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Der Untergang des Spiels?

von Hanna Miethner

Rutschige Sohlen unter rutschigen Füßen unter rutschigen Knien. Es riecht nach Schnee, der sich leicht auf das Novembereis legt, und die Sonne wälzt sich am Rand der Welt vorbei. Der Essayist tastet sich vorwärts.
Und in der Tat ist sein Unterfangen zwangsläufig vage. Denn er bewegt sich in der Sprache, die nicht sein will. Und schon gar nicht absolut. Was der Essayist sagt, geht über sich hinaus und rekurriert auf etwas Verschlagenes. Den Gehalt eines Essays keltert letztendlich der Leser und spätestens mit diesem Moment behauptet sich die Textform gegen Verabsolutierung und Totalität. Dadurch, dass die letzte Instanz die des Lesers ist, die des Rezipienten, determiniert er selbst den Gehalt dessen, was er liest. Intersubjektivität zum praktizierten Prinzip gemacht, verweilen Leser und Urheber in einem dialogischen Feld, das auf der einen Seite Ideen produziert, sie auf der anderen Seite in sich bewegt. In Gefilden der Interaktion schaffen Autor und Rezipient konzeptionelle Synthesen aus Gedanken, Worten und Ideen: Konzepte, die sich subjektiv manifestieren. So geht der Essayist über den eisigen See. Der Leser folgt ihm, ohne jedoch seine vorgeformten Abdrücke im ersten Schnee zu reproduzieren. Der Essayist hat ihm den Rahmen gegeben; welche Schritte er darin wählt, ja sogar ob er in seinen Schranken bleibt, das obliegt dem Leser, der nicht minder tastend folgt. Der Essay sieht davon ab, zu organisieren, er „koordiniert seine Elemente“, so befindet Adorno und ihm tut es der Leser gleich, der sich Gehalt auch abseits von Struktur denken kann.

