Archiv der Kategorie: Theater

Ein Dilemma zwischen Zuckerhaus und Werkgespräch – das Literaturhaus in Heidelberg

von Norbert Ahlers

Heidelberg möchte sich als Unesco-Literaturstadt bewerben, eine Stadt, die einerseits bemerkenswerte Verlage beheimatet und die andererseits für ihre Größe ein überdurchschnittliches Kulturangebot hat. Doch ein Blick in das Verzeichnis der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten provoziert Zurückhaltung: in der Stadt der Romantik gibt es keine anerkannte Literaturgesellschaft. Doch es gibt eine Initiative für ein Literaturhaus.
Mit der Schließung des Kinos Lux-Harmonie in der Altstadt stehen die Nutzungskonzepte des Wormser Hofes noch einmal zur Diskussion. Eine Idee ist, hier neben anderen kommerziellen Unternehmen ein Literaturhaus einzurichten. Damit wäre ein Kulturzentrum besonderer Art geschaffen, dass sich in unmittelbarer Nähe von Theater, Kunstverein und Museum befände.
Doch die Schwierigkeiten und Vorbehalte sind groß. Ein Kulturhaus wie das DAI versteht sich selbst schon als ein Haus für Literatur, veranstaltet in diesem Zusammenhang aber lediglich Lesungen bzw. Vorträge, die Stadtbücherei ist gegenüber einem weiteren Veranstaltungsort für Literatur skeptisch und die Verlage verhalten sich weitgehend abwartend, nur der Verleger Manfred Metzner hat sich dieses Projekt zur einer Herzensangelegenheit gemacht.
Tatsächlich ist es zweifelhaft, wenn man in Heidelberg in einem Literaturhaus lediglich einen Veranstaltungsort für Lesungen versteht, bei denen man im Foyer einen Kaffee trinken und im jeweiligen Verlagsprogramm stöbern kann. Veranstaltungen dieser Art kann man tatsächlich den schon bekannten Kulturhäusern am Ort überlassen. Was dort geschieht, hat weniger mit lebendiger Literatur als mit dem herkömmlichen Kulturbetrieb zu tun.
Es ist ermutigend, wenn eine junge Autorin in Heidelberg die Leiterin eines interkulturellen Zentrums wird, genauso wie die Beharrlichkeit einer Heidelberger Autorengruppe mit einem eigenen Kleinverlag, die seit über 20 Jahren jungen Autoren ein erstes Auftreten in der Öffentlichkeit und literarische Experimente ermöglicht. Es ist beeindruckend, dass in dieser Stadt v verschiedene Verlage ihren Sitz haben, deren Programm ausgesprochen qualifiziert ist. Doch es gibt in Heidelberg keine literarische Szene, die über das Stell Dich ein beim Poetry Slam hinausginge.
Ein Literaturhaus in Heidelberg wäre ein wirklicher Gewinn, wenn es mehr wäre als bloße Veranstaltung. Das Konzept des vor kurzem gegründeten Literaturhaus Heidelberg e.V. klingt wie ein Wunschkonzert ohne Schwerpunkt, ohne inhaltliche Vision. So hat man den Eindruck, dass die Forderung nach einem Literaturhaus mehr einer Pose als einem Lebensgefühl entspricht. Es ist wichtig neue Wege zu gehen, d.h. nicht nur für die klassischen Formen der Buchliteratur, sondern z.B. auch die Nähe zu Bloggern suchen, aber auch zu Filmemachern, Hörspielautoren oder Theaterregisseuren. Literarische Netzwerke entwickeln im Sinne von gelehrten Gesprächskreisen. Literatur ist keine Veranstaltungsreihe, sondern eine Haltung zum Leben. Dafür stand Heidelberg zu verschiedenen Zeiten. Man kann aber solch eine Koinzidenz von Ort und Lebensgefühl nicht willkürlich kreieren oder inszenieren – schon gar nicht mit Begriffen wie Festival- oder Metropolregion. Man kann aber Rahmenbedingungen schaffen, die solche Koinzidenz zulassen oder begünstigen.

Der Blick des Lesers gegenüber der Kamera ist ein skeptischer, weil der Dialog mit ihr ohne Rücksicht ist. Während ein Buch eine Haltung beschreibt, ohne dass der Leser dieselbe einnehmen muss, fordert die Kamera die Haltung heraus, die man von sich selbst erwartet.

