Archiv der Kategorie: Heidelberger Diorama

Ein Film über Maria Pellegrinon und ihr unvergessenes Gasthaus

In der Reihe: „Auf der Suche nach den verlorenen Herzen“ präsentiert die Kineskop den Film

Marias Freiraum“ – Eine Hommage an das „Gasthaus zur Bergstraße“, dessen Geschichte 2011 ihr Ende fand.

Maria Pellegrinon

Maria Pellegrinon

Ein Film von Andrea Munzert und Sarah Ewald im Rahmen des Geländepraktikums der Anthropogeographie „Randgruppen, Randräume – eine Filmwerkstatt“ 2009

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Ein Dilemma zwischen Zuckerhaus und Werkgespräch – das Literaturhaus in Heidelberg

von Norbert Ahlers

Heidelberg möchte sich als Unesco-Literaturstadt bewerben, eine Stadt, die einerseits bemerkenswerte Verlage beheimatet und die andererseits für ihre Größe ein überdurchschnittliches Kulturangebot hat. Doch ein Blick in das Verzeichnis der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten provoziert Zurückhaltung: in der Stadt der Romantik gibt es keine anerkannte Literaturgesellschaft. Doch es gibt eine Initiative für ein Literaturhaus.
Mit der Schließung des Kinos Lux-Harmonie in der Altstadt stehen die Nutzungskonzepte des Wormser Hofes noch einmal zur Diskussion. Eine Idee ist, hier neben anderen kommerziellen Unternehmen ein Literaturhaus einzurichten. Damit wäre ein Kulturzentrum besonderer Art geschaffen, dass sich in unmittelbarer Nähe von Theater, Kunstverein und Museum befände.
Doch die Schwierigkeiten und Vorbehalte sind groß. Ein Kulturhaus wie das DAI versteht sich selbst schon als ein Haus für Literatur, veranstaltet in diesem Zusammenhang aber lediglich Lesungen bzw. Vorträge, die Stadtbücherei ist gegenüber einem weiteren Veranstaltungsort für Literatur skeptisch und die Verlage verhalten sich weitgehend abwartend, nur der Verleger Manfred Metzner hat sich dieses Projekt zur einer Herzensangelegenheit gemacht.
Tatsächlich ist es zweifelhaft, wenn man in Heidelberg in einem Literaturhaus lediglich einen Veranstaltungsort für Lesungen versteht, bei denen man im Foyer einen Kaffee trinken und im jeweiligen Verlagsprogramm stöbern kann. Veranstaltungen dieser Art kann man tatsächlich den schon bekannten Kulturhäusern am Ort überlassen. Was dort geschieht, hat weniger mit lebendiger Literatur als mit dem herkömmlichen Kulturbetrieb zu tun.
Es ist ermutigend, wenn eine junge Autorin in Heidelberg die Leiterin eines interkulturellen Zentrums wird, genauso wie die Beharrlichkeit einer Heidelberger Autorengruppe mit einem eigenen Kleinverlag, die seit über 20 Jahren jungen Autoren ein erstes Auftreten in der Öffentlichkeit und literarische Experimente ermöglicht. Es ist beeindruckend, dass in dieser Stadt v verschiedene Verlage ihren Sitz haben, deren Programm ausgesprochen qualifiziert ist. Doch es gibt in Heidelberg keine literarische Szene, die über das Stell Dich ein beim Poetry Slam hinausginge.
Ein Literaturhaus in Heidelberg wäre ein wirklicher Gewinn, wenn es mehr wäre als bloße Veranstaltung. Das Konzept des vor kurzem gegründeten Literaturhaus Heidelberg e.V. klingt wie ein Wunschkonzert ohne Schwerpunkt, ohne inhaltliche Vision. So hat man den Eindruck, dass die Forderung nach einem Literaturhaus mehr einer Pose als einem Lebensgefühl entspricht. Es ist wichtig neue Wege zu gehen, d.h. nicht nur für die klassischen Formen der Buchliteratur, sondern z.B. auch die Nähe zu Bloggern suchen, aber auch zu Filmemachern, Hörspielautoren oder Theaterregisseuren. Literarische Netzwerke entwickeln im Sinne von gelehrten Gesprächskreisen. Literatur ist keine Veranstaltungsreihe, sondern eine Haltung zum Leben. Dafür stand Heidelberg zu verschiedenen Zeiten. Man kann aber solch eine Koinzidenz von Ort und Lebensgefühl nicht willkürlich kreieren oder inszenieren – schon gar nicht mit Begriffen wie Festival- oder Metropolregion. Man kann aber Rahmenbedingungen schaffen, die solche Koinzidenz zulassen oder begünstigen.

