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Ein Dilemma zwischen Zuckerhaus und Werkgespräch – das Literaturhaus in Heidelberg

von Norbert Ahlers

Heidelberg möchte sich als Unesco-Literaturstadt bewerben, eine Stadt, die einerseits bemerkenswerte Verlage beheimatet und die andererseits für ihre Größe ein überdurchschnittliches Kulturangebot hat. Doch ein Blick in das Verzeichnis der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten provoziert Zurückhaltung: in der Stadt der Romantik gibt es keine anerkannte Literaturgesellschaft. Doch es gibt eine Initiative für ein Literaturhaus.
Mit der Schließung des Kinos Lux-Harmonie in der Altstadt stehen die Nutzungskonzepte des Wormser Hofes noch einmal zur Diskussion. Eine Idee ist, hier neben anderen kommerziellen Unternehmen ein Literaturhaus einzurichten. Damit wäre ein Kulturzentrum besonderer Art geschaffen, dass sich in unmittelbarer Nähe von Theater, Kunstverein und Museum befände.
Doch die Schwierigkeiten und Vorbehalte sind groß. Ein Kulturhaus wie das DAI versteht sich selbst schon als ein Haus für Literatur, veranstaltet in diesem Zusammenhang aber lediglich Lesungen bzw. Vorträge, die Stadtbücherei ist gegenüber einem weiteren Veranstaltungsort für Literatur skeptisch und die Verlage verhalten sich weitgehend abwartend, nur der Verleger Manfred Metzner hat sich dieses Projekt zur einer Herzensangelegenheit gemacht.
Tatsächlich ist es zweifelhaft, wenn man in Heidelberg in einem Literaturhaus lediglich einen Veranstaltungsort für Lesungen versteht, bei denen man im Foyer einen Kaffee trinken und im jeweiligen Verlagsprogramm stöbern kann. Veranstaltungen dieser Art kann man tatsächlich den schon bekannten Kulturhäusern am Ort überlassen. Was dort geschieht, hat weniger mit lebendiger Literatur als mit dem herkömmlichen Kulturbetrieb zu tun.
Es ist ermutigend, wenn eine junge Autorin in Heidelberg die Leiterin eines interkulturellen Zentrums wird, genauso wie die Beharrlichkeit einer Heidelberger Autorengruppe mit einem eigenen Kleinverlag, die seit über 20 Jahren jungen Autoren ein erstes Auftreten in der Öffentlichkeit und literarische Experimente ermöglicht. Es ist beeindruckend, dass in dieser Stadt v verschiedene Verlage ihren Sitz haben, deren Programm ausgesprochen qualifiziert ist. Doch es gibt in Heidelberg keine literarische Szene, die über das Stell Dich ein beim Poetry Slam hinausginge.
Ein Literaturhaus in Heidelberg wäre ein wirklicher Gewinn, wenn es mehr wäre als bloße Veranstaltung. Das Konzept des vor kurzem gegründeten Literaturhaus Heidelberg e.V. klingt wie ein Wunschkonzert ohne Schwerpunkt, ohne inhaltliche Vision. So hat man den Eindruck, dass die Forderung nach einem Literaturhaus mehr einer Pose als einem Lebensgefühl entspricht. Es ist wichtig neue Wege zu gehen, d.h. nicht nur für die klassischen Formen der Buchliteratur, sondern z.B. auch die Nähe zu Bloggern suchen, aber auch zu Filmemachern, Hörspielautoren oder Theaterregisseuren. Literarische Netzwerke entwickeln im Sinne von gelehrten Gesprächskreisen. Literatur ist keine Veranstaltungsreihe, sondern eine Haltung zum Leben. Dafür stand Heidelberg zu verschiedenen Zeiten. Man kann aber solch eine Koinzidenz von Ort und Lebensgefühl nicht willkürlich kreieren oder inszenieren – schon gar nicht mit Begriffen wie Festival- oder Metropolregion. Man kann aber Rahmenbedingungen schaffen, die solche Koinzidenz zulassen oder begünstigen.

Der Blick des Lesers gegenüber der Kamera ist ein skeptischer, weil der Dialog mit ihr ohne Rücksicht ist. Während ein Buch eine Haltung beschreibt, ohne dass der Leser dieselbe einnehmen muss, fordert die Kamera die Haltung heraus, die man von sich selbst erwartet.

Der Blick des Lesers gegenüber der Kamera ist ein skeptischer, weil der Dialog mit ihr ohne Rücksicht ist. Während ein Buch eine Haltung beschreibt ohne dass der Leser dieselbe einnehmen muss, fordert die Kamera die Haltung heraus, die man von sich selbst erwartet.

