Archiv der Kategorie: Literatur

Ein Dilemma zwischen Zuckerhaus und Werkgespräch – das Literaturhaus in Heidelberg

von Norbert Ahlers

Heidelberg möchte sich als Unesco-Literaturstadt bewerben, eine Stadt, die einerseits bemerkenswerte Verlage beheimatet und die andererseits für ihre Größe ein überdurchschnittliches Kulturangebot hat. Doch ein Blick in das Verzeichnis der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten provoziert Zurückhaltung: in der Stadt der Romantik gibt es keine anerkannte Literaturgesellschaft. Doch es gibt eine Initiative für ein Literaturhaus.
Mit der Schließung des Kinos Lux-Harmonie in der Altstadt stehen die Nutzungskonzepte des Wormser Hofes noch einmal zur Diskussion. Eine Idee ist, hier neben anderen kommerziellen Unternehmen ein Literaturhaus einzurichten. Damit wäre ein Kulturzentrum besonderer Art geschaffen, dass sich in unmittelbarer Nähe von Theater, Kunstverein und Museum befände.
Doch die Schwierigkeiten und Vorbehalte sind groß. Ein Kulturhaus wie das DAI versteht sich selbst schon als ein Haus für Literatur, veranstaltet in diesem Zusammenhang aber lediglich Lesungen bzw. Vorträge, die Stadtbücherei ist gegenüber einem weiteren Veranstaltungsort für Literatur skeptisch und die Verlage verhalten sich weitgehend abwartend, nur der Verleger Manfred Metzner hat sich dieses Projekt zur einer Herzensangelegenheit gemacht.
Tatsächlich ist es zweifelhaft, wenn man in Heidelberg in einem Literaturhaus lediglich einen Veranstaltungsort für Lesungen versteht, bei denen man im Foyer einen Kaffee trinken und im jeweiligen Verlagsprogramm stöbern kann. Veranstaltungen dieser Art kann man tatsächlich den schon bekannten Kulturhäusern am Ort überlassen. Was dort geschieht, hat weniger mit lebendiger Literatur als mit dem herkömmlichen Kulturbetrieb zu tun.
Es ist ermutigend, wenn eine junge Autorin in Heidelberg die Leiterin eines interkulturellen Zentrums wird, genauso wie die Beharrlichkeit einer Heidelberger Autorengruppe mit einem eigenen Kleinverlag, die seit über 20 Jahren jungen Autoren ein erstes Auftreten in der Öffentlichkeit und literarische Experimente ermöglicht. Es ist beeindruckend, dass in dieser Stadt v verschiedene Verlage ihren Sitz haben, deren Programm ausgesprochen qualifiziert ist. Doch es gibt in Heidelberg keine literarische Szene, die über das Stell Dich ein beim Poetry Slam hinausginge.
Ein Literaturhaus in Heidelberg wäre ein wirklicher Gewinn, wenn es mehr wäre als bloße Veranstaltung. Das Konzept des vor kurzem gegründeten Literaturhaus Heidelberg e.V. klingt wie ein Wunschkonzert ohne Schwerpunkt, ohne inhaltliche Vision. So hat man den Eindruck, dass die Forderung nach einem Literaturhaus mehr einer Pose als einem Lebensgefühl entspricht. Es ist wichtig neue Wege zu gehen, d.h. nicht nur für die klassischen Formen der Buchliteratur, sondern z.B. auch die Nähe zu Bloggern suchen, aber auch zu Filmemachern, Hörspielautoren oder Theaterregisseuren. Literarische Netzwerke entwickeln im Sinne von gelehrten Gesprächskreisen. Literatur ist keine Veranstaltungsreihe, sondern eine Haltung zum Leben. Dafür stand Heidelberg zu verschiedenen Zeiten. Man kann aber solch eine Koinzidenz von Ort und Lebensgefühl nicht willkürlich kreieren oder inszenieren – schon gar nicht mit Begriffen wie Festival- oder Metropolregion. Man kann aber Rahmenbedingungen schaffen, die solche Koinzidenz zulassen oder begünstigen.

Der Blick des Lesers gegenüber der Kamera ist ein skeptischer, weil der Dialog mit ihr ohne Rücksicht ist. Während ein Buch eine Haltung beschreibt, ohne dass der Leser dieselbe einnehmen muss, fordert die Kamera die Haltung heraus, die man von sich selbst erwartet.