Der Blick des Lesers gegenüber der Kamera ist ein skeptischer, weil der Dialog mit ihr ohne Rücksicht ist. Während ein Buch eine Haltung beschreibt ohne dass der Leser dieselbe einnehmen muss, fordert die Kamera die Haltung heraus, die man von sich selbst erwartet.

Wem aber nützt ein Literaturhaus und wie könnte man es finanzieren? Primär wäre es vor allem denen von Nutzen, die Literatur so sehr brauchen wie andere das tägliche Brot. Das ist nicht nur eine bestimmte Gruppe von Lesern, es sind die Autoren und die Verleger. Die Verlage schaffen mit einem Literaturhaus mehr als nur eine Vitrine des eigenen Verlagsprogramms, sondern einen Ort für junge Autoren, die dort ihr eigenes Schreiben weiterentwickeln können und Verleger kennenlernen, die ihnen entsprechen. Junge Schriftsteller kämen nach Heidelberg, um hier schreiben zu können – nicht als beauftragte Stadtschreiber, sondern als freie Autoren, die hier mit anderen über ihre Arbeiten sprechen könnten, die ihr Gespür, ihren Blick und ihren Ausdruck für die Wirklichkeit im Gespräch mit anderen reflektieren müssen.
Die ersten Schritte zu diesem Modell könnten die Verlage (Genossenschaftsanteile) und die Autoren (Studiengebühren) zu einem Teil aus eigener Kraft finanzieren. Vielleicht fände sich auch ein Mäzen – vorausgesetzt es ginge ihm um Literatur und nicht um das Klischee dieser Stadt. Das Gleiche gilt im Übrigen auch für eine freie Filmschule in Heidelberg.

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In der Notlage der Bildung kennen Lehrende keinen Griff nach Bracht

von Norbert Ahlers

„Wenn deine Söhne, Kallias, (…) Füllen oder Kälber wären, wüßten wir wohl einen Aufseher für sie zu finden oder zu dingen, der sie gut und tüchtig machen würde in der ihnen angemessenen Tugend: es würde nämlich ein Bereiter* sein oder ein Landmann; nun sie aber Menschen sind, was für einen Aufseher bist du gesonnen ihnen zu geben?“ (Platon – Apologie des Sokrates, Übersetzung: Schleiermacher)

Bildungsarbeit und Pädagogik sind in öffentlichen Kultureinrichtungen ein zentrales Argument im Selbstverständnis der Institutionen. Sie fundieren die Legitimationsbasis der Kulturarbeit .

Kulturarbeit will aber darüber hinaus mehr sein als bloße Pädagogik. Sie will Identität stiften, will Foren der Begegnung und Freiräume der Kunst schaffen, will als „Leuchtturm“ über die regionalen Grenzen weisen, soll als weicher Standortfaktor im Ranking urbaner Attraktivität wirtschaftliche Potentiale binden und in ihrer Vielfalt kommunale Toleranz und Stärken repräsentieren.

Diese Ansprüche aber definieren zunehmend auch die Aufgaben und das Selbstverständnis der Pädagogik. Sie erscheint weniger als Bildung, sondern vielmehr als mentales Fitnessprogramm für den Zwang zur permanenten Kreativität.

Dieses funktionsorientierte Verständnis von Kulturarbeit verspricht viel und klingt doch nach einer Ideologie, der die Versprechen von Bildung völlig fremd erscheinen. Die Phrasen der
Kulturschaffenden wie auch der -beauftragten zeigen kaum eine Idee davon, wie schwierig es sich mit der Bildung und der Kultur verhält. Was artikuliert wird ist stets Ausdruck des pädagogischen Aktionismus, der Bildung und Kultur beschwört, aber nicht einlöst. Über die Begriffe der Bildung, Kultur und Kunst selbst aber wird nicht diskutiert.