Wem aber nützt ein Literaturhaus und wie könnte man es finanzieren? Primär wäre es vor allem denen von Nutzen, die Literatur so sehr brauchen wie andere das tägliche Brot. Das ist nicht nur eine bestimmte Gruppe von Lesern, es sind die Autoren und die Verleger. Die Verlage schaffen mit einem Literaturhaus mehr als nur eine Vitrine des eigenen Verlagsprogramms, sondern einen Ort für junge Autoren, die dort ihr eigenes Schreiben weiterentwickeln können und Verleger kennenlernen, die ihnen entsprechen. Junge Schriftsteller kämen nach Heidelberg, um hier schreiben zu können – nicht als beauftragte Stadtschreiber, sondern als freie Autoren, die hier mit anderen über ihre Arbeiten sprechen könnten, die ihr Gespür, ihren Blick und ihren Ausdruck für die Wirklichkeit im Gespräch mit anderen reflektieren müssen.
Die ersten Schritte zu diesem Modell könnten die Verlage (Genossenschaftsanteile) und die Autoren (Studiengebühren) zu einem Teil aus eigener Kraft finanzieren. Vielleicht fände sich auch ein Mäzen – vorausgesetzt es ginge ihm um Literatur und nicht um das Klischee dieser Stadt. Das Gleiche gilt im Übrigen auch für eine freie Filmschule in Heidelberg.

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Anspruch hat, was keine Kasse macht.

von Norbert Ahlers 

Die Sachlage ist verzwickt: Wenn Herr Kraus den Bund der Steuerzahler auf den Heidelberger Haushalt (vgl. RNZ-Artikel vom 15.12.12) aufmerksam macht, dann geschieht das nicht ohne Eigeninteresse. So basiert z.B. das „Alte Hallenbad“, dessen Eigner er ist, auf einem Konzept von Kultur und Konsum, das sich gegenüber den Veranstaltern wie DAI, Karlstorbahnhof, halle 02, Hebelhalle u.a. behaupten muss. In diesem Wettbewerb sind ungedeckte Mehrausgaben im kommunalen Kulturbereich für kommerzielle Veranstalter ein Ärgernis. Die Kommune ist verschuldet, muss aber investieren und will Standards halten. Die Standards sind dynamisch und entwickeln immer größeren Finanzbedarf. Es gibt einen Konsens, in die Bildung zu investieren, um der kommenden Generation eine Option für eine Zukunft zu eröffnen. Kulturförderung wird somit immer mehr als Bildungsarbeit begründet und legitimiert. Kulturschaffende greifen diesen Gedanken nur allzu gerne gedankenlos auf und bezeichnen jede Form der Bespaßung als Kulturarbeit. Mit Bildung aber hat das kaum etwas zu tun, trotzdem hält man an diesem Zusammenhang fest. Der Kulturbetrieb scheint ein Versprechen vor sich herzutragen, auf das man setzen und vertrauen möchte wie in anderen Zeiten auf die Religion. Das erscheint irrational, aber wer Kasse macht, macht es immer auf Kosten anderer. Demgegenüber ist Kultur, wenn sie denn für einen Anspruch steht, nicht nur ein ermutigendes Versprechen, sondern auch eine Verpflichtung. Bevor man auf die Schulden schaut, sollte man sich entscheiden, was einem wichtiger ist: das Versprechen der Bildung oder einfach nur das, was Kasse macht.

 

 

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Premiere des BERGKINO Boxberg/Emmertsgrund

von Norbert Ahlers

Am 20.06. hatte das Heidelberger BERGKINO auf dem Boxberg/Emmertsgrund seine Premiere. Im Rahmen des Projektes „Beton heißt Stärke“ haben Schülerinnen und Schüler der Waldparkschule ihr Kino dem Stadtteil vorgestellt. Die Leistungen der Schüler waren beeindruckend. Unter der beharrlichen Begleitung ihres Klassenlehrers Hubert Hug und mit der medienpraktischen Unterstützung seitens der Kineskop-Filmschule haben die Jugendlichen einer 8.Klasse im Verlauf des Schuljahres einen eigenen Kurzfilm gedreht, eine Fotoausstellung mit eigenen Aufnahmen zusammengestellt und einen eigenen Kinoabend organisiert. Dieser Abend war gleichzeitig der Auftakt, mit dem sich die Jugendlichen als eigene, frischgegründete Schülerfirma präsentierten. Mit „La Haine“ (M. Kassovitz, F/1995) hatten sich die Schüler zudem einen Film ausgesucht, der inhaltlich konfrontativ und ästhetisch anspruchsvoll ist.

Der Kurzfilm „Die Neue“ auf der eigenen Kinoleinwand.

„Die Neue“, der eigene Kurzfilm der Schüler, erzählt von einem Mädchen, das erst vor kurzem auf den Emmertsgrund gezogen ist und einem Jungen, der sich allein in seinem Stadtteil behaupten muss, aber in jedem Hindernis auch die Herausforderung eines eigenen Weges entdeckt. Er läuft Parkour, weil es ihm Spaß macht, auch wenn er dafür kein Verständnis findet. Er und das Mädchen, beide Außenseiter, finden, was ihnen die Umgebung verwehrt: Geborgenheit und Anerkennung.

Eindrucksvoll waren die Fotografien der Schüler, die sie unter der Begleitung von Max P. Martin in verschiedenen Workshops aufgenommen haben. Über die Ablichtung verschiedenster Orte wie etwa die Parkgaragen im Ermmertsgrund, das Iduna-Center auf dem Boxberg oder etwa die St.Paul-Kirche näherten sich schließlich die Jugendlichen auch der Arbeit eigener Portraitaufnahmen an. Dabei entstanden erstaunliche Bilder von Jugendlichen, die in ihrer Haltung, in ihrem Lachen und ihrer Skepsis wohl in einer ganz besonderen und gelungenen Form vom Leben auf dem Berg erzählen.

