Archiv der Kategorie: Kunst und Gegenwart

Ein Dilemma zwischen Zuckerhaus und Werkgespräch – das Literaturhaus in Heidelberg

von Norbert Ahlers

Heidelberg möchte sich als Unesco-Literaturstadt bewerben, eine Stadt, die einerseits bemerkenswerte Verlage beheimatet und die andererseits für ihre Größe ein überdurchschnittliches Kulturangebot hat. Doch ein Blick in das Verzeichnis der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten provoziert Zurückhaltung: in der Stadt der Romantik gibt es keine anerkannte Literaturgesellschaft. Doch es gibt eine Initiative für ein Literaturhaus.
Mit der Schließung des Kinos Lux-Harmonie in der Altstadt stehen die Nutzungskonzepte des Wormser Hofes noch einmal zur Diskussion. Eine Idee ist, hier neben anderen kommerziellen Unternehmen ein Literaturhaus einzurichten. Damit wäre ein Kulturzentrum besonderer Art geschaffen, dass sich in unmittelbarer Nähe von Theater, Kunstverein und Museum befände.
Doch die Schwierigkeiten und Vorbehalte sind groß. Ein Kulturhaus wie das DAI versteht sich selbst schon als ein Haus für Literatur, veranstaltet in diesem Zusammenhang aber lediglich Lesungen bzw. Vorträge, die Stadtbücherei ist gegenüber einem weiteren Veranstaltungsort für Literatur skeptisch und die Verlage verhalten sich weitgehend abwartend, nur der Verleger Manfred Metzner hat sich dieses Projekt zur einer Herzensangelegenheit gemacht.
Tatsächlich ist es zweifelhaft, wenn man in Heidelberg in einem Literaturhaus lediglich einen Veranstaltungsort für Lesungen versteht, bei denen man im Foyer einen Kaffee trinken und im jeweiligen Verlagsprogramm stöbern kann. Veranstaltungen dieser Art kann man tatsächlich den schon bekannten Kulturhäusern am Ort überlassen. Was dort geschieht, hat weniger mit lebendiger Literatur als mit dem herkömmlichen Kulturbetrieb zu tun.
Es ist ermutigend, wenn eine junge Autorin in Heidelberg die Leiterin eines interkulturellen Zentrums wird, genauso wie die Beharrlichkeit einer Heidelberger Autorengruppe mit einem eigenen Kleinverlag, die seit über 20 Jahren jungen Autoren ein erstes Auftreten in der Öffentlichkeit und literarische Experimente ermöglicht. Es ist beeindruckend, dass in dieser Stadt v verschiedene Verlage ihren Sitz haben, deren Programm ausgesprochen qualifiziert ist. Doch es gibt in Heidelberg keine literarische Szene, die über das Stell Dich ein beim Poetry Slam hinausginge.
Ein Literaturhaus in Heidelberg wäre ein wirklicher Gewinn, wenn es mehr wäre als bloße Veranstaltung. Das Konzept des vor kurzem gegründeten Literaturhaus Heidelberg e.V. klingt wie ein Wunschkonzert ohne Schwerpunkt, ohne inhaltliche Vision. So hat man den Eindruck, dass die Forderung nach einem Literaturhaus mehr einer Pose als einem Lebensgefühl entspricht. Es ist wichtig neue Wege zu gehen, d.h. nicht nur für die klassischen Formen der Buchliteratur, sondern z.B. auch die Nähe zu Bloggern suchen, aber auch zu Filmemachern, Hörspielautoren oder Theaterregisseuren. Literarische Netzwerke entwickeln im Sinne von gelehrten Gesprächskreisen. Literatur ist keine Veranstaltungsreihe, sondern eine Haltung zum Leben. Dafür stand Heidelberg zu verschiedenen Zeiten. Man kann aber solch eine Koinzidenz von Ort und Lebensgefühl nicht willkürlich kreieren oder inszenieren – schon gar nicht mit Begriffen wie Festival- oder Metropolregion. Man kann aber Rahmenbedingungen schaffen, die solche Koinzidenz zulassen oder begünstigen.

Der Blick des Lesers gegenüber der Kamera ist ein skeptischer, weil der Dialog mit ihr ohne Rücksicht ist. Während ein Buch eine Haltung beschreibt, ohne dass der Leser dieselbe einnehmen muss, fordert die Kamera die Haltung heraus, die man von sich selbst erwartet.

Der Blick des Lesers gegenüber der Kamera ist ein skeptischer, weil der Dialog mit ihr ohne Rücksicht ist. Während ein Buch eine Haltung beschreibt ohne dass der Leser dieselbe einnehmen muss, fordert die Kamera die Haltung heraus, die man von sich selbst erwartet.

