Schlagwort-Archive: Kultur- und Kreativwirtschaft

Kreativität …. amortir la balle

von Norbert Ahlers

Die Kritik an dem geplanten Kreativzentrum Alte Feuerwache Heidelberg provoziert bei jungen engagierten Klein- und Kleinstunternehmen in der Kreativwirtschaft ein Unbehagen. Nicht nur, dass man sich in dem eigenen Handeln missverstanden sieht, man kann offensichtlich auch nicht nachvollziehen, dass man das Konzept der Alten Feuerwache grundlegend in Frage stellt, da sich nach jahrelanger Trägheit in Heidelberg etwas endlich zu bewegen scheint.

Tatsächlich ist aber auf kommunaler Ebene eine Diskussion um die Erwartungen, die man gegenüber der Kreativwirtschaft hat und deren Konzepte überfällig. Wie verhält sich die Kulturarbeit zur Kreativwirtschaft, welche Funktion haben die sogenannten Bohemiens (vgl. J.Gückler, M.Ries, H. Schmid Kreative Ökonomie in Heidelberg S. 6 / S. 21, Heidelberg 2010) innerhalb der Kreativwirtschaft und welche Schwerpunkte will man in Heidelberg überhaupt akzentuieren.

Es bleibt immer noch die Frage von Johan Holten nach einer Ausbildungseinrichtung für junge bildende Künstler in Heidelberg unbeantwortet. workerKann sich in Heidelberg eine kreative Szene überhaupt entwickeln, wenn es nicht eine Akademie für Kunstschaffende gibt? Heidelberg hat keine Musikhochschule wie Mannheim, keine Filmakademie wie Stuttgart, keine Kunsthochschule wie Karlsruhe und kein Literaturinstitut wie etwa Leipzig. Da solche Institutionen auch nicht geplant sind, ist die Frage, welche Erwartungen man an die hiesige Kreativwirtschaft hat? Welche Zielsetzung verfolgt man mit einem Kreativzentrum und sind es dieselben Perspektiven, die auch die jungen Kunstschaffenden haben?

Die aber haben für diese Diskussion nur bedingt ein Interesse, denn nach all den vergangenen Schwierigkeiten sind sie froh, dass gerade durchatmen können, weil sie endlich einen günstigen Raum für ihre Arbeiten gefunden haben. Wer aber diese Diskussion ignoriert, läuft Gefahr die eigene Idee einem ganz anderen Zweck auszuliefern.

In diesem Zusammenhang ist es auch durchaus mehr als nur reizvoll, sich nochmals über das Stichwort „Amortisierung“ zu verständigen.

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Kreativcluster – die Illusion vom nie versiegenden Rohstoff

von Norbert Ahlers

Kreativcluster – ob in Portfolios von workshops oder in Grundrissskizzen der geplanten Gebäudenutzung leerstehender Hallen und Ruinen. Die Kreativwirtschaft verspricht eine dynamische Wucht. Der Begriff funktioniert, ohne auch nur eine konkrete Idee zu formulieren. Auch wenn man hier offensichtlich eher etwas beschwört als es zu verstehen, scheint es offensichtlich zu sein, dass hier vor allem von Ressourcen die Rede ist, weniger von Produkten.

Es bleibt allerdings die Frage, wer über diese Ressourcen verfügt? Der Aufschrei der Autoren, dass die digitale Technik auch einen Enteignungsprozess durch die Nutzer mit sich gebracht habe, ist nicht mit einer Handbewegung wegzufegen. Von diesem Enteignungsprozess profitieren vor allem gigantische Majors wie google oder facebook, weniger die Nutzer. Die Idee, dass z.B. Crowd-Funding ernsthafte alternative Finanzierungsmodelle darstellen oder man über Youtube eine Community um sich scharen kann, die einem als Sprungbrett für eine etablierte Karriere dient, funktioniert als kreatives Versprechen, aber nicht als Methode. So wird heute mit digitalen Foren eine Dynamik assoziiert, die früher die Goldfunde am Klondike River evoziert haben.

Es ist, als hätte man mit der Entdeckung des kreativen Potentials endlich wieder eine Quelle entdeckt, die wie einst das Öl, die Voraussetzung für die Illusionen des Fortschrittsdenkens ist: ein nie versiegender Rohstoff. Der Witz dabei: diese Quelle hat man selbst kreiert, denn man muss nicht nach ihr in schwer zugänglichen Gesteinsschichten schürfen, sondern lediglich kreative Freiräume bieten.