nördelke swalk / Bild: N.Ahlers

Der Horizont des Essays


Ganz in der Nähe rangiert übriges der Künstler. Er allerdings hat sich ein Seil über den See gespannt und balanciert in losgelöster Höhe über die Erde. Seine Mission ist nicht minder heikel, aber deutlich schwieriger zu greifen. Sich gegen Verdinglichung der Welt wehrend und der totalen Objektivität trotzend setzt er sich über die begriffliche Welt hinweg und macht Abstraktion zu seinem heimatlichen Medium. Er kreiert neue Wege und schafft dort wo nichts ist. Sein exegetisches Wirken, sein Werk, mutet artistisch an, hoch autonom und deswegen eben so problematisch für den Essayisten. Zwar in empathischer Solidarität mit dem Seiltänzer bleibt er doch seiner Welt verhaftet und weigert sich, sich durch die Triebkräfte der Abstrakta empor zu schwingen. Ohne diese Bodenhaftung, würden seine Begriffe Gefahr laufen, aufgeweicht zu werden. Sie würden Leere und Nichtigkeit- schließlich also Bedeutungslosigkeit- anheim fallen, ohne mit dem Fuß des Protestes dagegen anstampfen zu können. Der Essay fordert also Erdnähe. Sein Gegenstand, sein Terrain, ist das kulturell Vorgeformte. Er operiert mit der Theorie. Und doch wird er zu keiner. Man könnte meinen, es liege dem Essay dann nahe, einfach über die Brücke zu gehen, das schon bestehende Konstrukt zu bemühen und seine Botschaft in direkter, solider Form zu transponieren: das Territorium der Wissenschaft und doch der Tod des Essays. Explizität gibt sich den glorifizierten Anschein der Eindeutigkeit, der Vollständigkeit. Beides Komponenten, die der Essayist der gewordenen Welt abspricht. Die Komplexität, die Polykausalität und die nur fragmentarisch wahrgenommene Pluralität aller Umstände würde verletzend simplifiziert, würde man die Suggestion von völliger Erklärbarkeit und gänzlicher Erfassung suggerieren. Das Ganze, das Absolute sind Anachronismen, an die der Essay nicht mehr glauben möchte, denn sie entstammen einem Vorstellungshorizont, der sich durch den Willen der abschließenden Erörterung der Welt abstecken lässt. Der Horizont des Essays entsagt jeder Absteckung. Er verabschiedet den Fortschrittsgedanken, der sich aus dem vergangenen Jahrhundert in das diese geschleppt hat, negiert die strukturierte Reflexion einer unstrukturierten, komplexen und diffusen Welt und versenkt die Methode der Analyse.
Damit versagt er dem Diktat der wissenschaftlichen Herangehensweise die Folgschaft und postuliert Freiheit des Geistes stattdessen. Das macht die Eiswanderung zur Pioniersfahrt, nicht seine Thematik, die ihrerseits nichts Neues sein will, sondern auf der wahrgenommenen, erfahrenen Welt fußt. Nicht die analytische Struktur, mit der der Gegenstand seziert werden soll, konstituiert seine Schritte, sondern das „Lustprinzip des Gedankens“. Dem Essay ist die Brücke zu eng, zu klar, sie beraubt ihm einer entscheidenden Kapazität: der der Freiheit von Struktur und der der Freiheit für Erfahrung. Beides lässt sich nicht in Worte und Äußerungen gießen, beides ist nichts Zementiertes, beides ist nichtig im Moment der expliziten Benennung. Beides kann nut ertastet werden. Hier ist das Moment, in dem der Essay mit dem fatalistischen Determinismus der Wissenschaft bricht.
Er bricht mit der Anmaßung einer fingierten Ernsthaftigkeit wenn er selbst dem Lustprinzip Rechnung trägt. Dennoch wäre das Stigma für den Essay als wankelmütiger oder künstlerisch-abstrakter, anarchistischer Hedonist eine Fehletikettierung. Denn der Essay will etwas. Er ist seinem Objekt gegenüber nicht gleichgültig, obwohl er es niemals verabsolutieren würde. Er unterwirft sich nicht den Regeln der Wissenschaft und doch ist er nicht regelautonom. Man könnte sogar behaupten, der Essay ist in seinem Anspruch eine der ernsthaftesten Formen, weil er seinem Gegenstand und seinem Leser aufrichtig verschrieben ist. Versuchend, zuweilen vielleicht sogar wankend, fordert er doch Ernsthaftigkeit ein. Er definiert, konturiert sich und gibt sich Identität, er will kommunizieren und das verlangt nach Ernsthaftigkeit und ernsthafter Auseinandersetzung.
Es steht zu befürchten, dass genau dieser Aspekt des Essays seinem Untergang Vorschub leistet. Denn die Frage stellt sich, ob es überhaupt noch den Leser gibt, der zum Dialog gewillt ist. Eine Textkultur, die explizite Ergebnisse kommuniziert und vermittelnd zwischen Wissenschaft und Erkenntnis steht, erzieht eine Leserschaft von Konsumenten. Man konsumiert Tatsachen, reflektiert sie vielleicht, glaubt sie schließlich wenn ihre Argumentation nur stringent genug, ihre Struktur kohärent und ihre Methoden „sauber“ sind. Es handelt sich nicht unbedingt um einen unkritischen Leser- auf in ihm provoziert eine falsche Aussage Widerspruch und Aufbegehren. Aber es ist doch eine Leserschaft, die ganz dem Effizienzgedanken schriftlicher Erzeugnisse geschuldet ist. Möglichst schnell soll möglichst objektive Information filtriert werden, Wissen generiert werden.
Der Essay operiert nicht mit derartigen Ableitungen, führt den Leser nicht schematisch strukturiert an der Hand, sondern zieht ihn mit sich auf die glatte Eisfläche. Dabei bedient er sich weder des Brückenbaus noch Seiltanzes. Vielmehr webt er Querverbindungen und pflanzt damit einen zarten Geschmack auf der Zunge. Er schreit ihm entgegen, sich seiner Phantasie zu bedienen. Sonst verebbt der Geschmack, ohne wahrgenommen zu sein, der Leser steht auf dem Eis, ohne Richtung, ohne Stütze, als Einzelner allein.
Was von einem Text bleibt, das ist idealiter mehr als das Gesagte. Da ist der Horror einer Konsumentenleserschaft, die sich auf das Gesagte verlässt, bedrückend. Doch da verhöhne ich jeden Gedanken, der an eine Textkultur und ihrer Leserschaft als etwas Statisches denkt. Ich glaube, dass gerade jetzt, gerade in dem Ideal der Effizienz, dem Minimalismus und der puristischen Informationsvermittlung Ressorts der Phantasie, der Erfahrung und der Idee nach Nahrung verlangen. Sich darauf einzulassen, den Mehrfaktor des Textes wahrzunehmen und durchdringen zu lassen, ist herausfordernd, aber es ist eingefordert. Wir wollen als Leser spielen- ganz ernsthaft.