Wem aber nützt ein Literaturhaus und wie könnte man es finanzieren? Primär wäre es vor allem denen von Nutzen, die Literatur so sehr brauchen wie andere das tägliche Brot. Das ist nicht nur eine bestimmte Gruppe von Lesern, es sind die Autoren und die Verleger. Die Verlage schaffen mit einem Literaturhaus mehr als nur eine Vitrine des eigenen Verlagsprogramms, sondern einen Ort für junge Autoren, die dort ihr eigenes Schreiben weiterentwickeln können und Verleger kennenlernen, die ihnen entsprechen. Junge Schriftsteller kämen nach Heidelberg, um hier schreiben zu können – nicht als beauftragte Stadtschreiber, sondern als freie Autoren, die hier mit anderen über ihre Arbeiten sprechen könnten, die ihr Gespür, ihren Blick und ihren Ausdruck für die Wirklichkeit im Gespräch mit anderen reflektieren müssen.
Die ersten Schritte zu diesem Modell könnten die Verlage (Genossenschaftsanteile) und die Autoren (Studiengebühren) zu einem Teil aus eigener Kraft finanzieren. Vielleicht fände sich auch ein Mäzen – vorausgesetzt es ginge ihm um Literatur und nicht um das Klischee dieser Stadt. Das Gleiche gilt im Übrigen auch für eine freie Filmschule in Heidelberg.

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Im cineastischen Decameron wird der Filmvorführer zum Gärtner

von Norbert Ahlers

„Ich halte dieses »Kino« für unsterblich und für älter als die Filmkunst. Es beruht darauf, daß wir etwas, das uns »innerlich bewegt«, einander öffentlich mitteilen. Darin sind Film und Musik Verwandte. Beide gehen nicht unter. Auch wenn die Kinoprojektoren einmal nicht mehr rattern, wird es, das glaube ich fest, etwas geben, »das wie Kino funktioniert«.“ (Alexander Kluge „Geschichten vom Kino“)

Die Kinos sind mit der Umstellung durch die digitalen Vorführtechnik mit einer Entwicklung konfrontiert, die das Kino selbst grundlegend zu verändern scheint. Diese Umstellung verändert nicht nur die Vorführpraxis, die neue Technik selbst verändert auch das Medium Kino. Kino ist sicher mehr als nur das Bild auf der Leinwand mittels ratternder Projektoren und der dunkle, abgeschlossene Raum.

Filmvorführer - ihre Erfahrung im Umgang mit dem Bild im Blick und im Gefühl. Eine Bildkompetenz, die mit der digitalen Technik verloren geht.

Filmvorführer – ihre Erfahrung im Umgang mit dem Bild im Blick und im Gefühl. Eine Bildkompetenz, die mit der digitalen Technik verloren geht.

Wenn in der Zukunft etwas fortgeschrieben wird, »das wie Kino funktioniert«, dann ist es etwas anderes als Kino. Es ist eben dem herkömmlichen Kino so ähnlich wie früher die Laterna Magica oder das Kaiserpanorama, die Vorläufer des Kinos.

Es geht nicht darum, auf das Alte in sentimentaler Form zu insistieren. Der konventionelle Kinobetrieb hat in dem System keine Alternative. Wenn alle aktuellen Filme nur noch digital produziert werden, wenn der Verleih nur noch digitale Versionen anbietet, dann kann ein Kinobetrieb nicht 35mm-Kopien spielen, es sei denn, das Kino würde sich nur auf filmhistorische Werke beschränken. Kino als Museum widerspricht aber diesem Medium. Es ist eine Kunstform der Unterhaltung, und die gelingt nur, wenn sie aktuell ist.

Vielleicht ist hier aber ein Missverständnis oder eine alternative Perspektive möglich.

Man kann Kino auf diese Funktion der Zerstreuung reduzieren, aber eigentlich ist die Faszination des Kinos in etwas anderem begründet. In seinen Anfängen war das Kino eher beobachtend als unterhaltend. Man filmte alltägliche Geschehen oder Sensationen. Es dauerte, bis man mit der neuen Technik auch ein Publikum fand, das bereit war, für die öffentliche Unterhaltung sich Zeit zu nehmen und diese auch noch zu bezahlen.

1908 hatte Henry Ford das Automodell T entwickelt, just zu einer Zeit, als die Nickelodeons von den regulären Kinosälen verdrängt wurden. Sowohl das Automobil als auch der Kinofilm waren authentische Ausdrucksformen einer neuen Gesellschaftsform, der Konsumgesellschaft. Es waren Phänomene der Massengesellschaft und deren Demokratisierung: eine (pferdelose) Kutsche und ein Besuch im (Lichtspiel-) Theater für Jedermann. Dieses Prinzip der Demokratisierung war auch beim digitalen Filmen ein entscheidendes und vielversprechendes Moment. Dass jeder zu jeder Gelegenheit filmen und die Aufnahmen in einem eigenen Channel publizieren kann, wurde erst mit der Digitalkamera und dem Internet Wirklichkeit. Wie in visionären Texten der 30er Jahre beschrieben, schien sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Bevölkerung ein Medium angeeignet zu haben, das im Konsum schon immer ihr zu gehören mochte. Nun konnte man mit eigenen Bildern in unzähligen Ausdrucksformen die eigene Wirklichkeit beschreiben. Die einst Sprachlosen waren offensichtlich zu Autoren geworden.