Die Crux bei dieser Quelle ist allerdings, dass man dieses bestimmte Umfeld schaffen und pflegen muss, in dem sich diese Ressource entfalten kann. Anders ausgedrückt: wie lassen sich Menschen kostengünstig zusammenbringen, die sich an diesem Ort wohlfühlen, permanent initiativ sind und sich gegenseitig eine Idee von Avantgarde vermitteln, die stilbildend ist und den Ort für finanzstärkere Kreise attraktiv werden lässt. Die Kommunen sehen sich dazu gedrängt, für die Kreativbranche kostengünstige Freiräume zur Verfügung zu stellen, um im Städteranking eine bessere Voraussetzung zu haben. Die zumeist jungen Kreativschaffenden sollen urbanen Brachen ein neues Flair geben, so dass das Leben vor Ort hip zu sein scheint. Irgendwer bastelt an neuer Musik, präsentiert sie in einem verborgenen Club, ein anderer entwickelt virtuelle Partizipationskonzepte oder modelliert an einem virtuellen Design und trotz aller Sorgen gibt es immer noch irgendwo einen Latte Macchiato und die Zerstreuung im Chat.

Klassische Konflikte wie der zwischen Arbeit und Eigentum werden bei den Hipstern ausgeblendet, als unzeitgemäß ignoriert. Überraschenderweise scheint aber nun über die Urheberrechtsdebatte sich gerade dieser Konflikt wieder zu thematisieren. Das Verheerende aber ist, dass man eine sehr genaue Idee davon hat, dass die herkömmlichen Vertriebsstrukturen durch die digitalen Techniken nicht mehr funktionieren und somit auch nicht mehr die Eigentumsformen geschützt werden können. Was einerseits wie eine Befreiung, wie eine längst überfällige Wiederaneignung klingt (Wissen im Web ist zur virtuellen Allmendewiese geworden), scheint hinterrücks ein gigantischer Prozess wie der der spätantiken Kolonenlegung zu sein.

Aufprall der Verhältnisse

Nach einer harten, jahrelangen Ausbildung werden junge Menschen aufgefordert, mit geringfügig entlohnten Dienstleistungsjobs die Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben zu schaffen, die aber nur in Ausnahmen die materielle Grundlage sichern oder gar eine etablierte Existenz nach altem Muster schaffen können.

Eigentumsrechte an Ideen sind eine Illusion, denn der Wert einer Idee entwickelt sich ja erst, wenn sie einen Handelswert entwickelt, dann aber ist sie in der Regel nicht mehr im Besitz dessen, der sie hatte, sondern in den Händen der Person, die sie mit Lizenz vertreibt. Ideen werden immer produziert. Sind sie gut, werden sie kopiert, setzen sich durch. Das ist keine Frage des Eigentums, sondern des Gebrauchs. Ein reales Einkommen aber hat nur der zu erwarten, der seine Idee in eine Ware verwandeln kann. Dass somit aber der Gebrauchscharakter der eigenen Idee grundlegend verändert wird, wird von den meisten in ihrer Not verdrängt. Das geht soweit, dass die Eigner, nicht die Urheber, gar nicht mehr an den Ideen interessiert sind, sondern nur noch an der Tatsache, dass man sich auf den Foren tummelt. Das kreative Potential agiert in einer doppelten Funktion: als Wertschöpfer und als Warenmasse, d.h. gleichzeitig als Produzent und als Konsument. Eine scheinbar nie versiegende Rohstoffmasse. Anders gesagt: der Fischer ist aus der Perspektive der Geschäftsführung eines Handelskonzerns dem Fisch ähnlicher als dem Abteilungsleiter.

Was auf jeden Fall immer weniger gelingen wird, sind die alten Formen und Strukturen, in denen Künstler und Kreativschaffende vor 20 Jahren eine materielle Existenz schaffen konnten. Neue Modelle sind zu entwickeln und vielleicht sollte man sich aber unabhängig vom Hype um die creative class, um Kreativecluster u.a.m. vor allem auf die kooperative Kraft der Ideen verlassen. Ideen überzeugen, wenn sie Gemeinschaft stiften, wenn man gelegentlich in Kooperation mit Freunden den Zwang des Überlebens in Momente eines Lebens mit Freude verwandelt.