Die Idee der Bildung „ist in sich antinomistischen Wesens. Sie hat als ihre Bedingung Autonomie und Freiheit, verweist jedoch zugleich, bis heute, auf Strukturen einer je Einzelnen gegenüber vorgegebenen, in gewissem Sinn heteronomen und darum hinfälligen Ordnung, an der allein er sich zu bilden vermag. Daher gibt es in dem Augenblick, in dem es Bildung gibt, sie eigentlich schon nicht mehr. In ihrem Ursprung ist ihr Zerfall teleologisch bereits gesetzt.“ (Theorie der Halbbildung, Th.W.Adorno, S. 28 f)**

Th.W. Adornos Text veranschaulicht auch heute noch das Dilemma, in dem die Bildung eingeklemmt ist, aber gleichzeitig verweist er auch auf den Geist, der Freiheit verheißt.

Diese Bestandsaufnahme ist der Maßstab, an der sich eine Diskussion über die Bildung und Pädagogik orientieren muss. Ideen und Bildungskonzepte müssen dieses Spannungsverhältnis mitdenken, wenn sie die Versprechen der Bildung nicht verloren geben möchten.

Bildungsarbeit - Eigenschaften heben wie mit dem Griff einer Hebamme. Das geht nicht ohne Gefühl und Erfahrung.

Ob ein Kindergarten mehr einer Baumschule oder aber einem Garten ähnelt, wie ihn sich Claude Monet als Motiv schuf, ist eine Frage, wie man Erziehung und Bildung versteht: ob an Lehrplänen orientiert oder eher an der Kunst der Hebamme geschult.

Das Team der Kineskop wird das Gespräch über diesen Gegensatz und über das Verständnis von aktueller Bildungsarbeit in den kommenden Monaten weiterhin führen.

__________
* im Sinne von Zureiten wilder Pferden
** Theorie der Halbbildung, Th.W.Adorno, Frankfurt a.M. 2006

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Im Schatten des Don Quijote

von Norbert Ahlers

Kulturschaffende beklagen den Autoritätsverlust des Textes, ob im Theater, im Buchhandel oder in Museen. Diese Klage der Gelehrten ist alt. Selten schienen den Belesenen ihre Zeitgenossen kultiviert genug, allzu oft waren sie ihnen schlicht zu devot, zu tumb und fantasielos. Nicht selten fühlt sich der Gelehrte um die Frucht seiner Anstrengungen gebracht, wenn er sich den akademischen Titel erarbeitet hat und mit seinem Urteil nur eine bescheidene Resonanz in seiner Binnenwelt findet. Entsprechend ätzt er gegen diejenigen, die ihn ignorieren. Doch etwas scheint neu an dieser Klage zu sein. Tatsächlich erscheint über jedem Autor heute der Schatten des Don Quijote.

"Don Quijote" - im Stummfilm von 1915

Nur er selbst glaubt noch an die Macht der Texte während seine Zeitgenossen Texte nur als Präsentation wahrnehmen. Texte waren stets auch Repräsentanzen, wollten aber in der Regel nicht darauf reduziert werden.

Es scheint aber, dass gerade der Verlust der Textautorität sich proportional zu dem kollektiven Bedürfnis nach Präsentation verhält. In jedem Lebensbereich wird man zur Präsentation aufgefordert. Keine Arbeit, die nicht auch kommuniziert werden sollte und so erlernen konsequenterweise Schüler nicht nur den Stoff, sondern auch die verschiedensten Präsentationsformen, um Inhalte zu vermitteln. Ob jemand Design entwirft, fotografiert, musiziert, schreibt, filmt, dichtet oder malt, bei jeder kreativen Tätigkeit wird man mit der Forderung nach Publikation und Präsention konfrontiert. Es wird suggeriert, dass nicht das Verstehen, das Angebot zur Lektüre oder zur Betrachtung wichtig ist, sondern vor allem die ephemere Performance relevant ist. Wie ein Credo lautet es auch: was kreativ ist, verspricht eigenständige Ausdrucksform zu sein und gar Kunst zu werden. Originalität muss auf ein Bühne. Eine Idee muss kommuniziert werden, auch wenn sie noch nicht durchdacht ist. Das Potential der Idee zählt.

Aber vor diesem aktuellen Hintergrund kann sich Zeit nur derjenige leisten, der nicht um Aufmerksamkeit buhlen muss. Diese Freiheit ist aber im Global Village so wirklichkeitsfern wie die Fantasien des Don Quijote. So ist es denn auch konsequent, wenn Eltern ihre Kinder auf die Bühnen treiben und jedweden Wettbewerb suchen, bei dem sich die jungen Talente profilieren können.

