooperation.

Die Idee der Chancengleichheit durch die eindimensionale Egalisierung von Bildungsabschlüssen führt zu einem Missverständnis. Bildungsabschlüsse werden reduziert auf bloße Leistungsnachweise und Zugangsberechtigungen. Die weiterführenden Bildungsinstitutionen, zu denen man nun Zugang erhält, verstehen sich jedoch auch nach Jahrzehnten nicht als schulische Massenbetriebe, sondern immer noch als Anstalten eines exklusiven Bildungsbürgertums. Diese Institutionen, vor allem die Universitäten, sind weder mental noch strukturell darauf eingestellt.

Im Zusammenhang mit den akademischen Abschlüssen gilt immer noch das protestantische Ideal, dass eine lange Ausbildungszeit auch ein langer Verzicht auf ein reales Gehalt ist und schließlich mit dem akademischen Grad und einer entsprechend höheren Besoldung vergütet bzw. belohnt wird. Das aktuelle Urteil des Karlsruher Bundesverfassungsgerichtes und dessen Begründung zur Praxis der Professorenbesoldung dokumentiert dies. Doch die Frage bleibt, weshalb ein Hochschulprofessor mehr verdienen sollte als eine Grundschullehrerin oder Erzieherin? Die Verantwortung einer Grundschullehrerin ist nicht einen Moment geringer als die eines Professors.

Vor diesem Hintergrund wird die Auseinandersetzung, wie eine emanzipative Bildung in der aktuellen Situation verstanden werden kann, immer wieder relevant.

In der Kineskop wird Bildung als das Entdecken des eigenen Interesses verstanden, denn wer ein eigenes Interesse hat, besitzt eine Perspektive und kann mit dieser Lust auch schwierige Lebensphasen überstehen. Bildung ist daher das Fundament für ein individuelles Selbstvertrauen, das durch eine offene Neugierde und Sorgfalt gegenüber dem Gegenstand des Interesses geprägt ist. Dieses Interesse kann nicht singulär sein, sondern wird sich nur in Zusammenhängen entfalten. Diese Zusammenhänge sind die der gesellschaftlichen Verhältnisse, sowohl die der Geschichte als auch die zeitgenössischen Bedingungen und Begebenheiten.

Das erkenntnisleitende Interesse – so verstanden – führt notwendig zur Kooperation, denn dass die Verhältnisse nicht so sind, dass man sich als intelligenter Mensch mit ihnen abfinden kann, drängt einen zur Veränderung. Dieser Widerspruch motiviert einen zur Suche nach Verständnis, Alternativen und Veränderungen.

Wenn Bildung zum Handeln motiviert, ohne dass einen das eigene Interesse blind macht für die Interessen anderer, dann ist Kooperation und Achtung vor der Würde des Anderen ein zentrales Versprechen der Bildung. Respekt vor dem Leben basiert auf Selbstvertrauen und das wiederum erwächst in der Pflege, der Aufrichtung und der Stärkung eines eigenen Interesses.

Die Kineskop sucht in ihren Projekten die Schülerinnen und Schüler immer wieder zu ermutigen, die literarischen Vorlagen als ein Angebot zu verstehen. Durch eigene erzählerische Interpretationen können Schülerinnen und Schüler sie neu verstehen und sie sich unabhängig vom Erwartungsspektrum eines Lehrplanes aneignen.

Immer deutlicher wird aber, dass man sich nicht allein in den Projekten isoliert auf die Schulklassen konzentrieren darf, sondern die Eltern integrieren muss. Schule und außerschulische Projekte können ermutigende Momente schaffen, doch all das gelingt nur, wenn diese von den Erziehungsberechtigten unterstützt werden. Chancengleichheit existiert erst dann, wenn Bildung nicht auf einen Kanon und Codesysteme der Exklusivität setzt, sondern die Vielfalt der Sprachen pflegt, sowohl Altgriechisch als auch den subkulturellen Slang.

Ein Verständnis dieser Art setzt nicht nur engagierte Lehrkräfte voraus, sondern auch Personen, deren Bildungsverständnis eben den oben skizzierten Ansprüchen genügt. Lehrkräfte sind Sachverständige der Tradition und des Alltags. Dieser Sachverstand beweist seine Kompetenz, indem er sich neu den Herausforderungen und Konflikten der Gegenwart stellt. Herausforderungen, die gerade Jugendliche in ihrer Sensibilität für Widersprüche, immer wieder neu artikulieren. Eine Gesellschaft, die der Schule neben dem Wissenstransfer mehr und mehr sozialpädagogische Aufgaben zuspricht, fordert ein neues Bildungsverständnis und eine Schule, die die Lehrkräfte ermutigt, diese Herausforderung wahrzunehmen.

Die Kineskop versteht sich hier als ein Freiraum, in dem neue Entwicklungen in der Bildungspraxis erprobt werden. Kooperationen basieren auf Gesprächen und Gespräche wiederum auf Bildung. Eine Bildungsidee aber, die die Kritik Foucaults am Humanismus ignoriert, scheitert genauso wie diejenige, die die humanistischen Bildungsversprechen abschütteln möchte.

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