Orte und Gesichter vom Berg – die Bildergalerie der Jugendlichen

Im Boxberger „Holzwurm“ wurde mit Unterstützung von Ingo Smolka das örtliche Jugendzentrum mit einfachen Mitteln in ein Kino verwandelt, was für manchen auch ein déjà-vu gewesen sein mag. Es war ein Filmabend, der in seinem improvisierten Rahmen und mit seiner Authentizität an die frühe kommunale Filmarbeit erinnerte. Die selbst zubereiteten Kinosnacks wie Humus, Guacamole, Nachos mit eigenen Saucenkreationen oder eine selbst zusammengemixte Limonade waren eine angenehme Bereicherung, die manch anderes professionelle Kino adaptieren könnte. Die Ernsthaftigkeit, die Energie und die Anteilnahme, die die Jugendlichen bei der Vorbereitung dieses Abends zeigten, verblüffte manche Lehrkraft. Von 07:45 Uhr bis 21:00 Uhr waren die meisten von ihnen an diesem Tag fast ununterbrochen in der Schule bzw. in einer schulischen Veranstaltung.

die Alternative zu Popcorn

In all diesen Anstrengungen ist die Idee zu wiederzuentdecken, dass ein Kino mehr ist als nur eine Leinwand für projizierte Unterhaltung. Das BERGKINO hat die Perspektive und das Potential, ein Ort des Dialogs zu werden. Für ein zeitgenössisches Kino ist das eher ungewöhnlich und in Heidelberg, wo sich in den vergangenen Jahren die Kinosituation drastisch verändert hat, ist dieses Kinoprojekt umso bemerkenswerter: die Schüler haben mit dem BERGKINO die Filmkultur zu sich in ihren Stadtteil geholt. Ein Projekt, das durch die Kineskop initiiert, durch die Waldparkschule ermöglicht und den ESF-Fonds „Stärken vor Ort“ gefördert wurde. Eine Stärke, die auch im Zentrum der Stadt zur Kenntnis genommen werden muss.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Filmabende fortgesetzt werden, dass die Akustik verbessert wird und die Crew die notwendige Beharrlichkeit und den unbestechlichen Eigensinn hat, die dieses ungewöhnliche Projekt von allen Beteiligten immer wieder fordert. Die Premiere war auf jeden Fall ausgesprochen ermutigend.

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Schafft Leiden, aber schafft!

von Hanna Miethner

Trink deine Milch nicht zu hastig, binde dir die Schuhe fest, schaue dich um bevor du die Straße überquerst, sei bedacht und übernimm dich nicht, teile deine Zeit gut ein, sei nicht so neugierig. Es ist das Drängen der Besorgnis; das Postulat einer jeden erziehenden Hand und doch ist es der schmucklose Tod jeder Leidenschaft.

Der Waldspaziergang. Und unter einem biegt sich der Pfad, kokettiert doch mit kleinen Verheißungen, kaschiert von zaghaftem Blattwerk, das sich nicht insistierend genug, nicht intransparent genug über diese kleinen Versprechen legt. Und so wird es schwer, das halb Verborgene zu ignorieren. Die kühle Milch nicht hastig, verzehrend und gierig die Kehle hinunterzustürzen. Kaum hat man sich von der mütterlichen Kralle losgesagt, knackt das Unterholz, lockt der Specht, drängt das Dunkel. Es ist das virgin territory, das treibt. Es appelliert an den Expeditionsdrang und verhöhnt mit seiner unangetasteten Unerschlossenheit den Hegemonialanspruch des Menschen. Wieso? Wieso wollen wir erschließen, wissen, schaffen, kreieren, bauen, konstruieren, destruieren?

Zwanzig Prozent. Zwanzig Prozent des Brasilianischen Regenwaldes sind gerodet. Einem hegemonialen Anspruch ist damit bereits eindrucksvoll Rechnung getragen. Weite Areale sind also nicht nur von ihrem querelenden Status der Unerschlossenheit befreit, sondern dazu noch ganz destruiert worden. Es ist totale Macht, es ist das Monopol der Intelligenz gepaart mit pervertiertem Aktionismus und Determinismus.

photo shooting – Studioinszenierung des virgin territory aus der Perspektive des Kolonialisten


Leerstellen sind zunehmend zur Provokation gereicht und implizieren anscheinend den Appell der Beseitigung. Man will sich nicht länger in Gefilden des Halbwissens wähnen, sondern auf solidem, gefestigtem Boden bauen. Vorzugsweise Häuser, Fabriken, Unternehmen und Straßen.

Es stellt sich ganz ernsthaft die Frage, was Triebkraft von Innovation und Kreativität sein kann. Ist es der Anflug von Macht und Herrschaft, der sensibel scharf an der Nase kitzelt oder ist es schlicht das Fressen? Bewegen wir uns nur, weil wir müssen; ist Aktionismus zuweilen der Weg des geringsten Widerstandes, wenn Passivität uns Gefahr laufen ließe, finanziell unpässlich zu werden oder schlimmer: gesellschaftlich geächtet zu sein? Angst als Katalysator allen Schaffens?