Der Blick des Lesers gegenüber der Kamera ist ein skeptischer, weil der Dialog mit ihr ohne Rücksicht ist. Während ein Buch eine Haltung beschreibt, ohne dass der Leser dieselbe einnehmen muss, fordert die Kamera die Haltung heraus, die man von sich selbst erwartet.

Der Blick des Lesers gegenüber der Kamera ist ein skeptischer, weil der Dialog mit ihr ohne Rücksicht ist. Während ein Buch eine Haltung beschreibt ohne dass der Leser dieselbe einnehmen muss, fordert die Kamera die Haltung heraus, die man von sich selbst erwartet.

Wem aber nützt ein Literaturhaus und wie könnte man es finanzieren? Primär wäre es vor allem denen von Nutzen, die Literatur so sehr brauchen wie andere das tägliche Brot. Das ist nicht nur eine bestimmte Gruppe von Lesern, es sind die Autoren und die Verleger. Die Verlage schaffen mit einem Literaturhaus mehr als nur eine Vitrine des eigenen Verlagsprogramms, sondern einen Ort für junge Autoren, die dort ihr eigenes Schreiben weiterentwickeln können und Verleger kennenlernen, die ihnen entsprechen. Junge Schriftsteller kämen nach Heidelberg, um hier schreiben zu können – nicht als beauftragte Stadtschreiber, sondern als freie Autoren, die hier mit anderen über ihre Arbeiten sprechen könnten, die ihr Gespür, ihren Blick und ihren Ausdruck für die Wirklichkeit im Gespräch mit anderen reflektieren müssen.
Die ersten Schritte zu diesem Modell könnten die Verlage (Genossenschaftsanteile) und die Autoren (Studiengebühren) zu einem Teil aus eigener Kraft finanzieren. Vielleicht fände sich auch ein Mäzen – vorausgesetzt es ginge ihm um Literatur und nicht um das Klischee dieser Stadt. Das Gleiche gilt im Übrigen auch für eine freie Filmschule in Heidelberg.

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Kreativität …. amortir la balle

von Norbert Ahlers

Die Kritik an dem geplanten Kreativzentrum Alte Feuerwache Heidelberg provoziert bei jungen engagierten Klein- und Kleinstunternehmen in der Kreativwirtschaft ein Unbehagen. Nicht nur, dass man sich in dem eigenen Handeln missverstanden sieht, man kann offensichtlich auch nicht nachvollziehen, dass man das Konzept der Alten Feuerwache grundlegend in Frage stellt, da sich nach jahrelanger Trägheit in Heidelberg etwas endlich zu bewegen scheint.

Tatsächlich ist aber auf kommunaler Ebene eine Diskussion um die Erwartungen, die man gegenüber der Kreativwirtschaft hat und deren Konzepte überfällig. Wie verhält sich die Kulturarbeit zur Kreativwirtschaft, welche Funktion haben die sogenannten Bohemiens (vgl. J.Gückler, M.Ries, H. Schmid Kreative Ökonomie in Heidelberg S. 6 / S. 21, Heidelberg 2010) innerhalb der Kreativwirtschaft und welche Schwerpunkte will man in Heidelberg überhaupt akzentuieren.

Es bleibt immer noch die Frage von Johan Holten nach einer Ausbildungseinrichtung für junge bildende Künstler in Heidelberg unbeantwortet. workerKann sich in Heidelberg eine kreative Szene überhaupt entwickeln, wenn es nicht eine Akademie für Kunstschaffende gibt? Heidelberg hat keine Musikhochschule wie Mannheim, keine Filmakademie wie Stuttgart, keine Kunsthochschule wie Karlsruhe und kein Literaturinstitut wie etwa Leipzig. Da solche Institutionen auch nicht geplant sind, ist die Frage, welche Erwartungen man an die hiesige Kreativwirtschaft hat? Welche Zielsetzung verfolgt man mit einem Kreativzentrum und sind es dieselben Perspektiven, die auch die jungen Kunstschaffenden haben?

