Archiv der Kategorie: Fotografie

Premiere des BERGKINO Boxberg/Emmertsgrund

von Norbert Ahlers

Am 20.06. hatte das Heidelberger BERGKINO auf dem Boxberg/Emmertsgrund seine Premiere. Im Rahmen des Projektes „Beton heißt Stärke“ haben Schülerinnen und Schüler der Waldparkschule ihr Kino dem Stadtteil vorgestellt. Die Leistungen der Schüler waren beeindruckend. Unter der beharrlichen Begleitung ihres Klassenlehrers Hubert Hug und mit der medienpraktischen Unterstützung seitens der Kineskop-Filmschule haben die Jugendlichen einer 8.Klasse im Verlauf des Schuljahres einen eigenen Kurzfilm gedreht, eine Fotoausstellung mit eigenen Aufnahmen zusammengestellt und einen eigenen Kinoabend organisiert. Dieser Abend war gleichzeitig der Auftakt, mit dem sich die Jugendlichen als eigene, frischgegründete Schülerfirma präsentierten. Mit „La Haine“ (M. Kassovitz, F/1995) hatten sich die Schüler zudem einen Film ausgesucht, der inhaltlich konfrontativ und ästhetisch anspruchsvoll ist.

Der Kurzfilm „Die Neue“ auf der eigenen Kinoleinwand.

„Die Neue“, der eigene Kurzfilm der Schüler, erzählt von einem Mädchen, das erst vor kurzem auf den Emmertsgrund gezogen ist und einem Jungen, der sich allein in seinem Stadtteil behaupten muss, aber in jedem Hindernis auch die Herausforderung eines eigenen Weges entdeckt. Er läuft Parkour, weil es ihm Spaß macht, auch wenn er dafür kein Verständnis findet. Er und das Mädchen, beide Außenseiter, finden, was ihnen die Umgebung verwehrt: Geborgenheit und Anerkennung.

Eindrucksvoll waren die Fotografien der Schüler, die sie unter der Begleitung von Max P. Martin in verschiedenen Workshops aufgenommen haben. Über die Ablichtung verschiedenster Orte wie etwa die Parkgaragen im Ermmertsgrund, das Iduna-Center auf dem Boxberg oder etwa die St.Paul-Kirche näherten sich schließlich die Jugendlichen auch der Arbeit eigener Portraitaufnahmen an. Dabei entstanden erstaunliche Bilder von Jugendlichen, die in ihrer Haltung, in ihrem Lachen und ihrer Skepsis wohl in einer ganz besonderen und gelungenen Form vom Leben auf dem Berg erzählen.

Orte und Gesichter vom Berg – die Bildergalerie der Jugendlichen

Im Boxberger „Holzwurm“ wurde mit Unterstützung von Ingo Smolka das örtliche Jugendzentrum mit einfachen Mitteln in ein Kino verwandelt, was für manchen auch ein déjà-vu gewesen sein mag. Es war ein Filmabend, der in seinem improvisierten Rahmen und mit seiner Authentizität an die frühe kommunale Filmarbeit erinnerte. Die selbst zubereiteten Kinosnacks wie Humus, Guacamole, Nachos mit eigenen Saucenkreationen oder eine selbst zusammengemixte Limonade waren eine angenehme Bereicherung, die manch anderes professionelle Kino adaptieren könnte. Die Ernsthaftigkeit, die Energie und die Anteilnahme, die die Jugendlichen bei der Vorbereitung dieses Abends zeigten, verblüffte manche Lehrkraft. Von 07:45 Uhr bis 21:00 Uhr waren die meisten von ihnen an diesem Tag fast ununterbrochen in der Schule bzw. in einer schulischen Veranstaltung.

die Alternative zu Popcorn

In all diesen Anstrengungen ist die Idee zu wiederzuentdecken, dass ein Kino mehr ist als nur eine Leinwand für projizierte Unterhaltung. Das BERGKINO hat die Perspektive und das Potential, ein Ort des Dialogs zu werden. Für ein zeitgenössisches Kino ist das eher ungewöhnlich und in Heidelberg, wo sich in den vergangenen Jahren die Kinosituation drastisch verändert hat, ist dieses Kinoprojekt umso bemerkenswerter: die Schüler haben mit dem BERGKINO die Filmkultur zu sich in ihren Stadtteil geholt. Ein Projekt, das durch die Kineskop initiiert, durch die Waldparkschule ermöglicht und den ESF-Fonds „Stärken vor Ort“ gefördert wurde. Eine Stärke, die auch im Zentrum der Stadt zur Kenntnis genommen werden muss.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Filmabende fortgesetzt werden, dass die Akustik verbessert wird und die Crew die notwendige Beharrlichkeit und den unbestechlichen Eigensinn hat, die dieses ungewöhnliche Projekt von allen Beteiligten immer wieder fordert. Die Premiere war auf jeden Fall ausgesprochen ermutigend.