Ein Sklave arbeitet und neben ihm seine Angst vor der Peitsche. Die Sanktion gehört in historischer Dimension scheinbar zur Arbeit – nicht dividierbar und schon gar nicht optional. Arbeit und Strafe formulieren einen finalen und programmatischen Duktus. Final weil unausweichlich und programmatisch weil er immer mehr ein Verständnis von Arbeit modelliert: Arbeit als zu belohnendes Faktum. Keine Arbeit analog evoziert die negative Sanktionierung, körperliche Züchtigung, Konditionierungsmechanismen, die Zuwiderhandeln eliminieren und ein funktionales, unbeirrbares System der Arbeit fundieren.

Können wir das aber nun tatsächlich in die Gefilde der Vergangenheit bannen? Schließlich ist die Sklavengesellschaft längst einer egalitären, pluralistischen, rechtsstaatlichen Demokratie gewichen. Auch jenseits der historischen Materialisten würde wohl kaum jemand in Zweifel ziehen, dass die freie Marktwirtschaft heute in nur wenigen Aspekten mit dem Feudalprinzip vergangener Systeme korrespondiert. Kapitalismus – wahrlich – ist ein Grundpfeiler freien (zuweilen auch ungehemmten) Konsums. Verzicht auf starre, vom Staat diktierte Regulatoren garantiert ein angepasstes Preisspektrum, Mannigfaltigkeit an Produkten und den Zugang zu etwaigen Erzeugnissen, benötigt oder vorgeblich benötigt. Kapitalismus birgt immense Freiheitskapazität- aber eben auch die Freiheit, zu scheitern. Es kauft, wer kann. Es produziert, wer besitzt. Wer aber nichts besitzt, der bietet seine Arbeit an, um teilzuhaben. Der Mensch ist der arbeitende Mensch und wenn er dieses Attribut verliert, büßt er einen Teil seiner Würde, seines Seins, gar seines Wertes ein. Arbeit ist der Definitions- und Identifikationsmittelpunkt einer arbeits- und effizienzzentrierten Gesellschaft. Und plötzlich ist die Peitsche wieder ganz nah. Sie hallt in den Schritten durch zahlreiche Korridore zahlloser Bürgerhäuser. Sie knallt in der Scham derer, die eine Nummer ziehen um sich arbeitslos zu melden. Sie klirrt im Portemonnaie der Großfamilie und verwebt sich mit der Leere eines Montagmorgens.

Sanktion gehört nach wie vor untrennbar zur Arbeit und garantiert ihren reibungslosen Fortbestand. Um einem Missverständnis vorzubeugen: die Gebundenheit der Arbeit an die Strafe ist nicht gleichbedeutend mit einem irrwitzigen Szenario, in dem jeder seine Arbeit notgedrungen und fluchend verrichtet. Der Umstand, dass Arbeit nunmehr der signifikante Identifikationsfokus eines Individuums ist, misst ihr eine umso höhere Gewichtung bei. Sie mag die dominante Konstituente einer Persönlichkeit sein, sie ist doch bei weitem weder die einzige noch die einzig verhasste. Der Mensch ist weder ein maschinelles Produktionsmittel noch muss er sich unter das Joch der Zwangsarbeit gestellt sehen. Unbestreitbar bleibt nur, dass Arbeit eine materielle sowie soziale Notwendigkeit ist. Und da stellt sich die virulente Frage, ob die menschliche Schaffenskraft nun tatsächlich immer und ausschließlich auf die positive Sanktion, auf Entlohnung, schlicht auf das Fressen ausgerichtet ist?

Würde noch jemand irgendetwas produzieren, wenn er nicht müsste? Eine Frage, deren positive Beantwortung die Opponenten des bedingungslosen Grundeinkommens kategorisch in Zweifel ziehen. Ob die Befürworter als hoffnungslose, realitätsgelöste Utopisten zu diskreditieren sind, oder nicht: sie wagen das Postulat: Ja, da ist eine andere Antriebskraft des Menschen, die ihn produktiv, gebraucht werden lässt. Und es ist nicht primär das Kapital oder die Aussicht auf Entzug desselben. Was ist es dann also?

Ist es der Anspruch der Macht? Wollen wir einfach nur alles, was wir nicht beherrschen können ausmerzen, unserer Kontrolle willfährig machen? Die uferlose Gier nach Allwissen, nach Expansion in das Unbekannte? Reißen wir uns nur deshalb von der bewahrenden, bekümmerten Mutterhand los: eben weil wir es nicht ertragen, dass uns ein Teil unserer universellen Macht noch vorenthalten ist? Sicher ist auch Macht ein stimulierender Motor. 20 Prozent des Brasilianischen Regenwaldes zu zerstören, ist eine enorme Schaffensleistung. Die imperiale Beherrschung genuin souveräner Menschen ist ein beachtlicher administrativer Kraftakt. Invasion, Intrige, Herrschaftssicherung oder auch viel beschiedener: die Mehrung von Kapital bedürfen raffinierter, geradezu kreativer Propaganda, einer unfehlbaren Strategie, einer initiativen Aktion. Ist das kreatives Schaffen? Hält das die Menschheit zusammen und treibt sie an, neue Ufer zu erstürmen? Sicher. Der Wille treibt. Der Mensch ist aktiv.