Die aber haben für diese Diskussion nur bedingt ein Interesse, denn nach all den vergangenen Schwierigkeiten sind sie froh, dass gerade durchatmen können, weil sie endlich einen günstigen Raum für ihre Arbeiten gefunden haben. Wer aber diese Diskussion ignoriert, läuft Gefahr die eigene Idee einem ganz anderen Zweck auszuliefern.

In diesem Zusammenhang ist es auch durchaus mehr als nur reizvoll, sich nochmals über das Stichwort „Amortisierung“ zu verständigen.

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Premiere des BERGKINO Boxberg/Emmertsgrund

von Norbert Ahlers

Am 20.06. hatte das Heidelberger BERGKINO auf dem Boxberg/Emmertsgrund seine Premiere. Im Rahmen des Projektes „Beton heißt Stärke“ haben Schülerinnen und Schüler der Waldparkschule ihr Kino dem Stadtteil vorgestellt. Die Leistungen der Schüler waren beeindruckend. Unter der beharrlichen Begleitung ihres Klassenlehrers Hubert Hug und mit der medienpraktischen Unterstützung seitens der Kineskop-Filmschule haben die Jugendlichen einer 8.Klasse im Verlauf des Schuljahres einen eigenen Kurzfilm gedreht, eine Fotoausstellung mit eigenen Aufnahmen zusammengestellt und einen eigenen Kinoabend organisiert. Dieser Abend war gleichzeitig der Auftakt, mit dem sich die Jugendlichen als eigene, frischgegründete Schülerfirma präsentierten. Mit „La Haine“ (M. Kassovitz, F/1995) hatten sich die Schüler zudem einen Film ausgesucht, der inhaltlich konfrontativ und ästhetisch anspruchsvoll ist.

Der Kurzfilm „Die Neue“ auf der eigenen Kinoleinwand.

„Die Neue“, der eigene Kurzfilm der Schüler, erzählt von einem Mädchen, das erst vor kurzem auf den Emmertsgrund gezogen ist und einem Jungen, der sich allein in seinem Stadtteil behaupten muss, aber in jedem Hindernis auch die Herausforderung eines eigenen Weges entdeckt. Er läuft Parkour, weil es ihm Spaß macht, auch wenn er dafür kein Verständnis findet. Er und das Mädchen, beide Außenseiter, finden, was ihnen die Umgebung verwehrt: Geborgenheit und Anerkennung.

Eindrucksvoll waren die Fotografien der Schüler, die sie unter der Begleitung von Max P. Martin in verschiedenen Workshops aufgenommen haben. Über die Ablichtung verschiedenster Orte wie etwa die Parkgaragen im Ermmertsgrund, das Iduna-Center auf dem Boxberg oder etwa die St.Paul-Kirche näherten sich schließlich die Jugendlichen auch der Arbeit eigener Portraitaufnahmen an. Dabei entstanden erstaunliche Bilder von Jugendlichen, die in ihrer Haltung, in ihrem Lachen und ihrer Skepsis wohl in einer ganz besonderen und gelungenen Form vom Leben auf dem Berg erzählen.

Orte und Gesichter vom Berg – die Bildergalerie der Jugendlichen

Im Boxberger „Holzwurm“ wurde mit Unterstützung von Ingo Smolka das örtliche Jugendzentrum mit einfachen Mitteln in ein Kino verwandelt, was für manchen auch ein déjà-vu gewesen sein mag. Es war ein Filmabend, der in seinem improvisierten Rahmen und mit seiner Authentizität an die frühe kommunale Filmarbeit erinnerte. Die selbst zubereiteten Kinosnacks wie Humus, Guacamole, Nachos mit eigenen Saucenkreationen oder eine selbst zusammengemixte Limonade waren eine angenehme Bereicherung, die manch anderes professionelle Kino adaptieren könnte. Die Ernsthaftigkeit, die Energie und die Anteilnahme, die die Jugendlichen bei der Vorbereitung dieses Abends zeigten, verblüffte manche Lehrkraft. Von 07:45 Uhr bis 21:00 Uhr waren die meisten von ihnen an diesem Tag fast ununterbrochen in der Schule bzw. in einer schulischen Veranstaltung.