Der Blick des Lesers gegenüber der Kamera ist ein skeptischer, weil der Dialog mit ihr ohne Rücksicht ist. Während ein Buch eine Haltung beschreibt ohne dass der Leser dieselbe einnehmen muss, fordert die Kamera die Haltung heraus, die man von sich selbst erwartet.

Wem aber nützt ein Literaturhaus und wie könnte man es finanzieren? Primär wäre es vor allem denen von Nutzen, die Literatur so sehr brauchen wie andere das tägliche Brot. Das ist nicht nur eine bestimmte Gruppe von Lesern, es sind die Autoren und die Verleger. Die Verlage schaffen mit einem Literaturhaus mehr als nur eine Vitrine des eigenen Verlagsprogramms, sondern einen Ort für junge Autoren, die dort ihr eigenes Schreiben weiterentwickeln können und Verleger kennenlernen, die ihnen entsprechen. Junge Schriftsteller kämen nach Heidelberg, um hier schreiben zu können – nicht als beauftragte Stadtschreiber, sondern als freie Autoren, die hier mit anderen über ihre Arbeiten sprechen könnten, die ihr Gespür, ihren Blick und ihren Ausdruck für die Wirklichkeit im Gespräch mit anderen reflektieren müssen.
Die ersten Schritte zu diesem Modell könnten die Verlage (Genossenschaftsanteile) und die Autoren (Studiengebühren) zu einem Teil aus eigener Kraft finanzieren. Vielleicht fände sich auch ein Mäzen – vorausgesetzt es ginge ihm um Literatur und nicht um das Klischee dieser Stadt. Das Gleiche gilt im Übrigen auch für eine freie Filmschule in Heidelberg.

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Schafft Leiden, aber schafft!

von Hanna Miethner

Trink deine Milch nicht zu hastig, binde dir die Schuhe fest, schaue dich um bevor du die Straße überquerst, sei bedacht und übernimm dich nicht, teile deine Zeit gut ein, sei nicht so neugierig. Es ist das Drängen der Besorgnis; das Postulat einer jeden erziehenden Hand und doch ist es der schmucklose Tod jeder Leidenschaft.

Der Waldspaziergang. Und unter einem biegt sich der Pfad, kokettiert doch mit kleinen Verheißungen, kaschiert von zaghaftem Blattwerk, das sich nicht insistierend genug, nicht intransparent genug über diese kleinen Versprechen legt. Und so wird es schwer, das halb Verborgene zu ignorieren. Die kühle Milch nicht hastig, verzehrend und gierig die Kehle hinunterzustürzen. Kaum hat man sich von der mütterlichen Kralle losgesagt, knackt das Unterholz, lockt der Specht, drängt das Dunkel. Es ist das virgin territory, das treibt. Es appelliert an den Expeditionsdrang und verhöhnt mit seiner unangetasteten Unerschlossenheit den Hegemonialanspruch des Menschen. Wieso? Wieso wollen wir erschließen, wissen, schaffen, kreieren, bauen, konstruieren, destruieren?

Zwanzig Prozent. Zwanzig Prozent des Brasilianischen Regenwaldes sind gerodet. Einem hegemonialen Anspruch ist damit bereits eindrucksvoll Rechnung getragen. Weite Areale sind also nicht nur von ihrem querelenden Status der Unerschlossenheit befreit, sondern dazu noch ganz destruiert worden. Es ist totale Macht, es ist das Monopol der Intelligenz gepaart mit pervertiertem Aktionismus und Determinismus.

photo shooting – Studioinszenierung des virgin territory aus der Perspektive des Kolonialisten


Leerstellen sind zunehmend zur Provokation gereicht und implizieren anscheinend den Appell der Beseitigung. Man will sich nicht länger in Gefilden des Halbwissens wähnen, sondern auf solidem, gefestigtem Boden bauen. Vorzugsweise Häuser, Fabriken, Unternehmen und Straßen.

Es stellt sich ganz ernsthaft die Frage, was Triebkraft von Innovation und Kreativität sein kann. Ist es der Anflug von Macht und Herrschaft, der sensibel scharf an der Nase kitzelt oder ist es schlicht das Fressen? Bewegen wir uns nur, weil wir müssen; ist Aktionismus zuweilen der Weg des geringsten Widerstandes, wenn Passivität uns Gefahr laufen ließe, finanziell unpässlich zu werden oder schlimmer: gesellschaftlich geächtet zu sein? Angst als Katalysator allen Schaffens?