Aktion, die sich völlig am Erstreben von Macht abarbeitet und dem Erwerb opportunistischer Privilegien geschuldet ist, macht sich zur Leibeigenen ihrer Usurpatoren. Welch eine traurige Perspektive, Schaffen, auf Übel und Böswilligkeit zu reduzieren. Was bleibt denn schließlich?

Wenn der Mensch also nur schafft, weil er Sanktion fürchtet oder nach Macht strebt, dann darf es heute keinen einzigen Künstler geben, es darf kein Mensch eine Neigung bedienen, die nicht der Effizienz, dem Erwerb, Vorschub leistet. Wir dürfen nicht fühlen und wir dürfen nicht untätig sein, dürfen nicht glauben, nicht hoffen, nicht schreien, müssen unsere Milch mäßig schnell trinken, unsere Schuhe fest binden, vorsichtig sein, uns nicht übernehmen und nicht neugierig sein.

Stagnation. Ein Todesurteil. Wo jeder Impuls getilgt ist, entsteht nichts. Es entsteht aber, es wird, es fühlt und strebt und lebt.

Jemand der schafft, der eine Leerstelle findet, der muss sie für sich füllen. Er muss sich dabei aufzehren und sich darin ergehen. Ohne Aussicht auf Erfolg, ohne Entlohnung, ohne eine realistische Chance auf Machtmehrung treibt ihn seine Neugierde, sein Verlangen nach dem Dunkeln. Ihn treibt das Menschsein selbst. Nicht das Kapital, nicht die Macht. Die motivieren andere Prozesse. Meist münden die aber naturbedingt in Frustration, Depression oder schlicht einem destruktiven Desaster. Der Mensch, der handelt, weil er aus sich heraus muss, der ist der Depression keineswegs gefeit. Er mag sogar bitterlich ängstlich sein, aber er muss es wagen. Er muss. Und so rennt er. Er leidet. Voraussichtlich völlig erfolglos und mit nichtigem Ergebnis. Aber so ist die Leidenschaft: sie ist grausam, sie tut weh und belässt nichts wie es war. Gepriesen sei sie!

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Auf der Suche nach Orten, an denen Kunst entdeckt werden kann und nicht dem Event dient

von Norbert Ahlers

Mit der bevorstehenden Digitalisierung wird die Frage nach der Zukunft des Kinos seit einiger Zeit immer vehementer diskutiert. Eine Auseinandersetzung, die vor allem im Bereich der kommunalen Kinos präsent ist, entscheidet ja letztlich diese Entwicklung sowohl über die betriebswirtschaftliche Perspektive vieler dieser kleinen Kulturinstitutionen als auch über das Selbstverständnis, was denn gegenwärtig Kino überhaupt ist. Ist es lediglich die Projektion bewegter Bilder auf eine größere Leinwand vor einem Publikum oder ist Kino auf immer mit dem Kulturgut Film assoziiert und so auch mit der nostalgischen Vorstellung von der Technik des beschichteten Zelluloids, des 35mm-Projektors und der Figur eines eigenbrödlerischen Filmvorführers? Die betriebswirtschaftliche Wirklichkeit hat diese Frage schon längst entschieden und jedes Kino wird die Digitalisierung realisieren, sofern es die Investitionen für die Umstellung aufbringen kann.

Steht man am Strand, richtet sich der Blick in der Regel auf das Meer, nicht auf das Land. Kinder wenden im Spiel den Blick auf das, was ihnen wichtig ist