„Solidarity ist the next sexy“ („Rasende Ruinen“ von Katja Kullmann)

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Die „Alte Feuerwache“ in Heidelberg – Möglichkeiten für ein innovatives Kunst- und Kreativzentrum?

von Norbert Ahlers

Am 13.01.2012 trafen sich ca. 70 Interessierte aus der Kultur- und Kreativwirtschaft in der „Alten Feuerwache“ Heidelbergs. Das Gelände, auf dem derzeit das Opernzelt und die Verwaltung des Stadttheaters untergebracht ist, wird voraussichtlich im Herbst 2012 wieder frei sein.

Verschiedene Optionen einer kommenden Nutzung stehen zur Diskussion: So überlegt man z.B., das Gelände als Standort für ein mögliches Cineplex bereitzustellen oder auf dem 7450 m² großen Areal eine Mischform von Kultur- und Kreativbetrieben anzusiedeln. Letzteres wird von der Fraktionsgemeinschaft Generation HD und Bündnis 90/Die Grünen befürwortet, die zu einem dreistündigen Workshop eingeladen hatte. Hier wurden in sechs Kiosken bzw. Gesprächsgruppen verschiedene Aspekte eines möglichen Kultur-und Kreativzentrums diskutiert und skizziert.

Das Konstrukt einer „Kulturachse“ ist bestechend, denn in den vergangenen Jahren hat sich der Heidelberger Stadtteil Bergheim grundlegend verändert. Wissenschaft und Kultur prägen die Bergheimer Straße in einem bisher kaum gekannten Maße. Waren früher vor allem die medizinischen Fakultäten mit den verschiedenen Kliniken präsent, so findet sich hier nun eine Vielfalt von verschiedensten universitären Einrichtungen inklusive der Prinzhorn-Sammlung. Die Freie Musikschule und die Volkshochschule sind ebenfalls an der Bergheimer Straße und im Landfriedkomplex entwickeln sich in absehbarer Zeit neue Strukturen (es ist zu erwarten, dass das multikulturelle Zentrum der Stadt Heidelberg dort eingerichtet wird). Die Nutzung der Alten Feuerwache durch unterschiedliche Betriebe der Kreativwirtschaft würde die Entwicklung dieses Stadtteils konsequent fortschreiben. Die „Alte Feuerwache“ als Kreativzentrum könnte sogar eine Brücke zu dem Heinsteinkomplex darstellen, in dem sich weitere Unternehmen dieses Bereiches angesiedelt haben wie z.B. Architekturbüros, Agenturen oder Verlage.

In der Diskussion des Workshops wurde diese „Kulturachse“ sogar zu einem Dreieck erweitert, in dem das Areal der Halle 02 und somit die Bahnstadt integriert wäre.

Diese Überlegungen können aber nur dann gelingen, wenn dem Entwurf ein überzeugendes Konzept zugrunde liegt. Eine der diskutierten Ideen war, das Nutzungskonzept mit der Idee von „Wissen schafft Stadt“ zu verbinden. Dabei wurde wieder auf ein Defizit der Stadt Heidelberg aufmerksam gemacht: weder ist in Heidelberg eine Hochschule für Bildende Künste noch für Musik oder Medien angesiedelt. So wurde in einem der Gesprächskreise denn auch klar skizziert, dass die „Alte Feuerwache“ eine Gelegenheit darstellen könnte, dieses Defizit in einer unkonventionellen Form zu kompensieren.

Eine Zusammenführung von freien Einrichtungen, die für Neue Musik, Medienbildung, Architektur und Kunst stehen, würde die „Alte Feuerwache“ zu mehr als nur einem soziokulturellen Zentrum oder Gründerzentrum machen. Sie würde weniger ein Veranstaltungsort als vielmehr ein Produktionsort für innovative intellektuelle Ideen und Experimente sein. Ein wesentliches Merkmal dieser Produktivität muss dabei ihre Internationalität sein, die somit auch das Umfeld schaffen würde, in dem kreative Kleinunternehmen sich ansiedeln würden, um von den Impulsen an diesem Ort zu profitieren.