Die Bühne ist die Relevanzbestätigung schlechthin. Auch die Kinder wissen das. Sie spüren, was in der Gesellschaft zählt, weshalb es ihnen denn auch die Bühnenerfahrung so wichtig wie unterhaltsam ist wie eine Geburtstagsfeier. Doch was einmal schlicht eine Feier war, in der man der Mittelpunkt sein durfte, wird heute durch die Bewertung von Publikum und Juroren qualifiziert. Sie erst gibt Orientierung in einer Gesellschaft, die scheinbar selbst alle ständischen Ordnungen hinter sich gelassen zu haben vorgibt. In der Sehnsucht nach Anerkennung durch Aufmerksamkeit scheint die direkte, unmittelbare Resonanz plausibler zu sein als das überlegte Urteil.

Jeder, der sich aber daran erinnert, dass Lernen auch Üben heißt und Übung Zeit braucht, so dass sie zu Erfahrung und Können wird, weiß, dass dieses Credo eine Lüge ist. Doch solch ein Satz wäre der des Don Quijote.

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Was heißt hier „Kultur“?

von Norbert Ahlers

Doch wie wird Kultur überhaupt definiert? Diese Frage stand unter anderem im Mittelpunkt des Festes. Der Tenor: Kultur heißt nicht nur Kunst, Kultur braucht eine Langzeitwirkung, die gemeinsame Geschichte schafft. Genau diesen Tenor hat auch Rainer Kern, Leiter des Büros 2020 und Zuständiger der Kulturhauptstadtbewerbung, in seiner Gesprächsrunde aufgenommen.“ schreibt danielg zu der Veranstaltung Denkfest in Schwetzingen. Tatsächlich ist die Antwort auf die Frage wesentlich komplizierter als sie das Statement von Rainer Kern suggeriert. In der Diskussion um Kreativ- und Kulturwirtschaft werden beide Bereiche oft gegeneinander ausgespielt. Während einerseits versucht wird, die Kulturarbeit gegenüber der Logik des Kommerz abzugrenzen, insistiert man andererseits gerade auf die vitale Wechselbeziehung zwischen Markt und Kulturarbeit. Ausdruck dieser Wechselbeziehung, die klare Grenzen zwischen Kulturschaffenden und Kreativwirtschaft kaum mehr erkennen lässt, zeigt sich eben in den Berufen der „neuen Selbstständigen“ wie Designern, MediengestalterInnen, GestalterInnen für visuelles Marketing usw. Tatsächlich ist die Differenz kaum plausibel zu vermitteln, denn die Kulturbetriebe wie z.B. Theater oder soziokulturelle Zentren verstehen sich oft eher als kulturelle Dienstleistungsbetriebe. Ihre Kommunikationtechniken gleichen eher denen von Marketingstrategen als von Intellektuellen und Kunstverständigen. Hier liegt auch wohl ein zentrales Missverständnis. Die Kulturschaffenden und die Kreativwirtschaft sind insoweit identisch wie sie sich in ihrem Verhältnis zur Kunst verstehen. Das Verstehen von und das Einstehen für die Kunst bezeichnet die entscheidende Differenz. Der Kulturbetrieb und die Kreativwirtschaft sprechen von Kunst, wenn sie Trends, Standortvorteile oder Legitimationsgründe meinen. Die Herausforderung und Anstrengung, die ein Kunstwerk dem Betrachter zumutet, wird vom Kulturbetrieb und der Kreativwirtschaft ignoriert. Kunst wird in diesem Zusammenhang auf eine bloße Erwerbsarbeit der Unterhaltung reduziert. Wie elementar diese Differenz zwischen Kunst und Kultur aber ist, veranschaulicht ein Kurzfilm von Jean Luc Godard. Seine radikale Haltung provoziert und scheint einen in der kompromisslosen Gegenüberstellung ohnmächtig zu lassen. Doch Godard hat sie 1993 im Angesicht des Schocks der Balkankriege in dem filmischen Gedicht „Je vous salue, sarajevo“ beschrieben. Er zeigt mit seinem Film, wie die Gesellschaft weitgehend nicht nur diesen Krieg vergessen zu haben scheint, sondern wie vehement der Kulturbetrieb und die Kreativwirtschaft jedwede Kunst negieren, ob im Alltag oder in den Werken, wenn sie sich nicht gedankenlos verschlingen läßt.