Ein Sklave arbeitet und neben ihm seine Angst vor der Peitsche. Die Sanktion gehört in historischer Dimension scheinbar zur Arbeit – nicht dividierbar und schon gar nicht optional. Arbeit und Strafe formulieren einen finalen und programmatischen Duktus. Final weil unausweichlich und programmatisch weil er immer mehr ein Verständnis von Arbeit modelliert: Arbeit als zu belohnendes Faktum. Keine Arbeit analog evoziert die negative Sanktionierung, körperliche Züchtigung, Konditionierungsmechanismen, die Zuwiderhandeln eliminieren und ein funktionales, unbeirrbares System der Arbeit fundieren.

Können wir das aber nun tatsächlich in die Gefilde der Vergangenheit bannen? Schließlich ist die Sklavengesellschaft längst einer egalitären, pluralistischen, rechtsstaatlichen Demokratie gewichen. Auch jenseits der historischen Materialisten würde wohl kaum jemand in Zweifel ziehen, dass die freie Marktwirtschaft heute in nur wenigen Aspekten mit dem Feudalprinzip vergangener Systeme korrespondiert. Kapitalismus – wahrlich – ist ein Grundpfeiler freien (zuweilen auch ungehemmten) Konsums. Verzicht auf starre, vom Staat diktierte Regulatoren garantiert ein angepasstes Preisspektrum, Mannigfaltigkeit an Produkten und den Zugang zu etwaigen Erzeugnissen, benötigt oder vorgeblich benötigt. Kapitalismus birgt immense Freiheitskapazität- aber eben auch die Freiheit, zu scheitern. Es kauft, wer kann. Es produziert, wer besitzt. Wer aber nichts besitzt, der bietet seine Arbeit an, um teilzuhaben. Der Mensch ist der arbeitende Mensch und wenn er dieses Attribut verliert, büßt er einen Teil seiner Würde, seines Seins, gar seines Wertes ein. Arbeit ist der Definitions- und Identifikationsmittelpunkt einer arbeits- und effizienzzentrierten Gesellschaft. Und plötzlich ist die Peitsche wieder ganz nah. Sie hallt in den Schritten durch zahlreiche Korridore zahlloser Bürgerhäuser. Sie knallt in der Scham derer, die eine Nummer ziehen um sich arbeitslos zu melden. Sie klirrt im Portemonnaie der Großfamilie und verwebt sich mit der Leere eines Montagmorgens.

Sanktion gehört nach wie vor untrennbar zur Arbeit und garantiert ihren reibungslosen Fortbestand. Um einem Missverständnis vorzubeugen: die Gebundenheit der Arbeit an die Strafe ist nicht gleichbedeutend mit einem irrwitzigen Szenario, in dem jeder seine Arbeit notgedrungen und fluchend verrichtet. Der Umstand, dass Arbeit nunmehr der signifikante Identifikationsfokus eines Individuums ist, misst ihr eine umso höhere Gewichtung bei. Sie mag die dominante Konstituente einer Persönlichkeit sein, sie ist doch bei weitem weder die einzige noch die einzig verhasste. Der Mensch ist weder ein maschinelles Produktionsmittel noch muss er sich unter das Joch der Zwangsarbeit gestellt sehen. Unbestreitbar bleibt nur, dass Arbeit eine materielle sowie soziale Notwendigkeit ist. Und da stellt sich die virulente Frage, ob die menschliche Schaffenskraft nun tatsächlich immer und ausschließlich auf die positive Sanktion, auf Entlohnung, schlicht auf das Fressen ausgerichtet ist?

Würde noch jemand irgendetwas produzieren, wenn er nicht müsste? Eine Frage, deren positive Beantwortung die Opponenten des bedingungslosen Grundeinkommens kategorisch in Zweifel ziehen. Ob die Befürworter als hoffnungslose, realitätsgelöste Utopisten zu diskreditieren sind, oder nicht: sie wagen das Postulat: Ja, da ist eine andere Antriebskraft des Menschen, die ihn produktiv, gebraucht werden lässt. Und es ist nicht primär das Kapital oder die Aussicht auf Entzug desselben. Was ist es dann also?