Glockentöne in der Luft. Man ist sich gar nicht sicher, ob man sie hört- so novembereisdünn sind sie. Die Sonne hängt ganz zart am Himmel. Es riecht nach Sonne auf nackter Haut. Man tastet sich vorwärts durch dichtes Gartengestrüpp. Nicht wissend, suchend, schmunzelnd und doch entschlossen. Es ist ein Gefühl, eine Erinnerung, sie will in nichts Gesagtem aufgehen, wurde nicht gelockt, und ist doch da. Nichts steht für sich allein. Am wenigsten der Einzelne.

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Schafft Leiden, aber schafft!

von Hanna Miethner

Trink deine Milch nicht zu hastig, binde dir die Schuhe fest, schaue dich um bevor du die Straße überquerst, sei bedacht und übernimm dich nicht, teile deine Zeit gut ein, sei nicht so neugierig. Es ist das Drängen der Besorgnis; das Postulat einer jeden erziehenden Hand und doch ist es der schmucklose Tod jeder Leidenschaft.

Der Waldspaziergang. Und unter einem biegt sich der Pfad, kokettiert doch mit kleinen Verheißungen, kaschiert von zaghaftem Blattwerk, das sich nicht insistierend genug, nicht intransparent genug über diese kleinen Versprechen legt. Und so wird es schwer, das halb Verborgene zu ignorieren. Die kühle Milch nicht hastig, verzehrend und gierig die Kehle hinunterzustürzen. Kaum hat man sich von der mütterlichen Kralle losgesagt, knackt das Unterholz, lockt der Specht, drängt das Dunkel. Es ist das virgin territory, das treibt. Es appelliert an den Expeditionsdrang und verhöhnt mit seiner unangetasteten Unerschlossenheit den Hegemonialanspruch des Menschen. Wieso? Wieso wollen wir erschließen, wissen, schaffen, kreieren, bauen, konstruieren, destruieren?

Zwanzig Prozent. Zwanzig Prozent des Brasilianischen Regenwaldes sind gerodet. Einem hegemonialen Anspruch ist damit bereits eindrucksvoll Rechnung getragen. Weite Areale sind also nicht nur von ihrem querelenden Status der Unerschlossenheit befreit, sondern dazu noch ganz destruiert worden. Es ist totale Macht, es ist das Monopol der Intelligenz gepaart mit pervertiertem Aktionismus und Determinismus.

photo shooting – Studioinszenierung des virgin territory aus der Perspektive des Kolonialisten


Leerstellen sind zunehmend zur Provokation gereicht und implizieren anscheinend den Appell der Beseitigung. Man will sich nicht länger in Gefilden des Halbwissens wähnen, sondern auf solidem, gefestigtem Boden bauen. Vorzugsweise Häuser, Fabriken, Unternehmen und Straßen.