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Die ästhetische Innovation der 40er Jahre – der Blick der Gleitbombe

von Norbert Ahlers

Frank Hurley hat bei seiner Fotografie „Over the Top“ 1917 das Bild des Krieges wiedergeben wollen. Was authentisch sein sollte, war jedoch Manipulation, denn das Bild war eine Montage aus verschiedenen Fotografien.

Hurley griff auf diesen Trick zurück, denn obwohl er oft in den vorderen Gräben unweit der gegnerischen Stellungen war, blieben seine Bilder fragmentarische Momente, die weit hinter den Erwartungen und Erfahrungen dessen blieben, was die Menschen sehen wollten bzw. was sie erleben mussten. Auch im dokumentarischen Propagandafilm „Battle of Somme“ (1916) wurden die dramaturgischen Höhepunkte wie ein Sturm aus dem Schützengraben inszeniert. Die Schwierigkeit, filmisch von der Wirklichkeit des Krieges zu erzählen blieb auch in den Kriegsfilmen bestehen, die während der Weimarer Republik bzw. der 3. Französischen Republik gedreht wurden. Was authentische Erfahrungen beschreiben sollte, war vor allem eine dramaturgische Inszenierung, die hinter der Wirklichkeit des Tötens zurückblieb. Als G.W. Papst seinen Film „Westfront 1918“ (1930) drehte, wusste er um diese Schwierigkeit, denn im Gegensatz zu Filmen wie „Im Westen nichts Neues“ (1930) verzichtete er auf Schockaufnahmen wie abgerissene Hände, die, im Stacheldraht verkrallt, das Einzige sind, was vom sogenannten unbekannten Soldaten übrigbleibt. Eine unterhaltungshungrige Gesellschaft aber skandalierte, goutierte und identifizierte sich mit dem Kriegsfilm von Lewis Milestone, während wenige Jahre später schon der kommende Krieg vorbereitet wurde.

Es ist interessant, dass gerade in den Jahren, die als der große Bruch mit dem extrem vielfältigen und progressiven Filmpotential in Deutschland gelten, eine technische und ästhetische Innovation entwickelt wurde, die bisher seltsamerweise kaum Beachtung fand. Während die Fernsehtechnik im Rundfunk weitgehend nur für banale Unterhaltungsformen genutzt wurde, arbeitet man in der Militärtechnik früh an der Möglichkeit der bildgesteuerten Bomben. Mit der HS 293 D hatten die Ingenieure für die Luftwaffe tatsächlich eine Gleitbombe konstruiert, die den Blick beschrieb, der seit dem Golfkrieg von 1991 populär geworden ist: mit dem Kameraauge im Kopf der Bombe auf das Ziel zu fliegen und es bis zur Zerstörung im Blick haben.
Es ist ein monströser Blick vergleichbar mit dem eines Scharfschützen, der nur auf sein Ziel konzentriert ist. Gleichzeitig ist dieser Blick virtuell, denn das Ziel wird über einen Monitor erfasst, verfolgt und zerstört. Fast scheint es so, als wäre es der Augenblick, den Hurley seinerzeit auf den Schlachtfeldern des ersten Weltkrieges gesucht hätte: der authentische Moment des Schreckens, in dem der Gegner wahrgenommen, überrascht und ihm zuvorgekommen wird. Ein Schrecken, in dem die Kamera, solange sie Bilder sendet, immer wieder signalisiert und bestätigt, dass man der Überlebende ist. So wird der Schreckensmoment in einen Genuss des Überlegenen verwandelt.

Es liegt in der Logik der Unterhaltungsindustrie, dass sie diesen Zusammenhang für sich nutzt. Was in den 40er Jahren militärtechnisch entwickelt wurde, ist heute Bestandteil zahlreicher Computerspiele. Es ist nicht ohne Ironie, dass die eine Seite des Krieges in den 40er Jahren an der Entwicklung des Computers arbeitete, während die andere an der bildgesteuerten Bombe tüftelte. Dass diese beiden Techniken zusammengeführt wurden, war so zwingend wie verführerisch. Mit der Entwicklung des PCs wurde die damit einhergehende Ästhetik dann auch als Unterhaltungsform populär, die mit jeder Generation neuer Spiele daran arbeitet, den Charakter der Simulation grafisch zu kaschieren.