Ist es der Anspruch der Macht? Wollen wir einfach nur alles, was wir nicht beherrschen können ausmerzen, unserer Kontrolle willfährig machen? Die uferlose Gier nach Allwissen, nach Expansion in das Unbekannte? Reißen wir uns nur deshalb von der bewahrenden, bekümmerten Mutterhand los: eben weil wir es nicht ertragen, dass uns ein Teil unserer universellen Macht noch vorenthalten ist? Sicher ist auch Macht ein stimulierender Motor. 20 Prozent des Brasilianischen Regenwaldes zu zerstören, ist eine enorme Schaffensleistung. Die imperiale Beherrschung genuin souveräner Menschen ist ein beachtlicher administrativer Kraftakt. Invasion, Intrige, Herrschaftssicherung oder auch viel beschiedener: die Mehrung von Kapital bedürfen raffinierter, geradezu kreativer Propaganda, einer unfehlbaren Strategie, einer initiativen Aktion. Ist das kreatives Schaffen? Hält das die Menschheit zusammen und treibt sie an, neue Ufer zu erstürmen? Sicher. Der Wille treibt. Der Mensch ist aktiv.

Aktion, die sich völlig am Erstreben von Macht abarbeitet und dem Erwerb opportunistischer Privilegien geschuldet ist, macht sich zur Leibeigenen ihrer Usurpatoren. Welch eine traurige Perspektive, Schaffen, auf Übel und Böswilligkeit zu reduzieren. Was bleibt denn schließlich?

Wenn der Mensch also nur schafft, weil er Sanktion fürchtet oder nach Macht strebt, dann darf es heute keinen einzigen Künstler geben, es darf kein Mensch eine Neigung bedienen, die nicht der Effizienz, dem Erwerb, Vorschub leistet. Wir dürfen nicht fühlen und wir dürfen nicht untätig sein, dürfen nicht glauben, nicht hoffen, nicht schreien, müssen unsere Milch mäßig schnell trinken, unsere Schuhe fest binden, vorsichtig sein, uns nicht übernehmen und nicht neugierig sein.

Stagnation. Ein Todesurteil. Wo jeder Impuls getilgt ist, entsteht nichts. Es entsteht aber, es wird, es fühlt und strebt und lebt.

Jemand der schafft, der eine Leerstelle findet, der muss sie für sich füllen. Er muss sich dabei aufzehren und sich darin ergehen. Ohne Aussicht auf Erfolg, ohne Entlohnung, ohne eine realistische Chance auf Machtmehrung treibt ihn seine Neugierde, sein Verlangen nach dem Dunkeln. Ihn treibt das Menschsein selbst. Nicht das Kapital, nicht die Macht. Die motivieren andere Prozesse. Meist münden die aber naturbedingt in Frustration, Depression oder schlicht einem destruktiven Desaster. Der Mensch, der handelt, weil er aus sich heraus muss, der ist der Depression keineswegs gefeit. Er mag sogar bitterlich ängstlich sein, aber er muss es wagen. Er muss. Und so rennt er. Er leidet. Voraussichtlich völlig erfolglos und mit nichtigem Ergebnis. Aber so ist die Leidenschaft: sie ist grausam, sie tut weh und belässt nichts wie es war. Gepriesen sei sie!

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„… das ist nur eine Blume“

von Norbert Ahlers

Wenn man Geschichten erzählen möchte, sollte man so verfahren, als wollte man von Blumen erzählen. Wie aber erzählt man von einer Orchidee? Orientiert man sich eher an der einschlägigen Lektüre zum Storytelling oder an Carl von Linné, einem der bekanntesten skandinavischen Aufklärer des 18. Jahrhunderts? Diese Frage scheint auf den ersten Blick unpraktisch, schräg und marginal, aber sie ist ausgesprochen verflixt.

In Hochschulen, in Drehbuchseminaren, in der Medienpädagogik usw. wird oft davon gesprochen, dass man eigene Geschichten erzählen sollte und dass die Erzählung einer dramaturgischen Struktur folgen muss. Phrasenhaft heißt es, eine Erzählung soll berühren, unterhalten, darf nicht langweilen, soll den Zuschauer fesseln und überraschen. Die eigenen Geschichten anderen zu erzählen, ist Ausdruck phantasievoller Kreativität, schafft Selbstvertrauen und Freiräume. Erzählerischer Witz und Medienkompetenz schaffen Formen, mit denen man sich der gesellschaftlichen Realität annähern kann, sie sich eigenständig aneignen und die eigenen Erfahrungen und Gedanken anderen kommunizieren kann.