„Wissen schafft Stadt“ im Zusammenhang mit der Internationalen Bauausstellung Heidelberg (IBA) darf daher nicht nur auf ambitionierte Bauvorhaben beschränkt werden, sondern muss die Menschen vor Ort mit einbinden. Der urbanen Vitalität und den dynamischen Potentialen des sich rasant verändernden Heidelbergs muss ein neuer Raum geboten werden. Gleichzeitig müssen von hier aus auch Impulse ausgehen, die über die Region hinausgehen. Wenn es gelingt, dieses Modell (Neue Musik, Medienbildung, Architektur und Kunst) in der „Alten Feuerwache“ zu kreieren, dann verfügt Heidelberg über eine Institution, die sich gegenüber dem geplanten Kreativzentrum Mannheims im Jungbusch durchaus behaupten kann. Es bleibt aber zu fragen, ob man hier nur einen weiteren Cluster hinsetzt oder aber den Mut besitzt, ein „Bauhaus des 21. Jahrhunderts“ zu entwickeln.

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Medienpädagogik zwischen Altgriechisch und html

von Norbert Ahlers

Die Kineskop-Filmschule setzt sich seit Beginn des Schuljahres 2011/12 in Kooperation mit dem Kurfürst-Friedrich-Gymnasium Heidelberg intensiv mit der Tradition des humanistischen Bildungsideals auseinander. Für das Team der Kineskop ist dieses Projekt eine Gelegenheit, die Fragen der Bildung auch in eigenen Zusammenhängen zu thematisieren.

Im Gegensatz zu den meisten Initiativen der kulturellen Bildung und der Medienpädagogik sucht die Kineskop eine komplexe Bildungstradition nachzuvollziehen, um somit die eigenen Angebote auch inhaltlich präzise zu begründen.

Die Geschichte alternativer, emanzipativer Medienprojekte und Bildungsinitiativen ist so alt wie die der Massenmedien. Doch etwas ist seit einigen Jahren verändert: gesellschaftliche Antworten oder gar visionäre Bildungsideen bleiben ohne Inhalte. Waren im 20. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum die Begriffe Bildung, Kultur und Kunst synonym für einen Gegenentwurf zum Leben im Zwang des Notwendigen, gilt diese Vorstellung im Kreis der Kulturschaffenden längst als passé. Gleich einem Jargon werden Begriffe wie kulturelle Teilhabe, Chancengleichheit, Partizipation, Kreativität und Persönlichkeitsentwicklung beschworen, jedoch bleiben diese gesellschaftlichen Forderungen ohne Konkretion und Begründung. Eine Diskussion um die Inhalte findet nicht statt, weil man in bürgerlichen Kreisen sie zu verstehen meint. Die Begriffe sind vertraut und können ohne Widerstand bejaht werden. Eine Diskussion hat zudem den bitteren Beigeschmack des Autoritären: Wer definiert hier für wen welche Inhalte? Was gilt als guter Geschmack und weshalb? Das Dilemma dabei ist: wird diese Diskussion nicht geführt, wird sie von den blinden Machtzusammenhängen des Marktes diktiert. Diese Machtzusammenhänge propagieren Kreativität und Partizipation, wo sie Ressourcen und Konsum meinen. Kunst und Kultur werden hier nur dann zur Kenntnis genommen, wenn sie neue Trends versprechen oder sich zumindest als ein Bestandteil der produktiven Dynamik verkaufen lassen. Kreativität und Partizipation waren einstmals ein Vorrecht, nun aber scheinen sie auf ein Gebot der Notwendigkeit reduziert zu werden.

Vor diesem Hintergrund ist die Auseinandersetzung mit dem humanistischen Bildungsideal aufschlussreich. Dass man sich konkret mit diesem Ideal beschäftigt, liegt einerseits in dem Selbstverständnis der Kineskop begründet („die Medienpädaogogik wird dann relevant, wenn die Pädagogen sowohl Altgriechisch als auch html verstehen“) und andererseits im Interesse, die Versprechen der Bildung zu rekonstruieren und neu zu vermitteln. Unabhängige Bildungs- und Kulturarbeit ist Arbeit, die den Einzelnen immer wieder mit sich selbst konfrontiert. So verstanden ist diese Arbeit immer im Widerspruch zur Illusion der Spaßgesellschaft und der Kulturindustrie.