Umgekehrt aber scheint gerade die digitale Technik die Sprachlosen einmal mehr verstummen zu lassen. Die Illusion, dass bedienungsfreundliche Geräte jeden zum Erzähler machen, scheint faktisch aber zur Enteignung des Erzählkunst geführt zu haben. Die zahllosen Filmemacher wollen Filme drehen, aber ohne etwas zu sagen zu wollen. Ihre Lust ist die der Anerkennung, nicht die des Erzählens. Videos auf Vimeo oder Youtube werden durch die Clicks oder „like it“-buttons qualifiziert, und der Blick durch die Kamera ist der auf den potentiellen Glamour auf einem Festival.

Was das Kino einst mit seinen Stars versprach, ist heute scheinbar jedem mit einem Video möglich. Vielleicht war aber schon in dem Starsystem der Studios in Hollywood eine stille Skepsis gegenüber dem, was der Film selbst als Medium eigentlich auszeichnet und überhaupt vermag: eine Kunst, die Wirklichkeit ablichtet und Lebensgeschichten erzählen will.

Vielleicht ist der Struktur nach das Kino gar kein Massenmedium, vielmehr hat es sich die Massengesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts vielleicht einfach nur unter den Nagel gerissen, weil es den gesellschaftlichen Bedürfnissen entsprach. Der Film selbst ist eine Form des Erzählens.
Ein Erzähler füllt allerdings keine Säle, und das intimste Gespräch mit einem Erzähler ist die Buchlektüre. Ein Erzähler will gehört und verstanden werden. Er spricht nicht zu Hunderten oder zu einem Millionenpublikum. Ein moderner Regisseur aber meint das stets können zu müssen.

Vielleicht realisiert sich das Kino gegenwärtig viel eher in einem kleinen Rahmen mit filmischen Essays, Collagen und Gesprächen als mit der Idee des großen Publikumserfolges. Das Kino kann den Freiraum für Gespräche schaffen, in denen Filme und Gedanken neue Ideen entfalten. Jenseits der Kinolandschaft behauptet sich ein cineastischer Garten, in dem auch der alternde Vorführer sich weiterhin um die Pflege der Bilder sorgt.

Doch ein Dilemma bleibt: wer bezahlt die Arbeiten an einem Film und den Ort für den „Kreis der Erzählungen“, diesem „cineastischen Decameron“? Schickt man sich an, die Kosten mit betriebswirtschaftlichen Maßstäben zu bewältigen und so einen solchen Freiraum zu behaupten, pflegt man weniger die Kunst und deren Inhalte, sondern beschwört lediglich die Notwendigkeit der Besucherzahlen. Die Logik der populärer Aufmerksamkeit und des Eventmarketings vertreibt den Zauber der Geselligkeit, des Erzählens, des Betrachtens und des Zuhörens.

Es muss eine plausible Alternative geben. Veränderungen wie die Umstellung von 35mm-Projektion auf Digitaltechnik können neue ermutigende Perspektiven eröffnen, auch wenn gegenüber diesen Perspektiven alle Beteiligten nur den Sachzwang der Kennzahlen als plausibel wahrnehmen.

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Kreativität …. amortir la balle

von Norbert Ahlers

Die Kritik an dem geplanten Kreativzentrum Alte Feuerwache Heidelberg provoziert bei jungen engagierten Klein- und Kleinstunternehmen in der Kreativwirtschaft ein Unbehagen. Nicht nur, dass man sich in dem eigenen Handeln missverstanden sieht, man kann offensichtlich auch nicht nachvollziehen, dass man das Konzept der Alten Feuerwache grundlegend in Frage stellt, da sich nach jahrelanger Trägheit in Heidelberg etwas endlich zu bewegen scheint.

Tatsächlich ist aber auf kommunaler Ebene eine Diskussion um die Erwartungen, die man gegenüber der Kreativwirtschaft hat und deren Konzepte überfällig. Wie verhält sich die Kulturarbeit zur Kreativwirtschaft, welche Funktion haben die sogenannten Bohemiens (vgl. J.Gückler, M.Ries, H. Schmid Kreative Ökonomie in Heidelberg S. 6 / S. 21, Heidelberg 2010) innerhalb der Kreativwirtschaft und welche Schwerpunkte will man in Heidelberg überhaupt akzentuieren.

Es bleibt immer noch die Frage von Johan Holten nach einer Ausbildungseinrichtung für junge bildende Künstler in Heidelberg unbeantwortet. workerKann sich in Heidelberg eine kreative Szene überhaupt entwickeln, wenn es nicht eine Akademie für Kunstschaffende gibt? Heidelberg hat keine Musikhochschule wie Mannheim, keine Filmakademie wie Stuttgart, keine Kunsthochschule wie Karlsruhe und kein Literaturinstitut wie etwa Leipzig. Da solche Institutionen auch nicht geplant sind, ist die Frage, welche Erwartungen man an die hiesige Kreativwirtschaft hat? Welche Zielsetzung verfolgt man mit einem Kreativzentrum und sind es dieselben Perspektiven, die auch die jungen Kunstschaffenden haben?

Die aber haben für diese Diskussion nur bedingt ein Interesse, denn nach all den vergangenen Schwierigkeiten sind sie froh, dass gerade durchatmen können, weil sie endlich einen günstigen Raum für ihre Arbeiten gefunden haben. Wer aber diese Diskussion ignoriert, läuft Gefahr die eigene Idee einem ganz anderen Zweck auszuliefern.