die Alternative zu Popcorn

In all diesen Anstrengungen ist die Idee zu wiederzuentdecken, dass ein Kino mehr ist als nur eine Leinwand für projizierte Unterhaltung. Das BERGKINO hat die Perspektive und das Potential, ein Ort des Dialogs zu werden. Für ein zeitgenössisches Kino ist das eher ungewöhnlich und in Heidelberg, wo sich in den vergangenen Jahren die Kinosituation drastisch verändert hat, ist dieses Kinoprojekt umso bemerkenswerter: die Schüler haben mit dem BERGKINO die Filmkultur zu sich in ihren Stadtteil geholt. Ein Projekt, das durch die Kineskop initiiert, durch die Waldparkschule ermöglicht und den ESF-Fonds „Stärken vor Ort“ gefördert wurde. Eine Stärke, die auch im Zentrum der Stadt zur Kenntnis genommen werden muss.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Filmabende fortgesetzt werden, dass die Akustik verbessert wird und die Crew die notwendige Beharrlichkeit und den unbestechlichen Eigensinn hat, die dieses ungewöhnliche Projekt von allen Beteiligten immer wieder fordert. Die Premiere war auf jeden Fall ausgesprochen ermutigend.

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Auf der Suche nach Orten, an denen Kunst entdeckt werden kann und nicht dem Event dient

von Norbert Ahlers

Mit der bevorstehenden Digitalisierung wird die Frage nach der Zukunft des Kinos seit einiger Zeit immer vehementer diskutiert. Eine Auseinandersetzung, die vor allem im Bereich der kommunalen Kinos präsent ist, entscheidet ja letztlich diese Entwicklung sowohl über die betriebswirtschaftliche Perspektive vieler dieser kleinen Kulturinstitutionen als auch über das Selbstverständnis, was denn gegenwärtig Kino überhaupt ist. Ist es lediglich die Projektion bewegter Bilder auf eine größere Leinwand vor einem Publikum oder ist Kino auf immer mit dem Kulturgut Film assoziiert und so auch mit der nostalgischen Vorstellung von der Technik des beschichteten Zelluloids, des 35mm-Projektors und der Figur eines eigenbrödlerischen Filmvorführers? Die betriebswirtschaftliche Wirklichkeit hat diese Frage schon längst entschieden und jedes Kino wird die Digitalisierung realisieren, sofern es die Investitionen für die Umstellung aufbringen kann.

Steht man am Strand, richtet sich der Blick in der Regel auf das Meer, nicht auf das Land. Kinder wenden im Spiel den Blick auf das, was ihnen wichtig ist

Wie aber verhalten sich die Filmemacher? Die Frage mag irritieren, denn gerade weil die überwiegende Mehrzahl der Filmemacher fast ausschließlich die digitale Technik nutzt, forciert sie ebenso wie die Verleiher den Prozess der Digitalisierung. Es überrascht aber, dass sich offensichtlich viele der innovativen Filmemacher zusehends vom Kino abgewendet haben. Sie suchen andere Orte der Präsentation wie etwa Ausstellungsorte (so z.B. Harun Farocki) oder komplexe DVDs, die kein Kino oder TV-Sender vorstellen würde (vgl. Arbeiten wie „Nachrichten aus der ideologischen Antike“ von Alexander Kluge). Es scheint, als wollten sie sich als Intellektuelle in ökologische Nischen zurückziehen, tatsächlich aber zeigen sie die neuen Orte auf, in denen man den Freiraum des Gesprächs neu entdecken kann. Die Nische sollte nicht als Sparte missverstanden werden, denn im Zusammenhang mit der Medienwirklichkeit ist die Sparte ein klar abgegrenzter Raum, der ebenso nach den Regeln der Quote bzw. des Relevanznachweises organisiert ist wie alle anderen Kanäle auch. Nichts Schlimmeres scheint einer Idee oder einem Experiment widerfahren zu können als deren Entdeckung durch Kulturangestellte, Kreative oder Hipster. Sie sind diejenigen, die unter genauer Beobachtung die neuen Trends aufspüren, um sie dann an den Kulturbetrieb auszuliefern. Dieser aber bedient sich dieser Ideen nur, um mimetisch die neuen Entwicklungen aufzunehmen und ihren Köpfen die Anerkennung zu geben, nach der sie so sehr gieren und um gleichzeitig ihnen alles Emanzipative und Befreiende zu entreißen. Es erscheint einem wie das grauenvolle Bild aus dem Mythos, in dem erzählt wird, wie viele durch den Blick der Medusa erstarrt sind, weil es ihnen an List und Glück fehlte. Es ist nicht das Glück, das man der Fortuna zuspricht, sondern das der Märchen, in denen stets der Schwächste oder Jüngste durch Zufall von der Gefahr nicht entdeckt wird. So findet das Glück zurück, weil der Gerechtigkeit eine Gelegenheit eröffnet wird, sich wiederherzustellen. In diesen Momenten können Wünsche wahr werden. Fortuna dagegen ist das Glück der Herrschenden, unberechenbar und willkürlich. Sie ist die zufällige Fügung, die mit dem geschenkten Glück blendet und die Angst provoziert vor denen, die sich dieser Blendung verweigern. Gebildete Menschen suchen immer wieder die Nischen, in denen sie die Gespräche fortsetzen können. Gespräche und Erzählungen schaffen die Freiräume, die den Zwang der Wirklichkeit aufheben und vergessen lassen. Wer heute aber Kultur und Bildung für alle in Slogans und Förderprogrammen beschwört, hat die Versprechen von Bildung schon längst aufgegeben, oft ohne dies selbst zu wissen. Unter den aktuellen Bedingungen ist es nur konsequent, wenn Künstler sich gegenwärtig dem Kulturbetrieb entziehen wie die Buchfreunde, die in Truffauts Film „Fahrenheit 451“ sich mit ihrem Lieblingsbuch zurückziehen. Es bleibt letztlich nur zu hoffen, dass sich gebildete Menschen unabhängig von Herkunft, Geschlecht und Religion immer wieder in den Nischen begegnen, die sich dem gesellschaftlichen Zwang der bloßen Selbstdarstellung entziehen. Einmal mehr zeigt sich, dass nicht die Technik, sondern vielmehr der gesellschaftliche Zusammenhang darüber entscheidet, ob etwas der Kunst und deren Glück einen Spalt eröffnet oder nicht.