Während die Ideologen des Dritten Reiches das Bild des „Lichtdoms“ feierlich als das Bild von neuer Größe beschwörten, konstruierten die Rundfunktechniker der Wehrmacht im Dienste des Regimes mit der neuen Fernsehtechnik ein ganz anderes, neues Bild. Beiden aber war etwas gemeinsam, was erst Jahrzehnte später deutlich wurde: eine Virtualität, deren Ergebnis tödlich ist.

Das Kino der Ufa aber blieb weit hinter den ästhetischen Innovationen und Möglichkeiten der zwanziger und frühen dreißiger Jahre zurück. Künstlerisch erscheinen die Jahre des NS-Regimes wie eine brachiale Zäsur, doch so unheimlich es klingt, in jenen Jahren wurde offensichtlich in der Reichspostforschungsanstalt in Kleinmachnow an einer Bildtechnik und somit unabsichtlich auch an einer modernen Bildästhetik gearbeitet, die sich heute – 74 Jahre später – anschickt, das Kino als Unterhaltungsform
weitgehend abzulösen. Es überrascht, dass m.W. bisher nur Harun Farocki mit seinen Filmen „Erkennen und Verfolgen“ (2003) sowie „Serious Games I-IV“ (2009/10) auf Zusammenhänge dieser Art aufmerksam gemacht hat. Die Kineskop ist im Rahmen der Auseinandersetzung mit den medialen Erzählformen des Krieges auf diese Beobachtung aufmerksam geworden.

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Beton heißt Stärke

von Norbert Ahlers

„Was fällt Dir zu dem Stichwort Beton ein?“ „Stärke“. Das war die Antwort einer jungen Frau aus dem Emmertsgrund.

Dieser Baustoff, der in der Kernstadt Heidelbergs eher mit Skepsis wahrgenommen wird, ist das markante Kennzeichen des Heidelberger Stadtteils Emmertsgrund. Während anderenorts der Emmertsgrund als Trabantenstadt gesehen wird, erleben sich die Menschen dort vor Ort in einer ungewöhnlichen Gemeinschaft und Identität.

Beton ist vielfältig, so vielfältig wie dieser Stadtteil. Das Projekt „Beton heißt Stärke“, eine Zusammenarbeit zwischen der Waldparkschule Boxberg und der Kineskop-Filmschule will diese Vielfalt aufgreifen: einerseits mit den drei unten skizzierten Arbeitsbereichen und andererseits mit den Inhalten.

Ein Kurzfilm, Fotoworkshops und die Initiative für ein Stadtteilkino sind die Schwerpunkte dieses Projektes, das im September dieses Jahres beginnen wird.

Die Architektur, die vor allem durch Beton charakterisiert wird, bringt nicht nur die eigene Stärke, sondern auch die der gesellschaftlichen Wirklichkeit zum Ausdruck. Sie wird in den Bauten wie in einem Bild beschrieben, oft dichter als es 1000 Worte sagen können. Architektur ist immer ein in Material formulierter Gedanke. Wie und wo der menschliche Körper, die menschliche Bewegung und der Blick in diesem „Gedankengebäude“ sich behaupten können, soll in dem Fotoprojekt „Präsenz und Bewegung“ weiter entwickelt werden.
Bildaufnahme von onkel_wart gemäß CC (BY-NC-SA)

Das Stadtteilkino veranschaulicht, dass der Emmertsgrund Raum bietet für Begegnungen ganz eigener Art. Unabhängig von der Geschlossenheit des Baukomplexes zeigt der Stadtteil in seiner Dichte eine Vitalität und Vielschichtigkeit, wie sie in Heidelberg kaum andernorts anzutreffen ist. Die Geschichten gerade auch der Generation, die zuwanderte, sollen einen Ort haben, wo sie erzählt und gehört werden.

Im diesem Kino sollen die Medienarbeiten der Jugendlichen wie auch die Filme der Elterngeneration gezeigt werden, so dass zu hoffen ist, dass die Heidelberger auf diesem Wege mehr über die Filmgeschichten anderer Länder erfahren als man im internationalen Filmkanon oder auf Festivals entdecken kann.

Weitere Informationen unter info@kineskop.de.