Das mag alles zweckmäßig sein, doch intellektuell aufrichtig ist es nicht. Wie anstrengend der Widerspruch zwischen Unterhaltung und intellektueller Aufrichtigkeit ist, erzählt in unterhaltsamer Weise der Film „Adaptation“ von Charlie Kaufman (Drehbuch) und Spike Jonze (Regie).

Eine Story zu entwickeln, wenn man die Leidenschaft für eine Blume beschreiben muss, ist allerdings gar nicht so absurd wie es der Film andeutet.

Als im Mittelalter die Pest wütete, beschrieb man die Allgegenwart der Pestgefahr mit dem Bild des Totentanzes. Der Tod selbst wurde in Liedern als „Schnitter“ besungen. Die Erschütterung religiöser und sozialer Gesetze und Gewissheiten war massiv. Das Leben und der soziale Stand der Menschen wurde durch die Allgegenwart des Schwarzen Todes unterschiedslos. Egal welchen Ranges, welchen gesitteten Lebens – der Tod mähte alles danieder. Das Leben erschien eher vegetabil als schicksalhaft.

Die Metapher des Dahinmähens wurde im 20. Jahrhundert mit dem Maschinengewehr wieder aktuell. Das 20. Jahrhundert war geprägt von dem Schock des industriellen Tötens von Menschenmassen.

Das Überraschende aber ist, dass man im 20. Jahrhundert diese Erfahrungen – vor allem im Film – mit herkömmlichen Erzählformen reflektierte. Obwohl es genügend Beispiele in der Literatur und der bildenden Kunst gab, die in der Gegenwart dieses Schocks entsprechende Konsequenzen in ihrem künstlerischen Schaffen dokumentierten, dominieren die konventionellen Erzählformen in Film und Literatur. Ob Verdun, der Holocaust oder der Gulag, man nähert sich diesem Sterben immer wieder in Form von Dramen an und so werden Geschichten immer noch wie Märchen erzählt. Klare Handlungsmuster, Figuren und Charaktere in immer wieder gleichen Formen. Letztlich bleiben die mythischen Modelle, mit denen man schon im antiken Griechenland von Helden berichtete. Eine solche Dramaturgie ist unterhaltsam, reduziert aber die Dimension des Massensterbens auch auf das Unterhaltsame.

Carl von Linné, ein Erzähler des Vegetabilen?

Carl von Linné, ein Erzähler des Vegetabilen ?

Will man aber von der Wirklichkeit von Menschen in unserer Gegenwart erzählen, dann bleiben bestenfalls nur kurze Episoden. Ein Roman wie „Verlorene“ von Cormac McCarthy beschreibt sehr genau, wie willkürlich Lebensentwürfe sind und Biographien wie Treibholz irgendwo hängenbleiben oder zersplittern.

Geschichten erzählen heißt vielleicht heute, das Beharrungsvermögen zu beschreiben, mit dem Menschen im Strom ihres Alltag zu überleben verstehen, von den leisen Gefühlen, deren Schönheit und deren Zähigkeit erzählen. Sie etwa zu beschreiben wie Orchideen, die sich unter schwierigsten Bedingungen behaupten.

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Was heißt hier „Kultur“?