Vor dem Hintergrund des Projektes „Humanismus – eine Bildungstradition“ werden z.B. verschiedene Texte von Blaise Pascal und Michel de Montaigne gelesen, interpretiert und den Arbeitsweisen von Gruppen wie z.B. regionalen Hacker Communities gegenübergestellt. Das humanistische Credo ad fontes verstehen diese TechnikerInnen und KünstlerInnen auf ihre eigene Weise radikal und authentisch. Hier möchte die Kineskop für die eigene Arbeit Widersprüche und Zusammenhänge neu skizzieren, Gemeinsamkeiten und Interessen inhaltlich auch für sich selbst und die eigene Bildungsarbeit neu begründen.

Medienarbeiter im Fachgespräch

Lernen unter freiem Himmel - Medienarbeiter im Fachgespräch um 1909

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Im Schatten des Don Quijote

von Norbert Ahlers

Kulturschaffende beklagen den Autoritätsverlust des Textes, ob im Theater, im Buchhandel oder in Museen. Diese Klage der Gelehrten ist alt. Selten schienen den Belesenen ihre Zeitgenossen kultiviert genug, allzu oft waren sie ihnen schlicht zu devot, zu tumb und fantasielos. Nicht selten fühlt sich der Gelehrte um die Frucht seiner Anstrengungen gebracht, wenn er sich den akademischen Titel erarbeitet hat und mit seinem Urteil nur eine bescheidene Resonanz in seiner Binnenwelt findet. Entsprechend ätzt er gegen diejenigen, die ihn ignorieren. Doch etwas scheint neu an dieser Klage zu sein. Tatsächlich erscheint über jedem Autor heute der Schatten des Don Quijote.

"Don Quijote" - im Stummfilm von 1915

Nur er selbst glaubt noch an die Macht der Texte während seine Zeitgenossen Texte nur als Präsentation wahrnehmen. Texte waren stets auch Repräsentanzen, wollten aber in der Regel nicht darauf reduziert werden.

Es scheint aber, dass gerade der Verlust der Textautorität sich proportional zu dem kollektiven Bedürfnis nach Präsentation verhält. In jedem Lebensbereich wird man zur Präsentation aufgefordert. Keine Arbeit, die nicht auch kommuniziert werden sollte und so erlernen konsequenterweise Schüler nicht nur den Stoff, sondern auch die verschiedensten Präsentationsformen, um Inhalte zu vermitteln. Ob jemand Design entwirft, fotografiert, musiziert, schreibt, filmt, dichtet oder malt, bei jeder kreativen Tätigkeit wird man mit der Forderung nach Publikation und Präsention konfrontiert. Es wird suggeriert, dass nicht das Verstehen, das Angebot zur Lektüre oder zur Betrachtung wichtig ist, sondern vor allem die ephemere Performance relevant ist. Wie ein Credo lautet es auch: was kreativ ist, verspricht eigenständige Ausdrucksform zu sein und gar Kunst zu werden. Originalität muss auf ein Bühne. Eine Idee muss kommuniziert werden, auch wenn sie noch nicht durchdacht ist. Das Potential der Idee zählt.

Aber vor diesem aktuellen Hintergrund kann sich Zeit nur derjenige leisten, der nicht um Aufmerksamkeit buhlen muss. Diese Freiheit ist aber im Global Village so wirklichkeitsfern wie die Fantasien des Don Quijote. So ist es denn auch konsequent, wenn Eltern ihre Kinder auf die Bühnen treiben und jedweden Wettbewerb suchen, bei dem sich die jungen Talente profilieren können.

Die Bühne ist die Relevanzbestätigung schlechthin. Auch die Kinder wissen das. Sie spüren, was in der Gesellschaft zählt, weshalb es ihnen denn auch die Bühnenerfahrung so wichtig wie unterhaltsam ist wie eine Geburtstagsfeier. Doch was einmal schlicht eine Feier war, in der man der Mittelpunkt sein durfte, wird heute durch die Bewertung von Publikum und Juroren qualifiziert. Sie erst gibt Orientierung in einer Gesellschaft, die scheinbar selbst alle ständischen Ordnungen hinter sich gelassen zu haben vorgibt. In der Sehnsucht nach Anerkennung durch Aufmerksamkeit scheint die direkte, unmittelbare Resonanz plausibler zu sein als das überlegte Urteil.