Wie aber verhalten sich die Filmemacher? Die Frage mag irritieren, denn gerade weil die überwiegende Mehrzahl der Filmemacher fast ausschließlich die digitale Technik nutzt, forciert sie ebenso wie die Verleiher den Prozess der Digitalisierung. Es überrascht aber, dass sich offensichtlich viele der innovativen Filmemacher zusehends vom Kino abgewendet haben. Sie suchen andere Orte der Präsentation wie etwa Ausstellungsorte (so z.B. Harun Farocki) oder komplexe DVDs, die kein Kino oder TV-Sender vorstellen würde (vgl. Arbeiten wie „Nachrichten aus der ideologischen Antike“ von Alexander Kluge). Es scheint, als wollten sie sich als Intellektuelle in ökologische Nischen zurückziehen, tatsächlich aber zeigen sie die neuen Orte auf, in denen man den Freiraum des Gesprächs neu entdecken kann. Die Nische sollte nicht als Sparte missverstanden werden, denn im Zusammenhang mit der Medienwirklichkeit ist die Sparte ein klar abgegrenzter Raum, der ebenso nach den Regeln der Quote bzw. des Relevanznachweises organisiert ist wie alle anderen Kanäle auch. Nichts Schlimmeres scheint einer Idee oder einem Experiment widerfahren zu können als deren Entdeckung durch Kulturangestellte, Kreative oder Hipster. Sie sind diejenigen, die unter genauer Beobachtung die neuen Trends aufspüren, um sie dann an den Kulturbetrieb auszuliefern. Dieser aber bedient sich dieser Ideen nur, um mimetisch die neuen Entwicklungen aufzunehmen und ihren Köpfen die Anerkennung zu geben, nach der sie so sehr gieren und um gleichzeitig ihnen alles Emanzipative und Befreiende zu entreißen. Es erscheint einem wie das grauenvolle Bild aus dem Mythos, in dem erzählt wird, wie viele durch den Blick der Medusa erstarrt sind, weil es ihnen an List und Glück fehlte. Es ist nicht das Glück, das man der Fortuna zuspricht, sondern das der Märchen, in denen stets der Schwächste oder Jüngste durch Zufall von der Gefahr nicht entdeckt wird. So findet das Glück zurück, weil der Gerechtigkeit eine Gelegenheit eröffnet wird, sich wiederherzustellen. In diesen Momenten können Wünsche wahr werden. Fortuna dagegen ist das Glück der Herrschenden, unberechenbar und willkürlich. Sie ist die zufällige Fügung, die mit dem geschenkten Glück blendet und die Angst provoziert vor denen, die sich dieser Blendung verweigern. Gebildete Menschen suchen immer wieder die Nischen, in denen sie die Gespräche fortsetzen können. Gespräche und Erzählungen schaffen die Freiräume, die den Zwang der Wirklichkeit aufheben und vergessen lassen. Wer heute aber Kultur und Bildung für alle in Slogans und Förderprogrammen beschwört, hat die Versprechen von Bildung schon längst aufgegeben, oft ohne dies selbst zu wissen. Unter den aktuellen Bedingungen ist es nur konsequent, wenn Künstler sich gegenwärtig dem Kulturbetrieb entziehen wie die Buchfreunde, die in Truffauts Film „Fahrenheit 451“ sich mit ihrem Lieblingsbuch zurückziehen. Es bleibt letztlich nur zu hoffen, dass sich gebildete Menschen unabhängig von Herkunft, Geschlecht und Religion immer wieder in den Nischen begegnen, die sich dem gesellschaftlichen Zwang der bloßen Selbstdarstellung entziehen. Einmal mehr zeigt sich, dass nicht die Technik, sondern vielmehr der gesellschaftliche Zusammenhang darüber entscheidet, ob etwas der Kunst und deren Glück einen Spalt eröffnet oder nicht.

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„Wandel“? – ein Essay zu „Lehrer im Wandel“ von Alexander Kluge

Von Leonie Ahmer

„Sokrates sagt: […] Wenn deine Söhne Füllen oder Kälber wären, ließe sich gegen Lohn ein Wärter für sie finden. Es handelt sich aber um Menschen.“ Mit diesem Plato-Zitat eröffnet Kluges Film und stellt damit bereits jene Frage, um die „Lehrer im Wandel“ kreist: Wie sollen „wir“ „unsere“ Kinder behandeln, von wem sie betreuen lassen?