Der Text des Kurzfilms ist in etwa so zu übersetzen:

Gegrüßet seist du, Sarajevo

In gewissem Sinne ist die Angst die Tochter Gottes,
die in der Karfreitagnacht erlöst wird.
Sie ist nicht schön,
verspottet, beschimpft und verleugnet von allen.
Aber verstehen Sie es nicht falsch. Sie wacht über alle Todesangst,
sie legt Fürsprache für die Menschheit ein.
Denn es gibt eine Regel und eine Ausnahme.
Kultur ist die Regel,
und Kunst ist die Ausnahme.
Jeder spricht die Regel aus:
Zigarette, Computer, T-Shirt, TV, Tourismus, Kriege.
Niemand spricht für die Ausnahme.
Sie wird nicht gesprochen,
sie wird geschrieben: Flaubert, Dostojewski.
Sie wird komponiert: Gershwin, Mozart.
Sie wird gemalt: Cézanne, Vermeer.
Sie wird gefilmt: Antonioni, Vigo.
Oder sie wird gelebt,
und dann ist es die Kunst des Lebens: Srebrenica, Mostar, Sarajevo.

Die Regel ist, den Tod der Ausnahme zu wollen.
Also die Regel für ein kulturelles Europa ist, den Tod
der Kunst des Lebens zu organisieren, die immer noch blüht.

Wenn es Zeit ist, das Buch zu schließen, werde ich nichts bereuen.
Ich habe so viele Menschen gesehen, die so schlecht gelebt haben,
und so viele, die so gut gestorben sind.

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Culture Makes Money

von Norbert Ahlers

Auf dem Heidelberger Forum der Kultur- und Kreativwirtschaft findet sich der Hinweis auf einen Artikel von Christian Boros (vgl. http://www.kreativwirtschaft-hd.de/2011/05/k-west-kultur-vs-kreativwirtschaft-pladoyer-fur-ein-neues-miteinander/). In dem Text wird ein „new creative deal“ zwischen den „Akteuren der Kultur, der Kulturwirtschaft, der Verwaltung, der Immobilienwirtschaft und der Wirtschaft insgesamt“ angesprochen. Hintergrund dieses Impulses ist die Krise der öffentlichen Kulturförderung, in der Kultureinrichtungen wie z.B. Schauspielhäuser immer mehr an Spielraum verlieren.

Abgesehen davon wie phantasielos und unpassend die Phrase von einem „New Deal“ in diesem Zusammenhang erscheint, ist die Idee der verstärkten Einbindung der Wirtschaft in Kulturförderung alles andere als neu. Noch vor der Wirtschaftskrise 2002/03, die die finanziellen Spielräume der Kommunen massiv eingeschränkte, konstruierten Künstler der freien Szene kooperative Modelle zwischen Kunstevent und kommerziellem Sponsoring. Kritische Distanz gegenüber der Logik des Kommerz wurde als unzeitgemäß und irreal abgetan, was insofern pragmatisch konsequent war, da immer mehr Künstler mit Sparmaßnahmen der Kommunen im Kulturbereich rechnen und sich auf einem kommerziellen Markt behaupten mussten.

Jetzt – im Jahr 2011 – hört man wieder von massiven Sparmaßnahmen, von eklatanten Einschnitten, und dieses Mal sind die Kommunen tatsächlich finanziell ruiniert. So scheint es sich dann auch anzubieten, von neuen Kooperationsmodellen zu sprechen. Wer aber im Kulturbereich von „öffentlich-private Betreibermodelle“ spricht, klingt wie der Wolf mit der in Mehl geweißten Pfote. Wie öffentlich-private Betreibermodelle praktisch aussehen, dokumentiert der Film „Water Makes Money“ (http://www.watermakesmoney.com/ oder vgl. entsprechende Links bei http://www.youtube.de).

Wenn die Grundversorgung von elementaren Bedürfnissen (Wasser) von der öffentlichen Hand in privatwirtschaftliche Modelle überführt wird, dann wird die Versorgung zugunsten des Profits versäumt. Am Ende bleibt die Grundversorgung auf der Strecke, wenn nicht mit finanziellen Mehrbelastungen die Versorgungsdienste wieder zurückgekauft werden. Mit einer ähnlichen Logik wird man auch im Kulturbetrieb rechnen müssen, wenn man sich auf den „new creative deal“ einlassen würde.