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Kreativcluster – die Illusion vom nie versiegenden Rohstoff

von Norbert Ahlers

Kreativcluster – ob in Portfolios von workshops oder in Grundrissskizzen der geplanten Gebäudenutzung leerstehender Hallen und Ruinen. Die Kreativwirtschaft verspricht eine dynamische Wucht. Der Begriff funktioniert, ohne auch nur eine konkrete Idee zu formulieren. Auch wenn man hier offensichtlich eher etwas beschwört als es zu verstehen, scheint es offensichtlich zu sein, dass hier vor allem von Ressourcen die Rede ist, weniger von Produkten.

Es bleibt allerdings die Frage, wer über diese Ressourcen verfügt? Der Aufschrei der Autoren, dass die digitale Technik auch einen Enteignungsprozess durch die Nutzer mit sich gebracht habe, ist nicht mit einer Handbewegung wegzufegen. Von diesem Enteignungsprozess profitieren vor allem gigantische Majors wie google oder facebook, weniger die Nutzer. Die Idee, dass z.B. Crowd-Funding ernsthafte alternative Finanzierungsmodelle darstellen oder man über Youtube eine Community um sich scharen kann, die einem als Sprungbrett für eine etablierte Karriere dient, funktioniert als kreatives Versprechen, aber nicht als Methode. So wird heute mit digitalen Foren eine Dynamik assoziiert, die früher die Goldfunde am Klondike River evoziert haben.

Es ist, als hätte man mit der Entdeckung des kreativen Potentials endlich wieder eine Quelle entdeckt, die wie einst das Öl, die Voraussetzung für die Illusionen des Fortschrittsdenkens ist: ein nie versiegender Rohstoff. Der Witz dabei: diese Quelle hat man selbst kreiert, denn man muss nicht nach ihr in schwer zugänglichen Gesteinsschichten schürfen, sondern lediglich kreative Freiräume bieten.

Die Crux bei dieser Quelle ist allerdings, dass man dieses bestimmte Umfeld schaffen und pflegen muss, in dem sich diese Ressource entfalten kann. Anders ausgedrückt: wie lassen sich Menschen kostengünstig zusammenbringen, die sich an diesem Ort wohlfühlen, permanent initiativ sind und sich gegenseitig eine Idee von Avantgarde vermitteln, die stilbildend ist und den Ort für finanzstärkere Kreise attraktiv werden lässt. Die Kommunen sehen sich dazu gedrängt, für die Kreativbranche kostengünstige Freiräume zur Verfügung zu stellen, um im Städteranking eine bessere Voraussetzung zu haben. Die zumeist jungen Kreativschaffenden sollen urbanen Brachen ein neues Flair geben, so dass das Leben vor Ort hip zu sein scheint. Irgendwer bastelt an neuer Musik, präsentiert sie in einem verborgenen Club, ein anderer entwickelt virtuelle Partizipationskonzepte oder modelliert an einem virtuellen Design und trotz aller Sorgen gibt es immer noch irgendwo einen Latte Macchiato und die Zerstreuung im Chat.