der Prozess des Lernens setzt Vertrauen voraus


Kluge blendet Bilder ein: Lehrer ab dem 19. Jahrhundert, überfüllte Hallen mit besetzten Schreibtischen, Sokrates, – Hitler mit einem kleinen Jungen. Möglichkeiten, junge Menschen zu versorgen? Zu erziehen? Zu bilden?
Es folgt eine kurze Pause und der mit weißer Schrift vor schwarzem Hintergrund eingeblendete Zwischentitel „Zufriedenheit mit dem Erreichten“. Er suggeriert einen bereits vollzogenen Fortschritt in dem Prozess, der von den gestellten Fragen ausgeht. Was der Zuschauer daraufhin sieht, dürfte ihn wenig überraschen. Szenen aus der Einweihungszeremonie einer Schule: fein gekleidete Männer und einige wenige fein gekleidete Frauen würdigen die Fertigstellung des neuen Gebäudes, Dank gilt den Zuständigen in Politik, Wirtschaft und den Familien der Schülerinnen und Schüler. Schüler spielen Musik, Schülerinnen führen dem ganz in Schwarz und Weiß gekleideten und in perfekt geordneten Stuhlreihen sitzendem Publikum Tänze auf. Das Rednerpult dagegen bleibt eine Domäne der Erwachsenen, der langen Reden und Auflistungen. Bei den gefilmten Rednern lässt sich eine „Zufriedenheit mit dem Erreichten“ feststellen, wie auch beim anwesenden Publikum. Der Zuschauer aber, der durch verschiedene Kamerapositionen über den Vorteil verfügt, die Szene aus verschiedenen Perspektiven und bereits unter einer Fragestellung (Was wurde erreicht? Stellt es mich zufrieden?) beobachten zu können, er bemerkt das Stagnieren des Gezeigten, die große Unvollkommenheit des Erreichten – und verspürt, mit etwas Glück, Unzufriedenheit mit dem, was er als „Erreichtes“ betrachten soll. An diesem Ort, an dem eine „lebendige Schule“ entstehen soll, dominiert die Langeweile. Aller Fokus liegt auf der Einhaltung von Konventionen, jede Aktion ist einstudiertes, inszeniertes Zeremoniell. Und die Schüler scheinen in dieser Veranstaltung mehr als Schauspieler und Musiker mitzuwirken und es ist allzu offensichtlich, dass von Seiten der anwesenden Erwachsenen her kaum etwas anderes erwartet und nicht unbedingt erwünscht ist. „Erreicht“ zu sein scheint eine „Bändigung“ junger Menschen, eine passive Rolle der Jugendlichen in der versammelten Gemeinschaft, eine allgegenwärtige Höflichkeit, die Eigeninitiative und Kreativität, Diskussion und Kritik außen vor lässt.
Wieder wird dem Zuschauer der Sokrates-Ausspruch gezeigt, diesmal ergänzt um einen kurzen Abriss der Geschichte von Lehrern. Besonders der ermordete Sokrates, die Sklaven im alten Rom und die verarmten Pädagogen des 19. Jahrhunderts führen vor, wie es Menschen ergehen konnte, die sich der Bildung für junge Menschen widmeten. Ihre Arbeit wurde eher gestraft als belohnt, die Umstände, unter denen sie arbeiteten, waren schwierig und hart. „Die Schulbildung ist nicht ohne Bedenklichkeit, wenn sie bei ungebildeten Gesellschaften auf Kosten der väterlichen Autorität allzu rasch eingeführt wird.“ Seine Autorität versucht im 19. Jahrhundert besonders der Staat zu verteidigen, wenn durch ihn Lehrer schlecht bezahlt, kaum ausgebildet und mit wenigen Mitteln ausgestattet sind, die sie im Unterricht nutzen können. Der Unterricht bleibt also schlecht, die Schüler ungebildet und dadurch gehorsam. Gute Bildung erreicht lediglich wenige Zöglinge aus der Oberschicht. „Bildung auf verlorenem Posten“ nennt das ein eingeblendeter Kommentar. Dieser Eindruck ist auch dem heutigen Zuschauer bekannt- wie auch der Zusammenhang von Bildung und Schichtzugehörigkeit. Zwar darf in Deutschland 2012 jedes Kind eine Schulbildung beginnen, seine Schullaufbahn ist allerdings in großem Maße abhängig von seiner familiären (sozialen) Herkunft.
Im Nationalsozialismus erfährt die Beamtenschaft der Lehrer, wie nicht anders erwartet, keinen Wandel. Einige halten die politische Ideologie für ein Erziehungsideal, die anderen hindert ihr Pflichtbewusstsein als Beamte am Widerstand. Kluge gibt „3 Beispiele für ‚abgewürgt‘“, in denen deutlich wird, dass die Vereinbarkeit der eigenen politischen und auch der pädagogischen Einstellungen und Handlungen mit der zeitgenössischen Politik maßgeblich ist für die berufliche Laufbahn als Lehrer. Es stellt sich die Frage, welche Werte Menschen haben können, die sie ihren Kindern vermitteln möchten, wenn deren Lehrer Marionetten machtpolitischer Planer sind. Und es stellt sich darüber hinaus die Frage, ob überhaupt weitergegeben werden sollte, was die Menschen einer Zeit für wichtig oder richtig erachten, wo die Zustände, in denen sie leben und die sie selbst mitgestalten, so bedenklich sind.
Kluge schließt den Film ab mit einer Wiederholung aus der Eröffnungsszene der Schule. Leider löst auch diese nicht die genannten Fragen und bietet auch keine Alternative. Einen „Wandel“ der Lehrer, einen Wandel der Systeme und Bedingungen, in denen Lehrer arbeiten, kann man angesichts der langen und vollen Geschichte der Menschen schwerlich ganz abstreiten. Abweichungen, Verbesserungen und Verschlechterungen lassen sich feststellen. Es fehlt allerdings eine ausreichend fokussierte, geförderte Entwicklung des Schulsystems, der Lehrer und der Lehre. Und es fehlt der Einbezug der Lernenden. Von „Wandel“ lässt sich erst sprechen, wenn Lehrerinnen und Lehrer eine mehr von Wirtschaft, Politik und Populismus unabhängige Rolle einnehmen können und aufgrund einer fundierten Ausbildung junge Menschen fördern und unterstützen können, anstatt sie bloß zu „bewachen“ oder in genormte Formen zu pressen.
Auch seit der Veröffentlichung des Films hat es Wandel gegeben in der Arbeit von Lehrern. Neben ihm ist jedoch eine große Menge an eigentlich Überholtem, an Starrem bestehen geblieben.

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Versprechen der Bildung rekonstruieren – Eine kurze Notiz für eine Chance

von Norbert Ahlers

Wenn deine Söhne, Kallias, Füllen oder Kälber wären, wüßten wir wohl einen Aufseher für sie zu finden oder zu dingen, der sie gut und tüchtig machen würde in der ihnen angemessenen Tugend: es würde nämlich ein Zureiter sein oder ein Bauer; nun sie aber Menschen sind, was für einen Aufseher bist du gesonnen ihnen zu geben? Wer ist wohl in dieser menschlichen und bürgerlichen Tugend ein Sachverständiger?“ (Sokrates )

Das Wort, die „Versprechen der Bildung zu rekonstruieren“ ist das zentrale Grundverständnis der Kineskop-Filmschule. Doch was heißt dieses Motto konkret?

Bildung wird in der Kineskop-Filmschule als die Förderung des Entwicklungsprozesses eigener Interessen verstanden. Ein Prozess, in dem man nicht nur über die eigene Persönlichkeitsentwicklung und das eigene Verhältnis zur gesellschaftlichen Wirklichkeit reflektiert, sondern zu einem Vertrauen in ein lernendes Handeln durch Kooperation ermutigt wird.