Es ist übrigens bemerkenswert, wie stets von der Kultur- und Kreativwirtschaft die Rede ist, aber nicht von der Kunst. Diese spielt in diesem Zusammenhang faktisch keinerlei Rolle mehr, es sei denn im Rahmen des Kunstmarktes, also der Kunstmessen und Galerien. Die Idee, dass die Kunst eine Gegenwelt zur gesellschaftlichen Wirklichkeit repräsentiert, erscheint in den Kreisen der Kultur- und Kreativwirtschaft absurd. Was sich nicht als innovative Dienstleistung und Standortfaktor legitimieren kann, trägt das Stigma der Irrelevanz. Fakt aber ist, dass gerade die verkürzte Vorstellung von Kunst, wie sie in der Kreativwirtschaft propagiert wird, so phantasielos wie totalitär ist.

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„Schnee“ – die Stille einer türkischen Geschichte

Das Schauspiel des Stadttheaters Heidelberg hat mit der Spielzeit 2010/11 zwei große Romane für die Bühne adaptiert: John Steinbecks „Jenseits von Eden“ und Orhan Pamuks „Schnee“. Während die Bühnenfassung von Jenseits von Eden“ in der Kritik durchaus wohlwollend aufgenommen wurde, wusste man über die Adaption von „Schnee“ kaum eine gute Zeile zu schreiben. Das verwundert letztlich, doch es dokumentiert die Zurückhaltung der Kritiker, sich inhaltlich mit dem auseinanderzusetzen, was auf der Bühne erzählt wird. Es reicht nicht aus, sich in einer Kritik bei elektrischen Heizkörpern, Konfettischnee, Kopftuch und den Eindruck des Bemühten aufzuhalten (vgl. Volker Oestereich in der RNZ), wenn es um das Stück „Schnee“ geht.

Allerdings wird hier schon ein Dilemma der Adaption deutlich: ein Stück muss für sich alleine stehen können und nicht die Lektüre des Romans zur Voraussetzung haben. Es muss unabhängig von der literarischen Vorlage in der eigenen Erzählweise überzeugen,doch gleichzeitig muss die Theaterfassung sich auch an dem Roman messen lassen. Was aber, wenn die Öffentlichkeit kaum bereit ist, sich hier auf die Erzählweise der Bühne einzulassen? Wenn hier im Theater schon wieder das enge Korsett der Erwartungshaltungen dominiert, was man sonst eher vom Fernsehpublikum kennt?

Alfred Huber schreibt im Mannheimer Morgen: „So ist das Theater an diesem Abend nicht nur ein Platz, an dem man die Schrecken zeigt, sondern auch ein Ort, der vor dem Schrecken schützt.“ Es ist sicher eine Frage, ob die Unmittelbarkeit des Schreckens die Differenz des Theaters zur Lektüre darstellt. Eine andere Frage ist aber, ob der Schrecken der eines Pistolenschusses ist oder das Glück an Orten der Hoffnungslosigkeit?

Kars, eine türkische Provinzstadt in der Nähe zur Grenze von Armenien, scheint für Pamuk ein solcher Ort zu sein. Ka, der Dichter im Exil und nun zurückgekehrt wegen einer Recherche in dieser Stadt, findet dort Momente des Glückes. Er kann dichten wie seit Jahren nicht mehr. Er findet in dieser Stadt seine Liebe wieder und hofft, mit ihr in Frankfurt diese Liebe leben zu können. Diese Sehnsucht scheitert an einer unheimlichen Melange zwischen Folter und Eifersucht.. Allein in Frankfurt scheint sein Leben nur noch das hoffnungslose Warten auf Ipek zu sein, so dass der Mord an ihm weniger wie ein Verbrechen als wie eine Konsequenz, fast wie eine Erlösung wirkt. Pamuk, der sich als Autor auf die Suche nach einem verlorenen Freund macht und dessen Geschichte erzählt, will dementsprechend auch nicht ein Verbrechen ermitteln, sondern verstehen. Der Schrecken ist die unspektakuläre Stille, der gegenüber die tatsächliche Gewalt lächerlich, weil unsinnig wirkt.