Jeder, der sich aber daran erinnert, dass Lernen auch Üben heißt und Übung Zeit braucht, so dass sie zu Erfahrung und Können wird, weiß, dass dieses Credo eine Lüge ist. Doch solch ein Satz wäre der des Don Quijote.

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Was heißt hier „Kultur“?

von Norbert Ahlers

Doch wie wird Kultur überhaupt definiert? Diese Frage stand unter anderem im Mittelpunkt des Festes. Der Tenor: Kultur heißt nicht nur Kunst, Kultur braucht eine Langzeitwirkung, die gemeinsame Geschichte schafft. Genau diesen Tenor hat auch Rainer Kern, Leiter des Büros 2020 und Zuständiger der Kulturhauptstadtbewerbung, in seiner Gesprächsrunde aufgenommen.“ schreibt danielg zu der Veranstaltung Denkfest in Schwetzingen. Tatsächlich ist die Antwort auf die Frage wesentlich komplizierter als sie das Statement von Rainer Kern suggeriert. In der Diskussion um Kreativ- und Kulturwirtschaft werden beide Bereiche oft gegeneinander ausgespielt. Während einerseits versucht wird, die Kulturarbeit gegenüber der Logik des Kommerz abzugrenzen, insistiert man andererseits gerade auf die vitale Wechselbeziehung zwischen Markt und Kulturarbeit. Ausdruck dieser Wechselbeziehung, die klare Grenzen zwischen Kulturschaffenden und Kreativwirtschaft kaum mehr erkennen lässt, zeigt sich eben in den Berufen der „neuen Selbstständigen“ wie Designern, MediengestalterInnen, GestalterInnen für visuelles Marketing usw. Tatsächlich ist die Differenz kaum plausibel zu vermitteln, denn die Kulturbetriebe wie z.B. Theater oder soziokulturelle Zentren verstehen sich oft eher als kulturelle Dienstleistungsbetriebe. Ihre Kommunikationtechniken gleichen eher denen von Marketingstrategen als von Intellektuellen und Kunstverständigen. Hier liegt auch wohl ein zentrales Missverständnis. Die Kulturschaffenden und die Kreativwirtschaft sind insoweit identisch wie sie sich in ihrem Verhältnis zur Kunst verstehen. Das Verstehen von und das Einstehen für die Kunst bezeichnet die entscheidende Differenz. Der Kulturbetrieb und die Kreativwirtschaft sprechen von Kunst, wenn sie Trends, Standortvorteile oder Legitimationsgründe meinen. Die Herausforderung und Anstrengung, die ein Kunstwerk dem Betrachter zumutet, wird vom Kulturbetrieb und der Kreativwirtschaft ignoriert. Kunst wird in diesem Zusammenhang auf eine bloße Erwerbsarbeit der Unterhaltung reduziert. Wie elementar diese Differenz zwischen Kunst und Kultur aber ist, veranschaulicht ein Kurzfilm von Jean Luc Godard. Seine radikale Haltung provoziert und scheint einen in der kompromisslosen Gegenüberstellung ohnmächtig zu lassen. Doch Godard hat sie 1993 im Angesicht des Schocks der Balkankriege in dem filmischen Gedicht „Je vous salue, sarajevo“ beschrieben. Er zeigt mit seinem Film, wie die Gesellschaft weitgehend nicht nur diesen Krieg vergessen zu haben scheint, sondern wie vehement der Kulturbetrieb und die Kreativwirtschaft jedwede Kunst negieren, ob im Alltag oder in den Werken, wenn sie sich nicht gedankenlos verschlingen läßt.

Der Text des Kurzfilms ist in etwa so zu übersetzen:

Gegrüßet seist du, Sarajevo

In gewissem Sinne ist die Angst die Tochter Gottes,
die in der Karfreitagnacht erlöst wird.
Sie ist nicht schön,
verspottet, beschimpft und verleugnet von allen.
Aber verstehen Sie es nicht falsch. Sie wacht über alle Todesangst,
sie legt Fürsprache für die Menschheit ein.
Denn es gibt eine Regel und eine Ausnahme.
Kultur ist die Regel,
und Kunst ist die Ausnahme.
Jeder spricht die Regel aus:
Zigarette, Computer, T-Shirt, TV, Tourismus, Kriege.
Niemand spricht für die Ausnahme.
Sie wird nicht gesprochen,
sie wird geschrieben: Flaubert, Dostojewski.
Sie wird komponiert: Gershwin, Mozart.
Sie wird gemalt: Cézanne, Vermeer.
Sie wird gefilmt: Antonioni, Vigo.
Oder sie wird gelebt,
und dann ist es die Kunst des Lebens: Srebrenica, Mostar, Sarajevo.