In diesem Zusammenhang ist es auch durchaus mehr als nur reizvoll, sich nochmals über das Stichwort „Amortisierung“ zu verständigen.

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Anspruch hat, was keine Kasse macht.

von Norbert Ahlers 

Die Sachlage ist verzwickt: Wenn Herr Kraus den Bund der Steuerzahler auf den Heidelberger Haushalt (vgl. RNZ-Artikel vom 15.12.12) aufmerksam macht, dann geschieht das nicht ohne Eigeninteresse. So basiert z.B. das „Alte Hallenbad“, dessen Eigner er ist, auf einem Konzept von Kultur und Konsum, das sich gegenüber den Veranstaltern wie DAI, Karlstorbahnhof, halle 02, Hebelhalle u.a. behaupten muss. In diesem Wettbewerb sind ungedeckte Mehrausgaben im kommunalen Kulturbereich für kommerzielle Veranstalter ein Ärgernis. Die Kommune ist verschuldet, muss aber investieren und will Standards halten. Die Standards sind dynamisch und entwickeln immer größeren Finanzbedarf. Es gibt einen Konsens, in die Bildung zu investieren, um der kommenden Generation eine Option für eine Zukunft zu eröffnen. Kulturförderung wird somit immer mehr als Bildungsarbeit begründet und legitimiert. Kulturschaffende greifen diesen Gedanken nur allzu gerne gedankenlos auf und bezeichnen jede Form der Bespaßung als Kulturarbeit. Mit Bildung aber hat das kaum etwas zu tun, trotzdem hält man an diesem Zusammenhang fest. Der Kulturbetrieb scheint ein Versprechen vor sich herzutragen, auf das man setzen und vertrauen möchte wie in anderen Zeiten auf die Religion. Das erscheint irrational, aber wer Kasse macht, macht es immer auf Kosten anderer. Demgegenüber ist Kultur, wenn sie denn für einen Anspruch steht, nicht nur ein ermutigendes Versprechen, sondern auch eine Verpflichtung. Bevor man auf die Schulden schaut, sollte man sich entscheiden, was einem wichtiger ist: das Versprechen der Bildung oder einfach nur das, was Kasse macht.

 

 

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Schafft Leiden, aber schafft!

von Hanna Miethner

Trink deine Milch nicht zu hastig, binde dir die Schuhe fest, schaue dich um bevor du die Straße überquerst, sei bedacht und übernimm dich nicht, teile deine Zeit gut ein, sei nicht so neugierig. Es ist das Drängen der Besorgnis; das Postulat einer jeden erziehenden Hand und doch ist es der schmucklose Tod jeder Leidenschaft.

Der Waldspaziergang. Und unter einem biegt sich der Pfad, kokettiert doch mit kleinen Verheißungen, kaschiert von zaghaftem Blattwerk, das sich nicht insistierend genug, nicht intransparent genug über diese kleinen Versprechen legt. Und so wird es schwer, das halb Verborgene zu ignorieren. Die kühle Milch nicht hastig, verzehrend und gierig die Kehle hinunterzustürzen. Kaum hat man sich von der mütterlichen Kralle losgesagt, knackt das Unterholz, lockt der Specht, drängt das Dunkel. Es ist das virgin territory, das treibt. Es appelliert an den Expeditionsdrang und verhöhnt mit seiner unangetasteten Unerschlossenheit den Hegemonialanspruch des Menschen. Wieso? Wieso wollen wir erschließen, wissen, schaffen, kreieren, bauen, konstruieren, destruieren?

Zwanzig Prozent. Zwanzig Prozent des Brasilianischen Regenwaldes sind gerodet. Einem hegemonialen Anspruch ist damit bereits eindrucksvoll Rechnung getragen. Weite Areale sind also nicht nur von ihrem querelenden Status der Unerschlossenheit befreit, sondern dazu noch ganz destruiert worden. Es ist totale Macht, es ist das Monopol der Intelligenz gepaart mit pervertiertem Aktionismus und Determinismus.

photo shooting – Studioinszenierung des virgin territory aus der Perspektive des Kolonialisten


Leerstellen sind zunehmend zur Provokation gereicht und implizieren anscheinend den Appell der Beseitigung. Man will sich nicht länger in Gefilden des Halbwissens wähnen, sondern auf solidem, gefestigtem Boden bauen. Vorzugsweise Häuser, Fabriken, Unternehmen und Straßen.

Es stellt sich ganz ernsthaft die Frage, was Triebkraft von Innovation und Kreativität sein kann. Ist es der Anflug von Macht und Herrschaft, der sensibel scharf an der Nase kitzelt oder ist es schlicht das Fressen? Bewegen wir uns nur, weil wir müssen; ist Aktionismus zuweilen der Weg des geringsten Widerstandes, wenn Passivität uns Gefahr laufen ließe, finanziell unpässlich zu werden oder schlimmer: gesellschaftlich geächtet zu sein? Angst als Katalysator allen Schaffens?