Es stellt sich ganz ernsthaft die Frage, was Triebkraft von Innovation und Kreativität sein kann. Ist es der Anflug von Macht und Herrschaft, der sensibel scharf an der Nase kitzelt oder ist es schlicht das Fressen? Bewegen wir uns nur, weil wir müssen; ist Aktionismus zuweilen der Weg des geringsten Widerstandes, wenn Passivität uns Gefahr laufen ließe, finanziell unpässlich zu werden oder schlimmer: gesellschaftlich geächtet zu sein? Angst als Katalysator allen Schaffens?

Ein Sklave arbeitet und neben ihm seine Angst vor der Peitsche. Die Sanktion gehört in historischer Dimension scheinbar zur Arbeit – nicht dividierbar und schon gar nicht optional. Arbeit und Strafe formulieren einen finalen und programmatischen Duktus. Final weil unausweichlich und programmatisch weil er immer mehr ein Verständnis von Arbeit modelliert: Arbeit als zu belohnendes Faktum. Keine Arbeit analog evoziert die negative Sanktionierung, körperliche Züchtigung, Konditionierungsmechanismen, die Zuwiderhandeln eliminieren und ein funktionales, unbeirrbares System der Arbeit fundieren.

Können wir das aber nun tatsächlich in die Gefilde der Vergangenheit bannen? Schließlich ist die Sklavengesellschaft längst einer egalitären, pluralistischen, rechtsstaatlichen Demokratie gewichen. Auch jenseits der historischen Materialisten würde wohl kaum jemand in Zweifel ziehen, dass die freie Marktwirtschaft heute in nur wenigen Aspekten mit dem Feudalprinzip vergangener Systeme korrespondiert. Kapitalismus – wahrlich – ist ein Grundpfeiler freien (zuweilen auch ungehemmten) Konsums. Verzicht auf starre, vom Staat diktierte Regulatoren garantiert ein angepasstes Preisspektrum, Mannigfaltigkeit an Produkten und den Zugang zu etwaigen Erzeugnissen, benötigt oder vorgeblich benötigt. Kapitalismus birgt immense Freiheitskapazität- aber eben auch die Freiheit, zu scheitern. Es kauft, wer kann. Es produziert, wer besitzt. Wer aber nichts besitzt, der bietet seine Arbeit an, um teilzuhaben. Der Mensch ist der arbeitende Mensch und wenn er dieses Attribut verliert, büßt er einen Teil seiner Würde, seines Seins, gar seines Wertes ein. Arbeit ist der Definitions- und Identifikationsmittelpunkt einer arbeits- und effizienzzentrierten Gesellschaft. Und plötzlich ist die Peitsche wieder ganz nah. Sie hallt in den Schritten durch zahlreiche Korridore zahlloser Bürgerhäuser. Sie knallt in der Scham derer, die eine Nummer ziehen um sich arbeitslos zu melden. Sie klirrt im Portemonnaie der Großfamilie und verwebt sich mit der Leere eines Montagmorgens.

Sanktion gehört nach wie vor untrennbar zur Arbeit und garantiert ihren reibungslosen Fortbestand. Um einem Missverständnis vorzubeugen: die Gebundenheit der Arbeit an die Strafe ist nicht gleichbedeutend mit einem irrwitzigen Szenario, in dem jeder seine Arbeit notgedrungen und fluchend verrichtet. Der Umstand, dass Arbeit nunmehr der signifikante Identifikationsfokus eines Individuums ist, misst ihr eine umso höhere Gewichtung bei. Sie mag die dominante Konstituente einer Persönlichkeit sein, sie ist doch bei weitem weder die einzige noch die einzig verhasste. Der Mensch ist weder ein maschinelles Produktionsmittel noch muss er sich unter das Joch der Zwangsarbeit gestellt sehen. Unbestreitbar bleibt nur, dass Arbeit eine materielle sowie soziale Notwendigkeit ist. Und da stellt sich die virulente Frage, ob die menschliche Schaffenskraft nun tatsächlich immer und ausschließlich auf die positive Sanktion, auf Entlohnung, schlicht auf das Fressen ausgerichtet ist?