Tatsächlich hat die Fassung des Heidelberger Theaters sehr präzise die Romanvorlage adaptiert. Die Schwierigkeit, den komplexen Roman auf eine Bühnenfassung zusammenzufassen, ohne ihn auf eine Lovestory zu reduzieren, ist durchaus gelungen. Ausgezeichnet das karge Bühnenbild, dass lediglich durch eine zerschlissene Tapetenwand die Sehnsucht nach Geborgenheit andeutet. Die Szenenwechsel werden nicht durch Bilder, sondern allein durch die Beziehungen der Schauspieler dargestellt. Der schnelle Wechsel der Szenen irritiert zwar gegenüber der Langsamkeit und Enge einer im Schnee eingeschlossenen Stadt, doch die Zuschauer bleiben in ihrer Konzentration bei den Figuren.

Zweifellos kann man in dieser Inszenierung doch Schwächen gegenüber dem Roman konstatieren, aber was will man mit solchen Hinweisen sagen? Die entscheidende Frage ist, was einem das Bühnenstück erzählt hat und wie es in einem nachklingt. Neben mir saß ein älteres Ehepaar, dass nach der Aufführung nur sagte, dass sie sich auf die Lektüre des Romans jetzt freue. Wenn ein Stück dazu motiviert, dann kann es nicht so schlecht sein, wie es Volker Oestereich mit seinem Abiturwissen weismachen möchte.

Als Parmuk 2002 den Roman veröffentlichte, wollten Kulturjournalisten ihn immer wieder zu Statements über das Kopftuch und die Rolle der Frau nötigen, während er nur über das Buch reden wollte. Ich denke, dass ein ähnliches Missverständnis auch dem Bühnenstück widerfährt. Wie kompliziert und vielschichtig das Spannungsverhältnis zwischen Provinz, Staat und dem Fluchtpunkt im Westen ist, davon lässt sich auch auf der Bühne vieles wiedererkennen. Doch diese Nuancen finden sich wie der Schrecken des Stückes im Stillen, nicht im Pathos. So hätte es dem Stück gut getan, wenn auch Simon Bauer als Erzähler eher das ruhige Auftreten von Orhan Pamuk gespielt hätte.

Wichtig aber ist, dass das Publikum hier – so wie Pamuk eben auch für ein Publikum schreibt, das in den Westen schaut – über die Türkei ins Gespräch kommt und begreift, wie wenig es von diesem Land eigentlich versteht. Was nicht verstanden ist, wird so zu einem weißem Fleck auf der Landkarte, dessen Entdeckung zu einem Abenteuer wird. Dieses Abenteuer beginnt z.B. mit der Lektüre des Romans, zu dem das Stück durchaus einlädt.

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Aktive Medienarbeit im Ländle

Längst überfällig, dass sich die Medienwerkstätten in Baden-Württemberg zusammenfinden und eigene Positionen in der Medienpädagogik skizzieren.

Medien- und Bildungspolitik sind Ländersache. Für die Medienpädagogik ist dieser Sachverhalt von grundlegender Bedeutung. Wenn z.B. auf Bundesebene seitens der Medienzentren notwendige Forderungen zur Veränderung der Situation für die Aktive Medienarbeit angemahnt werden, so erntet man zwar allgemeine Zustimmung, doch eine reale Unterstützung erfährt eine solche Initiative nicht. Strukturell bleibt alles beim Alten.

In Baden-Württemberg wurde in diesem Zusammenhang vieles versäumt. Während in den 90er Jahren die Freien Radios im Rahmen der Novellierung des Rundfunkstaatsvertrages einen Landesverband (AFF ) gründeten und im Landesmediengesetz als nichtkommerzielle Rundfunkveranstalter festgeschrieben wurden, blieben die Medienwerkstätten in Freiburg, Heidelberg, Mannheim, Stuttgart usw. weitgehend isoliert.

Diese Isolation war seitens des Landes politisch durchaus gewollt, andererseits aber aucch von den Medienwerkstätten selbst verschuldet. Divergierende pädagogische Modelle, Desinteresse an überregionalen Strukturen, finanzielle Abhängigkeiten und mangelnder Erfahrungs- und Gedankenaustausch waren dafür die Gründe.

