Archiv der Kategorie: Notizen zu Raum und Bild

Bilder einer Bildungsreise – Carla Curman in Heidelberg 1881

von Norbert Ahlers

Bei Recherchearbeiten ist das Team des Pilotprojektes „die medialen Erzählformen des Krieges – Heidelberger Bilder im ersten Weltkrieg“ auf die frühe Fotografie des Schweden Carl Curman gestoßen. Seine Bilder beschreiben das Heidelberg einer Friedenszeit, den Blick eines Reisenden auf Heidelberg in den späten Regierungsjahren des Kaisers Wilhelm I (1871-1888).

Der schwedische Arzt und Professor für Anatomie an der Stockholmer Akademie der Künste war ein leidenschaftlicher Amateurfotograf, der seine Reisen mit bemerkenswerten Bildern dokumentierte. 1881 besuchte er zusammen mit seiner Frau Carla Curman auf einer Deutschlandreise auch Heidelberg. Eine Bildserie dieser Reise findet sich auf der Bilddatenbank flickr.com, die seitens des Kulturmiljöbild – The Swedish National Heritage Board’s photographic database publiziert wurde.

Curman kam als Tourist nach Heidelberg. Seine Bilder zeigen die bekannten touristischen Motive wie die Schlossrunie, die Alte Brücke oder die Herrenmühle am Fluss, aber im Gegensatz zu den formelhaften Standardbildern der Stadt- und Schlossansichten des 20. Jahrhunderts scheint Curman als Reisender in seinen Bildern diese Motive selbst zu entdecken oder sie entsprechend der Gemäldevorlagen des frühen 19. Jahrhunderts fotografisch zu rekonstruieren. Die Bilder haben jedoch einen privaten Charakter, denn des öfteren findet sich auf ihnen Carla Curman, wie z.B. auf dem Bild, das die alte Brücke zeigt.

In der Reihe aber überrascht das Bild von der Oberen Neckarstraße.
Calla Curman in Heidelberg 1881

Es zeigt eine Altstadt, die schon dem damaligen Betrachter als anachronistisch erschienen sein muss – zumal für eine Universitätsstadt. Die Bildgestaltung betont diesen Eindruck, denn das Bild wird eingerahmt durch die Häuser dieser Gasse, die das Bild in der Perspektive verengen, was noch betont wird durch die Diagonale des Schattens, den das rechte Gebäude wirft. Oberhalb dieses Schattens, wie in einer Gasse des Sonnenlichtes, ist wieder Carla Curman zu erkennen. Dunkle Jacke, dunkler Rock, dunkler Schirm und Hut vermittelt sie den Eindruck einer alten Dame (tatsächlich war sie zu jenem Zeitpunkt gerade 31 Jahre alt). Der obere Teil öffnet das Bild auf eine von links nach rechts aufstrebende Bilddiagonale, die durch das Schlosshotel am Schloss-Wolfsbrunnenweg dominiert wird. Das klotzige Gebäude war zur Entstehungszeit des Bildes gerade erst sechs Jahre alt und dürfte für Curman wie ein gewaltiger Neubau gewirkt haben, der über dem alten Heidelberg ohne Proportion zur Umgebung thronte. Es mag ein Zufall gewesen sein, doch die rennenden Kinder im Vordergrund des Bildes sind in dem eher statischen Bild wie ein Moment des Lebens. Durch die lange Belichtungszeit sind sie wie ein flüchtiges Huschen abgelichtet und lassen etwas von der Vitalität dieser Gasse ahnen, die sich die wohlhabenden Touristen und Bürger nicht zu leisten wagen. Das Ehepaar Curman, in Stockholm die Gastgeber eines Salons für Künstler und Intellektuelle, mag vielleicht auf den Spuren des bekannten Heidelbergs gerade in diesem Bild etwas vom Momenthaften des Romantischen wiedererkannt haben und es überrascht, dass der Bildungsreisende 1881 schon die Gefahr des Tourismus für den Ort und seine Menschen in seinem Bild – wenn auch sicher ohne Absicht – beschrieb. Wenn das Besondere eines Ortes zum Gegenstand des Marketings wird, verliert es sich. Das Hotel auf dem Bild mit seiner sperrigen Architektur ist heute keine Haus mehr, in dem die Prominenz gastiert, sondern in dem die permanent Tourenden der globalisierten Gesellschaft einen ständigen Wohnsitz erwerben. Tobende Kinder und das eigensinnige Leben der Altstadt findet sich jetzt an Orten, die jeder Reisende in Heidelberg aus Unkenntnis ignorieren oder aus Ressentiment eher meiden würden.