Ein Sklave arbeitet und neben ihm seine Angst vor der Peitsche. Die Sanktion gehört in historischer Dimension scheinbar zur Arbeit – nicht dividierbar und schon gar nicht optional. Arbeit und Strafe formulieren einen finalen und programmatischen Duktus. Final weil unausweichlich und programmatisch weil er immer mehr ein Verständnis von Arbeit modelliert: Arbeit als zu belohnendes Faktum. Keine Arbeit analog evoziert die negative Sanktionierung, körperliche Züchtigung, Konditionierungsmechanismen, die Zuwiderhandeln eliminieren und ein funktionales, unbeirrbares System der Arbeit fundieren.

Können wir das aber nun tatsächlich in die Gefilde der Vergangenheit bannen? Schließlich ist die Sklavengesellschaft längst einer egalitären, pluralistischen, rechtsstaatlichen Demokratie gewichen. Auch jenseits der historischen Materialisten würde wohl kaum jemand in Zweifel ziehen, dass die freie Marktwirtschaft heute in nur wenigen Aspekten mit dem Feudalprinzip vergangener Systeme korrespondiert. Kapitalismus – wahrlich – ist ein Grundpfeiler freien (zuweilen auch ungehemmten) Konsums. Verzicht auf starre, vom Staat diktierte Regulatoren garantiert ein angepasstes Preisspektrum, Mannigfaltigkeit an Produkten und den Zugang zu etwaigen Erzeugnissen, benötigt oder vorgeblich benötigt. Kapitalismus birgt immense Freiheitskapazität- aber eben auch die Freiheit, zu scheitern. Es kauft, wer kann. Es produziert, wer besitzt. Wer aber nichts besitzt, der bietet seine Arbeit an, um teilzuhaben. Der Mensch ist der arbeitende Mensch und wenn er dieses Attribut verliert, büßt er einen Teil seiner Würde, seines Seins, gar seines Wertes ein. Arbeit ist der Definitions- und Identifikationsmittelpunkt einer arbeits- und effizienzzentrierten Gesellschaft. Und plötzlich ist die Peitsche wieder ganz nah. Sie hallt in den Schritten durch zahlreiche Korridore zahlloser Bürgerhäuser. Sie knallt in der Scham derer, die eine Nummer ziehen um sich arbeitslos zu melden. Sie klirrt im Portemonnaie der Großfamilie und verwebt sich mit der Leere eines Montagmorgens.

Sanktion gehört nach wie vor untrennbar zur Arbeit und garantiert ihren reibungslosen Fortbestand. Um einem Missverständnis vorzubeugen: die Gebundenheit der Arbeit an die Strafe ist nicht gleichbedeutend mit einem irrwitzigen Szenario, in dem jeder seine Arbeit notgedrungen und fluchend verrichtet. Der Umstand, dass Arbeit nunmehr der signifikante Identifikationsfokus eines Individuums ist, misst ihr eine umso höhere Gewichtung bei. Sie mag die dominante Konstituente einer Persönlichkeit sein, sie ist doch bei weitem weder die einzige noch die einzig verhasste. Der Mensch ist weder ein maschinelles Produktionsmittel noch muss er sich unter das Joch der Zwangsarbeit gestellt sehen. Unbestreitbar bleibt nur, dass Arbeit eine materielle sowie soziale Notwendigkeit ist. Und da stellt sich die virulente Frage, ob die menschliche Schaffenskraft nun tatsächlich immer und ausschließlich auf die positive Sanktion, auf Entlohnung, schlicht auf das Fressen ausgerichtet ist?

Würde noch jemand irgendetwas produzieren, wenn er nicht müsste? Eine Frage, deren positive Beantwortung die Opponenten des bedingungslosen Grundeinkommens kategorisch in Zweifel ziehen. Ob die Befürworter als hoffnungslose, realitätsgelöste Utopisten zu diskreditieren sind, oder nicht: sie wagen das Postulat: Ja, da ist eine andere Antriebskraft des Menschen, die ihn produktiv, gebraucht werden lässt. Und es ist nicht primär das Kapital oder die Aussicht auf Entzug desselben. Was ist es dann also?

Ist es der Anspruch der Macht? Wollen wir einfach nur alles, was wir nicht beherrschen können ausmerzen, unserer Kontrolle willfährig machen? Die uferlose Gier nach Allwissen, nach Expansion in das Unbekannte? Reißen wir uns nur deshalb von der bewahrenden, bekümmerten Mutterhand los: eben weil wir es nicht ertragen, dass uns ein Teil unserer universellen Macht noch vorenthalten ist? Sicher ist auch Macht ein stimulierender Motor. 20 Prozent des Brasilianischen Regenwaldes zu zerstören, ist eine enorme Schaffensleistung. Die imperiale Beherrschung genuin souveräner Menschen ist ein beachtlicher administrativer Kraftakt. Invasion, Intrige, Herrschaftssicherung oder auch viel beschiedener: die Mehrung von Kapital bedürfen raffinierter, geradezu kreativer Propaganda, einer unfehlbaren Strategie, einer initiativen Aktion. Ist das kreatives Schaffen? Hält das die Menschheit zusammen und treibt sie an, neue Ufer zu erstürmen? Sicher. Der Wille treibt. Der Mensch ist aktiv.