Würde noch jemand irgendetwas produzieren, wenn er nicht müsste? Eine Frage, deren positive Beantwortung die Opponenten des bedingungslosen Grundeinkommens kategorisch in Zweifel ziehen. Ob die Befürworter als hoffnungslose, realitätsgelöste Utopisten zu diskreditieren sind, oder nicht: sie wagen das Postulat: Ja, da ist eine andere Antriebskraft des Menschen, die ihn produktiv, gebraucht werden lässt. Und es ist nicht primär das Kapital oder die Aussicht auf Entzug desselben. Was ist es dann also?

Ist es der Anspruch der Macht? Wollen wir einfach nur alles, was wir nicht beherrschen können ausmerzen, unserer Kontrolle willfährig machen? Die uferlose Gier nach Allwissen, nach Expansion in das Unbekannte? Reißen wir uns nur deshalb von der bewahrenden, bekümmerten Mutterhand los: eben weil wir es nicht ertragen, dass uns ein Teil unserer universellen Macht noch vorenthalten ist? Sicher ist auch Macht ein stimulierender Motor. 20 Prozent des Brasilianischen Regenwaldes zu zerstören, ist eine enorme Schaffensleistung. Die imperiale Beherrschung genuin souveräner Menschen ist ein beachtlicher administrativer Kraftakt. Invasion, Intrige, Herrschaftssicherung oder auch viel beschiedener: die Mehrung von Kapital bedürfen raffinierter, geradezu kreativer Propaganda, einer unfehlbaren Strategie, einer initiativen Aktion. Ist das kreatives Schaffen? Hält das die Menschheit zusammen und treibt sie an, neue Ufer zu erstürmen? Sicher. Der Wille treibt. Der Mensch ist aktiv.

Aktion, die sich völlig am Erstreben von Macht abarbeitet und dem Erwerb opportunistischer Privilegien geschuldet ist, macht sich zur Leibeigenen ihrer Usurpatoren. Welch eine traurige Perspektive, Schaffen, auf Übel und Böswilligkeit zu reduzieren. Was bleibt denn schließlich?

Wenn der Mensch also nur schafft, weil er Sanktion fürchtet oder nach Macht strebt, dann darf es heute keinen einzigen Künstler geben, es darf kein Mensch eine Neigung bedienen, die nicht der Effizienz, dem Erwerb, Vorschub leistet. Wir dürfen nicht fühlen und wir dürfen nicht untätig sein, dürfen nicht glauben, nicht hoffen, nicht schreien, müssen unsere Milch mäßig schnell trinken, unsere Schuhe fest binden, vorsichtig sein, uns nicht übernehmen und nicht neugierig sein.

Stagnation. Ein Todesurteil. Wo jeder Impuls getilgt ist, entsteht nichts. Es entsteht aber, es wird, es fühlt und strebt und lebt.

Jemand der schafft, der eine Leerstelle findet, der muss sie für sich füllen. Er muss sich dabei aufzehren und sich darin ergehen. Ohne Aussicht auf Erfolg, ohne Entlohnung, ohne eine realistische Chance auf Machtmehrung treibt ihn seine Neugierde, sein Verlangen nach dem Dunkeln. Ihn treibt das Menschsein selbst. Nicht das Kapital, nicht die Macht. Die motivieren andere Prozesse. Meist münden die aber naturbedingt in Frustration, Depression oder schlicht einem destruktiven Desaster. Der Mensch, der handelt, weil er aus sich heraus muss, der ist der Depression keineswegs gefeit. Er mag sogar bitterlich ängstlich sein, aber er muss es wagen. Er muss. Und so rennt er. Er leidet. Voraussichtlich völlig erfolglos und mit nichtigem Ergebnis. Aber so ist die Leidenschaft: sie ist grausam, sie tut weh und belässt nichts wie es war. Gepriesen sei sie!