Die Regel ist, den Tod der Ausnahme zu wollen.
Also die Regel für ein kulturelles Europa ist, den Tod
der Kunst des Lebens zu organisieren, die immer noch blüht.

Wenn es Zeit ist, das Buch zu schließen, werde ich nichts bereuen.
Ich habe so viele Menschen gesehen, die so schlecht gelebt haben,
und so viele, die so gut gestorben sind.

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Culture Makes Money

von Norbert Ahlers

Auf dem Heidelberger Forum der Kultur- und Kreativwirtschaft findet sich der Hinweis auf einen Artikel von Christian Boros (vgl. http://www.kreativwirtschaft-hd.de/2011/05/k-west-kultur-vs-kreativwirtschaft-pladoyer-fur-ein-neues-miteinander/). In dem Text wird ein „new creative deal“ zwischen den „Akteuren der Kultur, der Kulturwirtschaft, der Verwaltung, der Immobilienwirtschaft und der Wirtschaft insgesamt“ angesprochen. Hintergrund dieses Impulses ist die Krise der öffentlichen Kulturförderung, in der Kultureinrichtungen wie z.B. Schauspielhäuser immer mehr an Spielraum verlieren.

Abgesehen davon wie phantasielos und unpassend die Phrase von einem „New Deal“ in diesem Zusammenhang erscheint, ist die Idee der verstärkten Einbindung der Wirtschaft in Kulturförderung alles andere als neu. Noch vor der Wirtschaftskrise 2002/03, die die finanziellen Spielräume der Kommunen massiv eingeschränkte, konstruierten Künstler der freien Szene kooperative Modelle zwischen Kunstevent und kommerziellem Sponsoring. Kritische Distanz gegenüber der Logik des Kommerz wurde als unzeitgemäß und irreal abgetan, was insofern pragmatisch konsequent war, da immer mehr Künstler mit Sparmaßnahmen der Kommunen im Kulturbereich rechnen und sich auf einem kommerziellen Markt behaupten mussten.

Jetzt – im Jahr 2011 – hört man wieder von massiven Sparmaßnahmen, von eklatanten Einschnitten, und dieses Mal sind die Kommunen tatsächlich finanziell ruiniert. So scheint es sich dann auch anzubieten, von neuen Kooperationsmodellen zu sprechen. Wer aber im Kulturbereich von „öffentlich-private Betreibermodelle“ spricht, klingt wie der Wolf mit der in Mehl geweißten Pfote. Wie öffentlich-private Betreibermodelle praktisch aussehen, dokumentiert der Film „Water Makes Money“ (http://www.watermakesmoney.com/ oder vgl. entsprechende Links bei http://www.youtube.de).

Wenn die Grundversorgung von elementaren Bedürfnissen (Wasser) von der öffentlichen Hand in privatwirtschaftliche Modelle überführt wird, dann wird die Versorgung zugunsten des Profits versäumt. Am Ende bleibt die Grundversorgung auf der Strecke, wenn nicht mit finanziellen Mehrbelastungen die Versorgungsdienste wieder zurückgekauft werden. Mit einer ähnlichen Logik wird man auch im Kulturbetrieb rechnen müssen, wenn man sich auf den „new creative deal“ einlassen würde.

Es ist übrigens bemerkenswert, wie stets von der Kultur- und Kreativwirtschaft die Rede ist, aber nicht von der Kunst. Diese spielt in diesem Zusammenhang faktisch keinerlei Rolle mehr, es sei denn im Rahmen des Kunstmarktes, also der Kunstmessen und Galerien. Die Idee, dass die Kunst eine Gegenwelt zur gesellschaftlichen Wirklichkeit repräsentiert, erscheint in den Kreisen der Kultur- und Kreativwirtschaft absurd. Was sich nicht als innovative Dienstleistung und Standortfaktor legitimieren kann, trägt das Stigma der Irrelevanz. Fakt aber ist, dass gerade die verkürzte Vorstellung von Kunst, wie sie in der Kreativwirtschaft propagiert wird, so phantasielos wie totalitär ist.

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