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Bergheimer Portraits

Im Rahmen der Kineskop-Filmschule findet nun ein Projekt statt, das das Heidelberger Diorama fortschreibt. Unter dem Titel „Wir in Bergheim“ werden Portraits verschiedener Läden des Heidelberger Stadtteils Bergheim in Bild und Text dokumentiert. Bergheim hat sich in Heidelberg in den vergangenen Jahren zu einem dynamischen Stadtteil entwickelt, in dem sich neben den traditionellen Geschäften wie z.B. für Eisenwaren oder Berufskleidung nun auch zahlreiche Bistros, eine afrikanische Schneiderei, Orientläden, eine Goldschmiede, Outdoor-Shops und andere Geschäfte angesiedelt haben. Diese neuen Geschäfte dokumentieren nicht nur eine neuen Lebendigkeit, sie zeigen auch, dass sich Bewohner dieses Stadtteils grundlegend verändert hat. Die Interviewreihe (Jo Bauer/Medienforum Heidelberg) und Fotosessions (Max P.Martin) werden mit einer Videodokumentation (Verena Flörchinger) begleitet. Ziel ist es, mit diesen Portraits die Vielfalt und Dynamik Bergheims in einem Bildband anschaulich zu beschreiben.

Bergheimer Straße in Heidelberg

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Kulturarbeit und Brandrodung

Kulturarbeit und Brandrodung – diese beiden Begriffe sind eng miteinander verwoben. Die Brandrodung ist eine Kulturtechnik in der Subsistenzwirtschaft. Frühe Kulturen schufen mit dieser Form ihre wirtschaftliche Lebensgrundlage. War der gewonnene Boden schließlich erschöpft, zog und rodete man weiter. Heute gilt die Brandrodung als historisch überholt, zumal sie ökologisch verheerende Schäden schafft.

Im öffentlichen Diskurs wird der Begriff Kulturarbeit vor allem im Zusammenhang mit Theater, Film, bildender Kunst, Musik, Festivals etc. verwendet. „Rodungen“ unternehmen allenfalls die, die in diesen Bereichen sparen und öffentliche Haushalte sanieren wollen. Es scheint Konsens zu sein: Kultur ist sozialer Reichtum und Vielfalt, die unter besonderem Schutz stehen müssen. Kunst und Kultur sind die entscheidenden Ressourcen in der postindustrialisierten Gesellschaft, denn mit der Kultur kann sich Kreativität und Ideenreichtum in der notwendigen Komplexität entwickeln. Wer das nicht begreifen möchte, der horcht zumindest auf, wenn das Stichwort „Kultur als weicher Standortfaktor“ fällt. Wo das kulturelle Angebot reich ist, finden sich auch die hochqualifizierten Arbeitskräfte der anderen Branchen.

Die Konsequenz auf kommunaler Ebene sieht dann so aus: liegt ein Gebäude im urbanen Raum brach, bleibt eine vergessene Bahnhofsruine oder eine abgewirtschaftete Hafenanlage ungenutzt und ist dem Verfall überlassen, dann ist die Forderung schnell geäußert, dass man da etwas machen müsse, etwas inszenieren könnte.