Außerdem kommt erschwerend hinzu, dass die Medienwerkstätten in verschieden Zusammenhängen strukturell eingebettet sind. Es gibt kein einheitliches Betriebsmodell, was für Medienwerkstätten verbindlich ist. Verschiedene Betriebsmodelle haben unterschiedliche Finanzierungsformen und entsprechend unterschiedliche Freiräume bzw. Verpflichtungen.Einfacher gesagt: außer dem Begriff Medienwerkstatt und der Technik gibt es mehr Differenzen als Gemeinsamkeiten zwischen den Institutionen. Eine grundlegende Erfahrung ist ihnen aber allen gemeinsam: permanente Unterfinanzierung bei gleichzeitig wachsenden Herausforderungen und Erwartungen in der Medienpädagogik.

Hier wird ein Defizit der Medienwerkstätten deutlich. Im Gegensatz zu den Freien Radios, die Mitte der 90er Jahre sowohl in Baden-Württemberg, dann aber auch bundesweit einen enormen Schub erfuhren und sich neu in der Medienlandschaft definierten, fehlt es in den Medienwerkstätten an einer inhaltlichen Ortsbestimmung. Wichtige Gedankenmodelle aus der Vergangenheit wurden ad acta gelegt und inhaltliche Auseinandersetzungen reduzierten sich mehr und mehr auf den praktischen Erfahrungsaustausch.

Diese Entwicklung war insofern verständlich, weil die Jugendlichen – also die primäre Klientel der Medienpädagogik – viel schneller und pragmatischer auf die enormen Veränderungen in der Medienlandschaft reagierten als die meisten Medienwerkstätten.

Die Geschichte der Freiburger Medienwerkstatt beschreibt den Prozess vielleicht beispielhaft. War in den 80er Jahren diese Medienwerkstatt mit ungewöhnlich engagierten Filmen und talentierten Filmemachern von einer beeindruckenden Produktivität, hatte sie in den 90er Jahren nach dem Fortgehen von Didi und Pepe Danquart eine Durststrecke zu überstehen und ist nunmehr eine Medienwerkstatt, die sich vor allem auf medienpädagogische Bildungsarbeit (Schülerfilmforum) und Geräteverleih konzentriert.

Die Aktive Medienarbeit bzw. die offene Jugendarbeit der Medienwerkstätten bietet neben Workshops und Geräteverleih vor allem Plattformen, auf denen Jugendliche ihre Arbeiten einem Publikum präsentieren können. Diese kleinen Filmfestivals bringen vor allem junge Filmemacher zusammen, die ihre Erfahrungen austauschen und neue Eindrücke sammeln können. Gleichzeitig aber dienen diese Events auch der Dokumentation der Relevanz von medienpädagogischer Arbeit. Nach der einfachen Logik, wo so viele junge Menschen zusammen kommen, muss etwas Wichtiges geschehen und wo etwas Wichtiges geschieht, kann die Politik nicht die Unterstützung versagen. Dass aber die Jugendlichen auch zu jeder anderen Einladung kommen würden, wenn ihnen eine Leinwand, ein Publikum und ein Preis versprochen wird, wird dabei verdrängt. Erst allmählich entdecken auch andere als nur Medienpädagogen die Kurzfilmszene als kreative Klientel.

Die Medienpädagogik sollte sich aber weniger als kulturelle Medienarbeit als vielmehr als eine dezidierte Bildungsarbeit verstehen. Was aber in diesem Zusammenhang als Bildung verstanden werden kann und werden sollte, dass muss diskutiert und im Vergleich der verschiedenen Projektmodelle skizziert werden.

In Baden-Württemberg sollten sich die Medienwerkstätten zu einem solchen Diskurs zusammenfinden. Auf diesem Wege können dann auch medienpolitische Impulse in die Bildungsdebatte eingebracht werden, die auf Landesebene Gehör finden könnten. Es gibt aber auch einen anderen Grund, weshalb man sich neu positionieren sollte. Wenn nicht gegenüber den Schulen die spezifische Kompetenz der Medienwerkstatt bestimmt werden kann, dann werden mit einer neuen Lehrergeneration die Medienwerkstätten bald schon von den Schulen und den Videotutorials und Foren im Web ins Abseits gestellt. Eine Entwicklung, die man sich eigentlich nicht leisten kann.

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