Aktion, die sich völlig am Erstreben von Macht abarbeitet und dem Erwerb opportunistischer Privilegien geschuldet ist, macht sich zur Leibeigenen ihrer Usurpatoren. Welch eine traurige Perspektive, Schaffen, auf Übel und Böswilligkeit zu reduzieren. Was bleibt denn schließlich?

Wenn der Mensch also nur schafft, weil er Sanktion fürchtet oder nach Macht strebt, dann darf es heute keinen einzigen Künstler geben, es darf kein Mensch eine Neigung bedienen, die nicht der Effizienz, dem Erwerb, Vorschub leistet. Wir dürfen nicht fühlen und wir dürfen nicht untätig sein, dürfen nicht glauben, nicht hoffen, nicht schreien, müssen unsere Milch mäßig schnell trinken, unsere Schuhe fest binden, vorsichtig sein, uns nicht übernehmen und nicht neugierig sein.

Stagnation. Ein Todesurteil. Wo jeder Impuls getilgt ist, entsteht nichts. Es entsteht aber, es wird, es fühlt und strebt und lebt.

Jemand der schafft, der eine Leerstelle findet, der muss sie für sich füllen. Er muss sich dabei aufzehren und sich darin ergehen. Ohne Aussicht auf Erfolg, ohne Entlohnung, ohne eine realistische Chance auf Machtmehrung treibt ihn seine Neugierde, sein Verlangen nach dem Dunkeln. Ihn treibt das Menschsein selbst. Nicht das Kapital, nicht die Macht. Die motivieren andere Prozesse. Meist münden die aber naturbedingt in Frustration, Depression oder schlicht einem destruktiven Desaster. Der Mensch, der handelt, weil er aus sich heraus muss, der ist der Depression keineswegs gefeit. Er mag sogar bitterlich ängstlich sein, aber er muss es wagen. Er muss. Und so rennt er. Er leidet. Voraussichtlich völlig erfolglos und mit nichtigem Ergebnis. Aber so ist die Leidenschaft: sie ist grausam, sie tut weh und belässt nichts wie es war. Gepriesen sei sie!

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Auf der Suche nach Orten, an denen Kunst entdeckt werden kann und nicht dem Event dient

von Norbert Ahlers

Mit der bevorstehenden Digitalisierung wird die Frage nach der Zukunft des Kinos seit einiger Zeit immer vehementer diskutiert. Eine Auseinandersetzung, die vor allem im Bereich der kommunalen Kinos präsent ist, entscheidet ja letztlich diese Entwicklung sowohl über die betriebswirtschaftliche Perspektive vieler dieser kleinen Kulturinstitutionen als auch über das Selbstverständnis, was denn gegenwärtig Kino überhaupt ist. Ist es lediglich die Projektion bewegter Bilder auf eine größere Leinwand vor einem Publikum oder ist Kino auf immer mit dem Kulturgut Film assoziiert und so auch mit der nostalgischen Vorstellung von der Technik des beschichteten Zelluloids, des 35mm-Projektors und der Figur eines eigenbrödlerischen Filmvorführers? Die betriebswirtschaftliche Wirklichkeit hat diese Frage schon längst entschieden und jedes Kino wird die Digitalisierung realisieren, sofern es die Investitionen für die Umstellung aufbringen kann.

Steht man am Strand, richtet sich der Blick in der Regel auf das Meer, nicht auf das Land. Kinder wenden im Spiel den Blick auf das, was ihnen wichtig ist