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Der Essayfilm – erste Gedanken zum Seminar

von Hanna Miethner

„Ein Schiff. Wasser, Geld, Introspektion sucht den Blick nach außen. Paradoxon fügt sich ungeschmeidig und synthetisch an ein weiteres wohl komponiertes oder doch authentisches Bild. Vielleicht ist es auch eine weitere Abstraktion.“ Das sind die fragmentarischen, vagen Extraktionen meiner ersten Begegnung mit dem, was sich unter den Begriff des Essayfilms bündelt. Meine erste Prise Essayfilm.

der Blick des Essayisten

der Blick des Essayisten


Die Montagetechnik, die in vielen schnell geschnittenen Einstellungen den Film „Socialisme“ von Jean-Luc Godard komponiert, fordert heraus. Sie will nicht geglaubt werden und doch nicht dem Laster der wankelmütigen Lüge anheim fallen. Unbestritten hat sich der Eidruck konstituiert, dass man mit diesem Filmgenre unebenes Terrain betritt und sich ganz den Welten von Spekulation, von Evokation und nicht zuletzt Provokation hingeben muss.
Ich komme nicht umhin, mit sperrigen Abstrakta zu hantieren, wenn ich den Essayfilm und seine Wirkung beschreiben soll: Analogiebildung, Kontrastierung, Destruktion.
Damit korrespondiert der erste filmische Eindruck mit den einführenden Worten, die Sven Kramer und Thomas Tode für den Essayfilm finden.
Hier präsentiert sich das Genre- wenn es sich denn zu einem klassifizieren ließe- ganz unkonformistisch. Der Appell ist latent immer implizit: Streife deine so hartnäckig bemühten Wahrnehmungskriterien ab! Destruktion eben der konventionellen, ausgetretenen Kategorien. Der Zuschauer ist nicht länger an das Edikt der Passivität gebunden, nicht in Gefilde der Konsumentenschaft gebannt, sondern nahezu dialogisch integriert. Assoziative Bilder fordern eine Antwort des Zuschauers ein, beharren auf Auseinandersetzung. Ich spinne schnell mein eigenes Netz aus Konnotationen und hangele mich von Verknüpfung zu Verknüpfung, von Bild zu Bild. Damit ist der Essayfilm unbarmherzig schnell und dicht. Er verweilt nicht, sondern prescht vorwärts- oder ist es nicht viel mehr rückwärts- letztendlich noch direkt auf einen zu?
Meine erste Prise war pikant und durchaus mit dominantem Nachgeschmack. Ich fühle mich in einem Prozess des Schauens und konstruiere selbst Zusammenhänge, generiere Bedeutung und schlage Analogien. Ein weiteres signifikantes Merkmal: die Analogiebildung. Schnelle Schnitte kombinieren scheinbar zusammenhangslose, autonome Bilder zu einem Kontext. Dokumentarisch anmutende Aufnahmen alltäglicher Szenen, die eine unterhaltungsfordernde Spaßgesellschaft abbilden, stehen unmittelbar neben inszenierten Dialogen. Erneut ist der Betrachter zur Verbindung gerufen. Ihm obliegt die Kopplung von scheinbar Trivialem an bedeutungsschwangere Äußerungen. Der Film ist mit diesen fast beiläufig platzierten Dialogelementen gespickt und inszeniert sie in unkommentierter Dichte. „Geld ist ein öffentliches Gut. Wie das Wasser“ Ein Bild vom Meer, dann von im Wasser spielenden Menschen auf Deck des Kreuzfahrtschiffes. Der Zuschauer denkt. Denkt vielleicht an Kapitalismus, an Verstaatlichung, an die Problematik des Materialismus, an die Absurdität einer Spaßgesellschaft, die verzehrend und unkritisch konsumiert. Der Zuschauer denkt.