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Bilder einer Bildungsreise – Carla Curman in Heidelberg 1881

von Norbert Ahlers

Bei Recherchearbeiten ist das Team des Pilotprojektes „die medialen Erzählformen des Krieges – Heidelberger Bilder im ersten Weltkrieg“ auf die frühe Fotografie des Schweden Carl Curman gestoßen. Seine Bilder beschreiben das Heidelberg einer Friedenszeit, den Blick eines Reisenden auf Heidelberg in den späten Regierungsjahren des Kaisers Wilhelm I (1871-1888).

Der schwedische Arzt und Professor für Anatomie an der Stockholmer Akademie der Künste war ein leidenschaftlicher Amateurfotograf, der seine Reisen mit bemerkenswerten Bildern dokumentierte. 1881 besuchte er zusammen mit seiner Frau Carla Curman auf einer Deutschlandreise auch Heidelberg. Eine Bildserie dieser Reise findet sich auf der Bilddatenbank flickr.com, die seitens des Kulturmiljöbild – The Swedish National Heritage Board’s photographic database publiziert wurde.

Curman kam als Tourist nach Heidelberg. Seine Bilder zeigen die bekannten touristischen Motive wie die Schlossrunie, die Alte Brücke oder die Herrenmühle am Fluss, aber im Gegensatz zu den formelhaften Standardbildern der Stadt- und Schlossansichten des 20. Jahrhunderts scheint Curman als Reisender in seinen Bildern diese Motive selbst zu entdecken oder sie entsprechend der Gemäldevorlagen des frühen 19. Jahrhunderts fotografisch zu rekonstruieren. Die Bilder haben jedoch einen privaten Charakter, denn des öfteren findet sich auf ihnen Carla Curman, wie z.B. auf dem Bild, das die alte Brücke zeigt.

In der Reihe aber überrascht das Bild von der Oberen Neckarstraße.
Calla Curman in Heidelberg 1881

Es zeigt eine Altstadt, die schon dem damaligen Betrachter als anachronistisch erschienen sein muss – zumal für eine Universitätsstadt. Die Bildgestaltung betont diesen Eindruck, denn das Bild wird eingerahmt durch die Häuser dieser Gasse, die das Bild in der Perspektive verengen, was noch betont wird durch die Diagonale des Schattens, den das rechte Gebäude wirft. Oberhalb dieses Schattens, wie in einer Gasse des Sonnenlichtes, ist wieder Carla Curman zu erkennen. Dunkle Jacke, dunkler Rock, dunkler Schirm und Hut vermittelt sie den Eindruck einer alten Dame (tatsächlich war sie zu jenem Zeitpunkt gerade 31 Jahre alt). Der obere Teil öffnet das Bild auf eine von links nach rechts aufstrebende Bilddiagonale, die durch das Schlosshotel am Schloss-Wolfsbrunnenweg dominiert wird. Das klotzige Gebäude war zur Entstehungszeit des Bildes gerade erst sechs Jahre alt und dürfte für Curman wie ein gewaltiger Neubau gewirkt haben, der über dem alten Heidelberg ohne Proportion zur Umgebung thronte. Es mag ein Zufall gewesen sein, doch die rennenden Kinder im Vordergrund des Bildes sind in dem eher statischen Bild wie ein Moment des Lebens. Durch die lange Belichtungszeit sind sie wie ein flüchtiges Huschen abgelichtet und lassen etwas von der Vitalität dieser Gasse ahnen, die sich die wohlhabenden Touristen und Bürger nicht zu leisten wagen. Das Ehepaar Curman, in Stockholm die Gastgeber eines Salons für Künstler und Intellektuelle, mag vielleicht auf den Spuren des bekannten Heidelbergs gerade in diesem Bild etwas vom Momenthaften des Romantischen wiedererkannt haben und es überrascht, dass der Bildungsreisende 1881 schon die Gefahr des Tourismus für den Ort und seine Menschen in seinem Bild – wenn auch sicher ohne Absicht – beschrieb. Wenn das Besondere eines Ortes zum Gegenstand des Marketings wird, verliert es sich. Das Hotel auf dem Bild mit seiner sperrigen Architektur ist heute keine Haus mehr, in dem die Prominenz gastiert, sondern in dem die permanent Tourenden der globalisierten Gesellschaft einen ständigen Wohnsitz erwerben. Tobende Kinder und das eigensinnige Leben der Altstadt findet sich jetzt an Orten, die jeder Reisende in Heidelberg aus Unkenntnis ignorieren oder aus Ressentiment eher meiden würden.

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