Klassische Konflikte wie der zwischen Arbeit und Eigentum werden bei den Hipstern ausgeblendet, als unzeitgemäß ignoriert. Überraschenderweise scheint aber nun über die Urheberrechtsdebatte sich gerade dieser Konflikt wieder zu thematisieren. Das Verheerende aber ist, dass man eine sehr genaue Idee davon hat, dass die herkömmlichen Vertriebsstrukturen durch die digitalen Techniken nicht mehr funktionieren und somit auch nicht mehr die Eigentumsformen geschützt werden können. Was einerseits wie eine Befreiung, wie eine längst überfällige Wiederaneignung klingt (Wissen im Web ist zur virtuellen Allmendewiese geworden), scheint hinterrücks ein gigantischer Prozess wie der der spätantiken Kolonenlegung zu sein.

Aufprall der Verhältnisse

Nach einer harten, jahrelangen Ausbildung werden junge Menschen aufgefordert, mit geringfügig entlohnten Dienstleistungsjobs die Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben zu schaffen, die aber nur in Ausnahmen die materielle Grundlage sichern oder gar eine etablierte Existenz nach altem Muster schaffen können.

Eigentumsrechte an Ideen sind eine Illusion, denn der Wert einer Idee entwickelt sich ja erst, wenn sie einen Handelswert entwickelt, dann aber ist sie in der Regel nicht mehr im Besitz dessen, der sie hatte, sondern in den Händen der Person, die sie mit Lizenz vertreibt. Ideen werden immer produziert. Sind sie gut, werden sie kopiert, setzen sich durch. Das ist keine Frage des Eigentums, sondern des Gebrauchs. Ein reales Einkommen aber hat nur der zu erwarten, der seine Idee in eine Ware verwandeln kann. Dass somit aber der Gebrauchscharakter der eigenen Idee grundlegend verändert wird, wird von den meisten in ihrer Not verdrängt. Das geht soweit, dass die Eigner, nicht die Urheber, gar nicht mehr an den Ideen interessiert sind, sondern nur noch an der Tatsache, dass man sich auf den Foren tummelt. Das kreative Potential agiert in einer doppelten Funktion: als Wertschöpfer und als Warenmasse, d.h. gleichzeitig als Produzent und als Konsument. Eine scheinbar nie versiegende Rohstoffmasse. Anders gesagt: der Fischer ist aus der Perspektive der Geschäftsführung eines Handelskonzerns dem Fisch ähnlicher als dem Abteilungsleiter.

Was auf jeden Fall immer weniger gelingen wird, sind die alten Formen und Strukturen, in denen Künstler und Kreativschaffende vor 20 Jahren eine materielle Existenz schaffen konnten. Neue Modelle sind zu entwickeln und vielleicht sollte man sich aber unabhängig vom Hype um die creative class, um Kreativecluster u.a.m. vor allem auf die kooperative Kraft der Ideen verlassen. Ideen überzeugen, wenn sie Gemeinschaft stiften, wenn man gelegentlich in Kooperation mit Freunden den Zwang des Überlebens in Momente eines Lebens mit Freude verwandelt.

„Solidarity ist the next sexy“ („Rasende Ruinen“ von Katja Kullmann)

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Die „Alte Feuerwache“ in Heidelberg – Möglichkeiten für ein innovatives Kunst- und Kreativzentrum?

von Norbert Ahlers

Am 13.01.2012 trafen sich ca. 70 Interessierte aus der Kultur- und Kreativwirtschaft in der „Alten Feuerwache“ Heidelbergs. Das Gelände, auf dem derzeit das Opernzelt und die Verwaltung des Stadttheaters untergebracht ist, wird voraussichtlich im Herbst 2012 wieder frei sein.