Und während dieses assoziativen Prozesses werden gleich weitere Schauplätze generiert, andere Stränge gewoben. Eine Frau ermittelt der Geschichte hinterher und konfrontiert einen Mann, den sie bezichtigt, sich russischen Goldes während des Zweiten Weltkrieges bemächtigt zu haben. Der Zuschauer denkt und darüber hinaus stöbert er nach stringenten Mustern. Er versucht sich, eine Handlung zu imaginieren und Kontinuitäten zu erkennen. Tatsächlich wird einer solchen Suche nach Kohärenz auch Rechnung getragen. Bilder, Szenen und Konstellationen werden immer wieder aufgegriffen. Doch letztendlich scheitert das Bemühen, gewohnte Handlungszusammenhänge herzustellen. Wieder greift die Destruktion und der Zuschauer muss die Illusion, an einem roten Faden konsequent mitlaufen zu können, verabschieden. Ein Verlust? Keiner, den es zu betrauern gilt, denn die scheinbar konfuse, diffuse und untransparente Erzählstruktur konstruiert übergeordnet eine spannende Aussage: alles verläuft parallel, alles hat Berührungspunkte und schließlich hängt damit alles zusammen.
Letztendlich bleibt auch die Frage nach der Ästhetik. Die Komposition der Bilder mutet tatsächlich fast schon absurd an. Kriegsverbrecher agieren neben einer ausgelebten Affinität für junge Katzen. Die Aufnahmen haben einen dokumentarischen Charakter. Keine Retusche, keine aufwendige Ausleuchtung, kein ansehnliches Farbkonzept. Um mich wieder der Terminologie der einführenden Einschätzung von Kramer und Tode zu bedienen: die Bild- und Tonqualität geben sich amateurhaft. Sicher ist das nicht der Ermangelung an Ausbildung oder Budgetierung geschuldet. Der Essayfilm will sich nicht professionalisieren, so scheint es. Den unverwandten, unklassifizierten Blick des Amateurs behalten, der neue Perspektiven bergen kann. Der Amateur ist nicht verstanden als defizitärer Dilettant, sondern als jemand, der außerhalb etablierter Kategorien denken kann und sich seinem Sujet unbelastet nähert.
So kreiert der Film eine eigene Ästhetik. Wieder abseits von dem Zuschauer so wohl bekannten Mustern. Ein Film, der durchaus ästhetisch ist, der inszeniert und abbildet, der den Zuschauer fordert, seine Erwägung und Deutung zulässt, sogar ausdrücklich animiert: darf sich so ein Film überhaupt objektiv dokumentarisch nennen? Was kann der Essayfilm eigentlich leisten, wenn er ohnehin von der Rezeption des Zuschauers abhängt, also hoch subjektive Momente integriert? Er bedient sich doch auch ganz unverblümt den Mitteln der Inszenierung und der Manipulation. Kann er überhaupt den Anspruch auf Authentizität erheben? Ist er dann nicht eher mit dem Etikett des Unterhaltungsfilms, des Kunstfilms zu versehen? Alles ist Objekt des eigenen Ermessens, alles ist Bandbreite. Nein.
Dieses Urteil würde dem Essayfilm nicht gerecht werden. Denn er will etwas. Er will vermitteln, er hat eine Botschaft. Und diese Botschaft ist keine konkrete. Es geht ihm nicht um die Ergründung eines simplen partikulären Sachverhaltes- deshalb langt die Technik der dokumentarischen Abbildung auch nicht aus. Viel mehr ist es dem Essayfilm an der Erfassung einer Idee gelegen. Eine Montage, in der alles konfus scheint, entwickelt und kommuniziert eine Idee. Die Bilderflut, die einen assoziativen Schwall an subjektiven Eindrücken strömen lässt, greift ein Gesamtkonzept auf, das es zu repräsentieren gilt. Wie die Handlung, wie der rote Faden des Filmes, so ist der Gegenstand: ungreifbar und nie monokausal. Damit ist der Essayfilm hochaktuell. Er trägt dem Pluralismus an Meinungen und Perspektiven Rechnung und bildet die Heterogenität von Individuen ab, die alle koexistieren und alle an dem Ganzen, an dem fragmentarischen Ganzen partizipieren.
Meine erste Prise Essayfilm hing mir noch tagelang an der Kleidung und wollte etwas: mehr.

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