Wie aber verhalten sich die Filmemacher? Die Frage mag irritieren, denn gerade weil die überwiegende Mehrzahl der Filmemacher fast ausschließlich die digitale Technik nutzt, forciert sie ebenso wie die Verleiher den Prozess der Digitalisierung. Es überrascht aber, dass sich offensichtlich viele der innovativen Filmemacher zusehends vom Kino abgewendet haben. Sie suchen andere Orte der Präsentation wie etwa Ausstellungsorte (so z.B. Harun Farocki) oder komplexe DVDs, die kein Kino oder TV-Sender vorstellen würde (vgl. Arbeiten wie „Nachrichten aus der ideologischen Antike“ von Alexander Kluge). Es scheint, als wollten sie sich als Intellektuelle in ökologische Nischen zurückziehen, tatsächlich aber zeigen sie die neuen Orte auf, in denen man den Freiraum des Gesprächs neu entdecken kann. Die Nische sollte nicht als Sparte missverstanden werden, denn im Zusammenhang mit der Medienwirklichkeit ist die Sparte ein klar abgegrenzter Raum, der ebenso nach den Regeln der Quote bzw. des Relevanznachweises organisiert ist wie alle anderen Kanäle auch. Nichts Schlimmeres scheint einer Idee oder einem Experiment widerfahren zu können als deren Entdeckung durch Kulturangestellte, Kreative oder Hipster. Sie sind diejenigen, die unter genauer Beobachtung die neuen Trends aufspüren, um sie dann an den Kulturbetrieb auszuliefern. Dieser aber bedient sich dieser Ideen nur, um mimetisch die neuen Entwicklungen aufzunehmen und ihren Köpfen die Anerkennung zu geben, nach der sie so sehr gieren und um gleichzeitig ihnen alles Emanzipative und Befreiende zu entreißen. Es erscheint einem wie das grauenvolle Bild aus dem Mythos, in dem erzählt wird, wie viele durch den Blick der Medusa erstarrt sind, weil es ihnen an List und Glück fehlte. Es ist nicht das Glück, das man der Fortuna zuspricht, sondern das der Märchen, in denen stets der Schwächste oder Jüngste durch Zufall von der Gefahr nicht entdeckt wird. So findet das Glück zurück, weil der Gerechtigkeit eine Gelegenheit eröffnet wird, sich wiederherzustellen. In diesen Momenten können Wünsche wahr werden. Fortuna dagegen ist das Glück der Herrschenden, unberechenbar und willkürlich. Sie ist die zufällige Fügung, die mit dem geschenkten Glück blendet und die Angst provoziert vor denen, die sich dieser Blendung verweigern. Gebildete Menschen suchen immer wieder die Nischen, in denen sie die Gespräche fortsetzen können. Gespräche und Erzählungen schaffen die Freiräume, die den Zwang der Wirklichkeit aufheben und vergessen lassen. Wer heute aber Kultur und Bildung für alle in Slogans und Förderprogrammen beschwört, hat die Versprechen von Bildung schon längst aufgegeben, oft ohne dies selbst zu wissen. Unter den aktuellen Bedingungen ist es nur konsequent, wenn Künstler sich gegenwärtig dem Kulturbetrieb entziehen wie die Buchfreunde, die in Truffauts Film „Fahrenheit 451“ sich mit ihrem Lieblingsbuch zurückziehen. Es bleibt letztlich nur zu hoffen, dass sich gebildete Menschen unabhängig von Herkunft, Geschlecht und Religion immer wieder in den Nischen begegnen, die sich dem gesellschaftlichen Zwang der bloßen Selbstdarstellung entziehen. Einmal mehr zeigt sich, dass nicht die Technik, sondern vielmehr der gesellschaftliche Zusammenhang darüber entscheidet, ob etwas der Kunst und deren Glück einen Spalt eröffnet oder nicht.

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Der Essayfilm – erste Gedanken zum Seminar

von Hanna Miethner

„Ein Schiff. Wasser, Geld, Introspektion sucht den Blick nach außen. Paradoxon fügt sich ungeschmeidig und synthetisch an ein weiteres wohl komponiertes oder doch authentisches Bild. Vielleicht ist es auch eine weitere Abstraktion.“ Das sind die fragmentarischen, vagen Extraktionen meiner ersten Begegnung mit dem, was sich unter den Begriff des Essayfilms bündelt. Meine erste Prise Essayfilm.