Verschiedene Optionen einer kommenden Nutzung stehen zur Diskussion: So überlegt man z.B., das Gelände als Standort für ein mögliches Cineplex bereitzustellen oder auf dem 7450 m² großen Areal eine Mischform von Kultur- und Kreativbetrieben anzusiedeln. Letzteres wird von der Fraktionsgemeinschaft Generation HD und Bündnis 90/Die Grünen befürwortet, die zu einem dreistündigen Workshop eingeladen hatte. Hier wurden in sechs Kiosken bzw. Gesprächsgruppen verschiedene Aspekte eines möglichen Kultur-und Kreativzentrums diskutiert und skizziert.

Das Konstrukt einer „Kulturachse“ ist bestechend, denn in den vergangenen Jahren hat sich der Heidelberger Stadtteil Bergheim grundlegend verändert. Wissenschaft und Kultur prägen die Bergheimer Straße in einem bisher kaum gekannten Maße. Waren früher vor allem die medizinischen Fakultäten mit den verschiedenen Kliniken präsent, so findet sich hier nun eine Vielfalt von verschiedensten universitären Einrichtungen inklusive der Prinzhorn-Sammlung. Die Freie Musikschule und die Volkshochschule sind ebenfalls an der Bergheimer Straße und im Landfriedkomplex entwickeln sich in absehbarer Zeit neue Strukturen (es ist zu erwarten, dass das multikulturelle Zentrum der Stadt Heidelberg dort eingerichtet wird). Die Nutzung der Alten Feuerwache durch unterschiedliche Betriebe der Kreativwirtschaft würde die Entwicklung dieses Stadtteils konsequent fortschreiben. Die „Alte Feuerwache“ als Kreativzentrum könnte sogar eine Brücke zu dem Heinsteinkomplex darstellen, in dem sich weitere Unternehmen dieses Bereiches angesiedelt haben wie z.B. Architekturbüros, Agenturen oder Verlage.

In der Diskussion des Workshops wurde diese „Kulturachse“ sogar zu einem Dreieck erweitert, in dem das Areal der Halle 02 und somit die Bahnstadt integriert wäre.

Diese Überlegungen können aber nur dann gelingen, wenn dem Entwurf ein überzeugendes Konzept zugrunde liegt. Eine der diskutierten Ideen war, das Nutzungskonzept mit der Idee von „Wissen schafft Stadt“ zu verbinden. Dabei wurde wieder auf ein Defizit der Stadt Heidelberg aufmerksam gemacht: weder ist in Heidelberg eine Hochschule für Bildende Künste noch für Musik oder Medien angesiedelt. So wurde in einem der Gesprächskreise denn auch klar skizziert, dass die „Alte Feuerwache“ eine Gelegenheit darstellen könnte, dieses Defizit in einer unkonventionellen Form zu kompensieren.

Eine Zusammenführung von freien Einrichtungen, die für Neue Musik, Medienbildung, Architektur und Kunst stehen, würde die „Alte Feuerwache“ zu mehr als nur einem soziokulturellen Zentrum oder Gründerzentrum machen. Sie würde weniger ein Veranstaltungsort als vielmehr ein Produktionsort für innovative intellektuelle Ideen und Experimente sein. Ein wesentliches Merkmal dieser Produktivität muss dabei ihre Internationalität sein, die somit auch das Umfeld schaffen würde, in dem kreative Kleinunternehmen sich ansiedeln würden, um von den Impulsen an diesem Ort zu profitieren.

„Wissen schafft Stadt“ im Zusammenhang mit der Internationalen Bauausstellung Heidelberg (IBA) darf daher nicht nur auf ambitionierte Bauvorhaben beschränkt werden, sondern muss die Menschen vor Ort mit einbinden. Der urbanen Vitalität und den dynamischen Potentialen des sich rasant verändernden Heidelbergs muss ein neuer Raum geboten werden. Gleichzeitig müssen von hier aus auch Impulse ausgehen, die über die Region hinausgehen. Wenn es gelingt, dieses Modell (Neue Musik, Medienbildung, Architektur und Kunst) in der „Alten Feuerwache“ zu kreieren, dann verfügt Heidelberg über eine Institution, die sich gegenüber dem geplanten Kreativzentrum Mannheims im Jungbusch durchaus behaupten kann. Es bleibt aber zu fragen, ob man hier nur einen weiteren Cluster hinsetzt oder aber den Mut besitzt, ein „Bauhaus des 21. Jahrhunderts“ zu entwickeln.

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