Dass diese Flächen oft im Stillen schon genutzt werden, von kleinen Gruppen, die eine Nische suchen oder auch von Obdachlosen als Übernachtungsmöglichkeit, wird von Kulturinitiativen schlicht ignoriert. Mit Energie und Beharrlichkeit wird dann eine politische Öffentlichkeit entwickelt. Der Widerstand gegenüber den Initiativen verhält sich proportional zu den zu erwartenden Profiten der Immobilie. Kommunale Entscheidungsträger geben verhältnismäßig schnell nach.
Während Künstler und Kreative solche Plätze als Freiraum sehen, sind sie für Kommunalpolitiker oft ideale Orte für die Jugendarbeit, denn Konflikte mit Anwohnern sind kaum zu erwarten und die kulturellen Initiativen können ein brachliegendes Gelände eher aufwerten als demontieren. Außerdem will sich kaum jemand ohne Not vorwerfen lassen, dass er den Belangen der Kultur- und Jugendarbeit gleichgültig gegenüberzusteht.

Beide Gruppen haben aber eines gemeinsam: dass eine Immobilien nicht ungenutzt bleiben kann, weil sie dann ja unnütz wäre. Wilde Flächen werden im urbanen Raum nicht geduldet. Was Brache ist, erscheint wie unkultivierte Wildnis. In den Ruinen und zerfallenen Werkhallen wachsen Bäume, Sträucher und Gräser dehnen sich unkontrolliert aus. Diese Wildnis wirkt wie ein unkalkulierbarer Abenteuerspielplatz. Das ist ein Freiraum, freilich einer, wie ihn der Kulturbetrieb nicht zu nutzen versteht. So gilt es also solche Räume wieder zu okkupieren, zu rekultivieren. Alles, was sich an Subkultur in solchen Nischen eingenistet hat, wird verdrängt oder als Kopie vereinnahmt. Was als kreatives Prekariat dort experimentieren konnte, wird durch Bau- & Sicherheitsauflagen unmöglich gemacht. Was dann kommt, ist die bunte Vielfalt des Immergleichen: die stets vertraute und kontrollierbare Kultur des Unterhaltungsbetriebs. Diese Rekultivierung hat eine irreversible Vehemenz, denn die Subkultur ist verloren, wo der Prozess der Gentrifizierung vollzogen wird. Die Pioniere dieser Gentrifizierung sind die Kulturinitiativen, die von Freiräumen reden, aber jede Schonung für die nächste Party niedertrampeln.

Ein aktuelles Beispiel in Heidelberg: das ehemalige Bahnbetriebswerk sollte ein Jugendkulturzentrum werden, was aber schon in Teilen als Unterbringungsheim für Obdachlose genutzt wird. Ein Heim, in dem vor allem die Männer unterkommen, die in der Stadt kaum geduldet werden und von dem die Öffentlichkeit bisher keine Notiz nahm. In intensiven Diskussionen zwischen städtischer Verwaltung und Jugendvertretern wurde ein Modell der Doppelnutzung skizziert und eine Planung und Kostenkalkulation in Auftrag gegeben. Das Ganze schien beschlossen, doch wurde in nun das ganze Vorhaben gestoppt, weil die Kosten für eine Renovierung gegenüber dem durch die Finanzkrise strapazierten Haushalt der Stadt nicht zu verantworten sind. Vorerst scheint es hier zu keiner „Brandrodung“ zu kommen.

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Heimspiel – ein Film von Mario Di Carloo Di Carlo

Im Rahmen des Heidelberger Dioramas wird am 20.03.10 in der Traumfabrik des Theaterkinos ab 18:00 Uhr der Film Heimspiel – „Schiller zurück in Mannheim“ von Mario di Carlo gezeigt.

Heimspiel ist ein Dokumentarfilm über die langjährige Theaterarbeit in Mannheim Jungbusch, ein sogenannter sozialer Brennpunkt. Die Theaterpädagogin Lisa Massetti inszeniert mit der Creative Factory seit fast 15 Jahren mit Jugendlichen mit türkischen Migrationshintergrund Theaterstücke im Stadtteil. Der Film dokumentiert zum einen die prozesshafte Theaterarbeit und stellt zum anderen die Protagonisten vor.
Trotz aller Schwierigkeiten mit Job, Sprache, Familie und dem „Was eigene Heimat sein soll?“, gelingt es der Regisseurin und den Jugendlichen immer wieder klassische Theaterstücke, in diesem Fall Schillers „Jungfrau von Orleans“ auf beeindruckende Art und Weise, in eigener zeitgemäßer Interpretation im eigenen Stadtteil aufzuführen.
Ihre besondere Form des „Sidewalk Theater“ hat der Creative Factory viel Lob von Kritikern, Preise und zahlreiche Einladungen auf renommierte Theaterfestivals gebracht.