Abschauen ist eine tradionelle Form des Lernens. Es ist eine Art Kooperation, denn Wissen ist auf Teilhabe angelegt. In der Schule ist Abschauen allerdings verpönt. So lernen Kinder vorzeitig etwas über Copyright, aber weniger über Kooperation.

Die Idee der Chancengleichheit durch die eindimensionale Egalisierung von Bildungsabschlüssen führt zu einem Missverständnis. Bildungsabschlüsse werden reduziert auf bloße Leistungsnachweise und Zugangsberechtigungen. Die weiterführenden Bildungsinstitutionen, zu denen man nun Zugang erhält, verstehen sich jedoch auch nach Jahrzehnten nicht als schulische Massenbetriebe, sondern immer noch als Anstalten eines exklusiven Bildungsbürgertums. Diese Institutionen, vor allem die Universitäten, sind weder mental noch strukturell darauf eingestellt.

Im Zusammenhang mit den akademischen Abschlüssen gilt immer noch das protestantische Ideal, dass eine lange Ausbildungszeit auch ein langer Verzicht auf ein reales Gehalt ist und schließlich mit dem akademischen Grad und einer entsprechend höheren Besoldung vergütet bzw. belohnt wird. Das aktuelle Urteil des Karlsruher Bundesverfassungsgerichtes und dessen Begründung zur Praxis der Professorenbesoldung dokumentiert dies. Doch die Frage bleibt, weshalb ein Hochschulprofessor mehr verdienen sollte als eine Grundschullehrerin oder Erzieherin? Die Verantwortung einer Grundschullehrerin ist nicht einen Moment geringer als die eines Professors.

Vor diesem Hintergrund wird die Auseinandersetzung, wie eine emanzipative Bildung in der aktuellen Situation verstanden werden kann, immer wieder relevant.

In der Kineskop wird Bildung als das Entdecken des eigenen Interesses verstanden, denn wer ein eigenes Interesse hat, besitzt eine Perspektive und kann mit dieser Lust auch schwierige Lebensphasen überstehen. Bildung ist daher das Fundament für ein individuelles Selbstvertrauen, das durch eine offene Neugierde und Sorgfalt gegenüber dem Gegenstand des Interesses geprägt ist. Dieses Interesse kann nicht singulär sein, sondern wird sich nur in Zusammenhängen entfalten. Diese Zusammenhänge sind die der gesellschaftlichen Verhältnisse, sowohl die der Geschichte als auch die zeitgenössischen Bedingungen und Begebenheiten.

Das erkenntnisleitende Interesse – so verstanden – führt notwendig zur Kooperation, denn dass die Verhältnisse nicht so sind, dass man sich als intelligenter Mensch mit ihnen abfinden kann, drängt einen zur Veränderung. Dieser Widerspruch motiviert einen zur Suche nach Verständnis, Alternativen und Veränderungen.

Wenn Bildung zum Handeln motiviert, ohne dass einen das eigene Interesse blind macht für die Interessen anderer, dann ist Kooperation und Achtung vor der Würde des Anderen ein zentrales Versprechen der Bildung. Respekt vor dem Leben basiert auf Selbstvertrauen und das wiederum erwächst in der Pflege, der Aufrichtung und der Stärkung eines eigenen Interesses.

Die Kineskop sucht in ihren Projekten die Schülerinnen und Schüler immer wieder zu ermutigen, die literarischen Vorlagen als ein Angebot zu verstehen. Durch eigene erzählerische Interpretationen können Schülerinnen und Schüler sie neu verstehen und sie sich unabhängig vom Erwartungsspektrum eines Lehrplanes aneignen.

Immer deutlicher wird aber, dass man sich nicht allein in den Projekten isoliert auf die Schulklassen konzentrieren darf, sondern die Eltern integrieren muss. Schule und außerschulische Projekte können ermutigende Momente schaffen, doch all das gelingt nur, wenn diese von den Erziehungsberechtigten unterstützt werden. Chancengleichheit existiert erst dann, wenn Bildung nicht auf einen Kanon und Codesysteme der Exklusivität setzt, sondern die Vielfalt der Sprachen pflegt, sowohl Altgriechisch als auch den subkulturellen Slang.

Ein Verständnis dieser Art setzt nicht nur engagierte Lehrkräfte voraus, sondern auch Personen, deren Bildungsverständnis eben den oben skizzierten Ansprüchen genügt. Lehrkräfte sind Sachverständige der Tradition und des Alltags. Dieser Sachverstand beweist seine Kompetenz, indem er sich neu den Herausforderungen und Konflikten der Gegenwart stellt. Herausforderungen, die gerade Jugendliche in ihrer Sensibilität für Widersprüche, immer wieder neu artikulieren. Eine Gesellschaft, die der Schule neben dem Wissenstransfer mehr und mehr sozialpädagogische Aufgaben zuspricht, fordert ein neues Bildungsverständnis und eine Schule, die die Lehrkräfte ermutigt, diese Herausforderung wahrzunehmen.

Die Kineskop versteht sich hier als ein Freiraum, in dem neue Entwicklungen in der Bildungspraxis erprobt werden. Kooperationen basieren auf Gesprächen und Gespräche wiederum auf Bildung. Eine Bildungsidee aber, die die Kritik Foucaults am Humanismus ignoriert, scheitert genauso wie diejenige, die die humanistischen Bildungsversprechen abschütteln möchte.

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