von Norbert Ahlers

Doch wie wird Kultur überhaupt definiert? Diese Frage stand unter anderem im Mittelpunkt des Festes. Der Tenor: Kultur heißt nicht nur Kunst, Kultur braucht eine Langzeitwirkung, die gemeinsame Geschichte schafft. Genau diesen Tenor hat auch Rainer Kern, Leiter des Büros 2020 und Zuständiger der Kulturhauptstadtbewerbung, in seiner Gesprächsrunde aufgenommen.“ schreibt danielg zu der Veranstaltung Denkfest in Schwetzingen. Tatsächlich ist die Antwort auf die Frage wesentlich komplizierter als sie das Statement von Rainer Kern suggeriert. In der Diskussion um Kreativ- und Kulturwirtschaft werden beide Bereiche oft gegeneinander ausgespielt. Während einerseits versucht wird, die Kulturarbeit gegenüber der Logik des Kommerz abzugrenzen, insistiert man andererseits gerade auf die vitale Wechselbeziehung zwischen Markt und Kulturarbeit. Ausdruck dieser Wechselbeziehung, die klare Grenzen zwischen Kulturschaffenden und Kreativwirtschaft kaum mehr erkennen lässt, zeigt sich eben in den Berufen der „neuen Selbstständigen“ wie Designern, MediengestalterInnen, GestalterInnen für visuelles Marketing usw. Tatsächlich ist die Differenz kaum plausibel zu vermitteln, denn die Kulturbetriebe wie z.B. Theater oder soziokulturelle Zentren verstehen sich oft eher als kulturelle Dienstleistungsbetriebe. Ihre Kommunikationtechniken gleichen eher denen von Marketingstrategen als von Intellektuellen und Kunstverständigen. Hier liegt auch wohl ein zentrales Missverständnis. Die Kulturschaffenden und die Kreativwirtschaft sind insoweit identisch wie sie sich in ihrem Verhältnis zur Kunst verstehen. Das Verstehen von und das Einstehen für die Kunst bezeichnet die entscheidende Differenz. Der Kulturbetrieb und die Kreativwirtschaft sprechen von Kunst, wenn sie Trends, Standortvorteile oder Legitimationsgründe meinen. Die Herausforderung und Anstrengung, die ein Kunstwerk dem Betrachter zumutet, wird vom Kulturbetrieb und der Kreativwirtschaft ignoriert. Kunst wird in diesem Zusammenhang auf eine bloße Erwerbsarbeit der Unterhaltung reduziert. Wie elementar diese Differenz zwischen Kunst und Kultur aber ist, veranschaulicht ein Kurzfilm von Jean Luc Godard. Seine radikale Haltung provoziert und scheint einen in der kompromisslosen Gegenüberstellung ohnmächtig zu lassen. Doch Godard hat sie 1993 im Angesicht des Schocks der Balkankriege in dem filmischen Gedicht „Je vous salue, sarajevo“ beschrieben. Er zeigt mit seinem Film, wie die Gesellschaft weitgehend nicht nur diesen Krieg vergessen zu haben scheint, sondern wie vehement der Kulturbetrieb und die Kreativwirtschaft jedwede Kunst negieren, ob im Alltag oder in den Werken, wenn sie sich nicht gedankenlos verschlingen läßt.

Der Text des Kurzfilms ist in etwa so zu übersetzen:

Gegrüßet seist du, Sarajevo

In gewissem Sinne ist die Angst die Tochter Gottes,
die in der Karfreitagnacht erlöst wird.
Sie ist nicht schön,
verspottet, beschimpft und verleugnet von allen.
Aber verstehen Sie es nicht falsch. Sie wacht über alle Todesangst,
sie legt Fürsprache für die Menschheit ein.
Denn es gibt eine Regel und eine Ausnahme.
Kultur ist die Regel,
und Kunst ist die Ausnahme.
Jeder spricht die Regel aus:
Zigarette, Computer, T-Shirt, TV, Tourismus, Kriege.
Niemand spricht für die Ausnahme.
Sie wird nicht gesprochen,
sie wird geschrieben: Flaubert, Dostojewski.
Sie wird komponiert: Gershwin, Mozart.
Sie wird gemalt: Cézanne, Vermeer.
Sie wird gefilmt: Antonioni, Vigo.
Oder sie wird gelebt,
und dann ist es die Kunst des Lebens: Srebrenica, Mostar, Sarajevo.

Die Regel ist, den Tod der Ausnahme zu wollen.
Also die Regel für ein kulturelles Europa ist, den Tod
der Kunst des Lebens zu organisieren, die immer noch blüht.

Wenn es Zeit ist, das Buch zu schließen, werde ich nichts bereuen.
Ich habe so viele Menschen gesehen, die so schlecht gelebt haben,
und so viele, die so gut gestorben sind.

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Vom Misstrauen der Jagoda Marinic

Gerade im Netz einen Radiobeitrag von Jagoda Marinic entdeckt, der sich mit der verzwickten Rolle „junger“ Künstler auseinandersetzt. Der Text ist auch deshalb schwierig, weil sie selbst ihren Weg als Autorin behaupten muss, ohne dabei in die Fallen des kreativen Selbstbetruges zu tappen. Sie pflegt ihre Wut und ihre Skepsis wie z.B. in dem aktuellen Artikel in der Frankfurter Rundschau zu lesen ist. Ob das aber genügt, bleibt fraglich. Ihre Beobachtungen sind richtig, aber der Ton des Überdrusses klingt selbst zu sehr nach einem Projekt.

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