Der Regisseur ist anwesend. Eine spannende Diskussion ist zu erwarte, denn Di Carlo portraitiert hier eine Kulturarbeit die gerade in heidelberg schmerzlich vermißt wird.

Einritt frei

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Die Stadt am Fluss und die Kultur in den Gassen

Am 9.12.09 trafen sich auf Einladung der Stadt Heidelberg die Bürgerinnen und Bürger in der Stadthalle zum zweiten Werkstattgespräch in der Reihe „Stadt am Fluss“. Das Thema dieses Abends: Kunst und Kultur. Die Werkstattgespräche sollen den Bürgern die Möglichkeit geben, sich einerseits zu informieren und andererseits mit ihren Ideen und Anregungen an dem Prozess der Veränderungen in der Stadt aktiv zu partizipieren.

Kunst und Kultur ist ein Thema, was in einer Stadt wie Heidelberg große Erwartungen provoziert. Umso erstaunlicher war es, dass der Kreis der Beteiligten doch eher überschaubar war. Vor allem die Vertreter der kommunalen Kulturinstitutionen und der Stadtverwaltung sowie interessierte Anwohner waren anwesend.

In drei Arbeitsgruppen wurden die Anmerkungen und Ideen gesammelt, die das Team des Architektenbüros Mayer, konkret: der Architekten Jens In het Panhuis und der Landschaftsarchitekt Michael Palm, bei der weiteren Planung der Uferpromenade so weit wie möglich berücksichtigen sollen.

In den Gesprächen – deren Zeit allerdings knapp bemessen war – wurde deutlich, dass die Uferpromenade als Projekt zwar fasziniert, aber insgesamt ein Konzept fehlt, wie diese Promenade sich zur Altstadt und zur gesamten Stadt verhält. Die Idee, dass sich die Stadt zum Fluss hin öffnet, hat zweifellos ihren Charme, doch wie sich die Flaniermeile zur Hauptstraße verhält, scheint völlig ungeklärt. Eine Promenade, die neuen Raum für weitere Events bietet, die selbst zu einer Adresse für Veranstaltungen aller Art werden dürfte, stellt für Institutionen wie z.B. dem Kurpfälzischen Museum, dem Stadttheater Heidelberg, die Kirchen und vor allem für die Anwohner nicht nur eine Chance , sondern durchaus auch eine Herausforderung dar.

Völlig ungeklärt scheint es, was Kultur und Kunst überhaupt für eine Funktion zwischen Kommerz und Flaniermeile haben könnten und wie diese in einem Stadtentwicklungskonzept zu positionieren sind. Nur auf mehr Besucher zu hoffen und entsprechende Ideen zu skizzieren, ist ein kurzsichtiger Blick. Räume der Kunst als Gegenorte zu Spaß und Kommerz zu verstehen, wäre eine Option. Konkrete Orte, die einem ernsthaften Dialog der Kulturen den notwendigen Raum geben.

Würden sich die Galerien, Museen, Theater und Kinos hier vernetzen, dann könnten sie im Fluss der Events, Festivals und anderen Konsumveranstaltungen eine Inselgruppe sein, die der Uferpromenade tatsächlich einen Zusammenhang zur Stadt und deren Geschichte gäbe.

Bemerkenswert allerdings, wie die Stadtverwaltung bei der Vermittlung dieser Werkstattgespräche in die kommunale Öffentlichkeit sich von den lokalen Medien abkoppelt und mit eigenen Videos einen Eindruck von den Veranstaltungen vermittelt.

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