der Blick des Essayisten

der Blick des Essayisten


Die Montagetechnik, die in vielen schnell geschnittenen Einstellungen den Film „Socialisme“ von Jean-Luc Godard komponiert, fordert heraus. Sie will nicht geglaubt werden und doch nicht dem Laster der wankelmütigen Lüge anheim fallen. Unbestritten hat sich der Eidruck konstituiert, dass man mit diesem Filmgenre unebenes Terrain betritt und sich ganz den Welten von Spekulation, von Evokation und nicht zuletzt Provokation hingeben muss.
Ich komme nicht umhin, mit sperrigen Abstrakta zu hantieren, wenn ich den Essayfilm und seine Wirkung beschreiben soll: Analogiebildung, Kontrastierung, Destruktion.
Damit korrespondiert der erste filmische Eindruck mit den einführenden Worten, die Sven Kramer und Thomas Tode für den Essayfilm finden.
Hier präsentiert sich das Genre- wenn es sich denn zu einem klassifizieren ließe- ganz unkonformistisch. Der Appell ist latent immer implizit: Streife deine so hartnäckig bemühten Wahrnehmungskriterien ab! Destruktion eben der konventionellen, ausgetretenen Kategorien. Der Zuschauer ist nicht länger an das Edikt der Passivität gebunden, nicht in Gefilde der Konsumentenschaft gebannt, sondern nahezu dialogisch integriert. Assoziative Bilder fordern eine Antwort des Zuschauers ein, beharren auf Auseinandersetzung. Ich spinne schnell mein eigenes Netz aus Konnotationen und hangele mich von Verknüpfung zu Verknüpfung, von Bild zu Bild. Damit ist der Essayfilm unbarmherzig schnell und dicht. Er verweilt nicht, sondern prescht vorwärts- oder ist es nicht viel mehr rückwärts- letztendlich noch direkt auf einen zu?
Meine erste Prise war pikant und durchaus mit dominantem Nachgeschmack. Ich fühle mich in einem Prozess des Schauens und konstruiere selbst Zusammenhänge, generiere Bedeutung und schlage Analogien. Ein weiteres signifikantes Merkmal: die Analogiebildung. Schnelle Schnitte kombinieren scheinbar zusammenhangslose, autonome Bilder zu einem Kontext. Dokumentarisch anmutende Aufnahmen alltäglicher Szenen, die eine unterhaltungsfordernde Spaßgesellschaft abbilden, stehen unmittelbar neben inszenierten Dialogen. Erneut ist der Betrachter zur Verbindung gerufen. Ihm obliegt die Kopplung von scheinbar Trivialem an bedeutungsschwangere Äußerungen. Der Film ist mit diesen fast beiläufig platzierten Dialogelementen gespickt und inszeniert sie in unkommentierter Dichte. „Geld ist ein öffentliches Gut. Wie das Wasser“ Ein Bild vom Meer, dann von im Wasser spielenden Menschen auf Deck des Kreuzfahrtschiffes. Der Zuschauer denkt. Denkt vielleicht an Kapitalismus, an Verstaatlichung, an die Problematik des Materialismus, an die Absurdität einer Spaßgesellschaft, die verzehrend und unkritisch konsumiert. Der Zuschauer denkt.
Und während dieses assoziativen Prozesses werden gleich weitere Schauplätze generiert, andere Stränge gewoben. Eine Frau ermittelt der Geschichte hinterher und konfrontiert einen Mann, den sie bezichtigt, sich russischen Goldes während des Zweiten Weltkrieges bemächtigt zu haben. Der Zuschauer denkt und darüber hinaus stöbert er nach stringenten Mustern. Er versucht sich, eine Handlung zu imaginieren und Kontinuitäten zu erkennen. Tatsächlich wird einer solchen Suche nach Kohärenz auch Rechnung getragen. Bilder, Szenen und Konstellationen werden immer wieder aufgegriffen. Doch letztendlich scheitert das Bemühen, gewohnte Handlungszusammenhänge herzustellen. Wieder greift die Destruktion und der Zuschauer muss die Illusion, an einem roten Faden konsequent mitlaufen zu können, verabschieden. Ein Verlust? Keiner, den es zu betrauern gilt, denn die scheinbar konfuse, diffuse und untransparente Erzählstruktur konstruiert übergeordnet eine spannende Aussage: alles verläuft parallel, alles hat Berührungspunkte und schließlich hängt damit alles zusammen.
Letztendlich bleibt auch die Frage nach der Ästhetik. Die Komposition der Bilder mutet tatsächlich fast schon absurd an. Kriegsverbrecher agieren neben einer ausgelebten Affinität für junge Katzen. Die Aufnahmen haben einen dokumentarischen Charakter. Keine Retusche, keine aufwendige Ausleuchtung, kein ansehnliches Farbkonzept. Um mich wieder der Terminologie der einführenden Einschätzung von Kramer und Tode zu bedienen: die Bild- und Tonqualität geben sich amateurhaft. Sicher ist das nicht der Ermangelung an Ausbildung oder Budgetierung geschuldet. Der Essayfilm will sich nicht professionalisieren, so scheint es. Den unverwandten, unklassifizierten Blick des Amateurs behalten, der neue Perspektiven bergen kann. Der Amateur ist nicht verstanden als defizitärer Dilettant, sondern als jemand, der außerhalb etablierter Kategorien denken kann und sich seinem Sujet unbelastet nähert.
So kreiert der Film eine eigene Ästhetik. Wieder abseits von dem Zuschauer so wohl bekannten Mustern. Ein Film, der durchaus ästhetisch ist, der inszeniert und abbildet, der den Zuschauer fordert, seine Erwägung und Deutung zulässt, sogar ausdrücklich animiert: darf sich so ein Film überhaupt objektiv dokumentarisch nennen? Was kann der Essayfilm eigentlich leisten, wenn er ohnehin von der Rezeption des Zuschauers abhängt, also hoch subjektive Momente integriert? Er bedient sich doch auch ganz unverblümt den Mitteln der Inszenierung und der Manipulation. Kann er überhaupt den Anspruch auf Authentizität erheben? Ist er dann nicht eher mit dem Etikett des Unterhaltungsfilms, des Kunstfilms zu versehen? Alles ist Objekt des eigenen Ermessens, alles ist Bandbreite. Nein.
Dieses Urteil würde dem Essayfilm nicht gerecht werden. Denn er will etwas. Er will vermitteln, er hat eine Botschaft. Und diese Botschaft ist keine konkrete. Es geht ihm nicht um die Ergründung eines simplen partikulären Sachverhaltes- deshalb langt die Technik der dokumentarischen Abbildung auch nicht aus. Viel mehr ist es dem Essayfilm an der Erfassung einer Idee gelegen. Eine Montage, in der alles konfus scheint, entwickelt und kommuniziert eine Idee. Die Bilderflut, die einen assoziativen Schwall an subjektiven Eindrücken strömen lässt, greift ein Gesamtkonzept auf, das es zu repräsentieren gilt. Wie die Handlung, wie der rote Faden des Filmes, so ist der Gegenstand: ungreifbar und nie monokausal. Damit ist der Essayfilm hochaktuell. Er trägt dem Pluralismus an Meinungen und Perspektiven Rechnung und bildet die Heterogenität von Individuen ab, die alle koexistieren und alle an dem Ganzen, an dem fragmentarischen Ganzen partizipieren.
Meine erste Prise Essayfilm hing mir noch tagelang an der Kleidung und wollte etwas: mehr.

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