Der Essayfilm – erste Gedanken zum Seminar

von Hanna Miethner

„Ein Schiff. Wasser, Geld, Introspektion sucht den Blick nach außen. Paradoxon fügt sich ungeschmeidig und synthetisch an ein weiteres wohl komponiertes oder doch authentisches Bild. Vielleicht ist es auch eine weitere Abstraktion.“ Das sind die fragmentarischen, vagen Extraktionen meiner ersten Begegnung mit dem, was sich unter den Begriff des Essayfilms bündelt. Meine erste Prise Essayfilm.

der Blick des Essayisten

der Blick des Essayisten


Die Montagetechnik, die in vielen schnell geschnittenen Einstellungen den Film „Socialisme“ von Jean-Luc Godard komponiert, fordert heraus. Sie will nicht geglaubt werden und doch nicht dem Laster der wankelmütigen Lüge anheim fallen. Unbestritten hat sich der Eidruck konstituiert, dass man mit diesem Filmgenre unebenes Terrain betritt und sich ganz den Welten von Spekulation, von Evokation und nicht zuletzt Provokation hingeben muss.
Ich komme nicht umhin, mit sperrigen Abstrakta zu hantieren, wenn ich den Essayfilm und seine Wirkung beschreiben soll: Analogiebildung, Kontrastierung, Destruktion.
Damit korrespondiert der erste filmische Eindruck mit den einführenden Worten, die Sven Kramer und Thomas Tode für den Essayfilm finden.
Hier präsentiert sich das Genre- wenn es sich denn zu einem klassifizieren ließe- ganz unkonformistisch. Der Appell ist latent immer implizit: Streife deine so hartnäckig bemühten Wahrnehmungskriterien ab! Destruktion eben der konventionellen, ausgetretenen Kategorien. Der Zuschauer ist nicht länger an das Edikt der Passivität gebunden, nicht in Gefilde der Konsumentenschaft gebannt, sondern nahezu dialogisch integriert. Assoziative Bilder fordern eine Antwort des Zuschauers ein, beharren auf Auseinandersetzung. Ich spinne schnell mein eigenes Netz aus Konnotationen und hangele mich von Verknüpfung zu Verknüpfung, von Bild zu Bild. Damit ist der Essayfilm unbarmherzig schnell und dicht. Er verweilt nicht, sondern prescht vorwärts- oder ist es nicht viel mehr rückwärts- letztendlich noch direkt auf einen zu?
Meine erste Prise war pikant und durchaus mit dominantem Nachgeschmack. Ich fühle mich in einem Prozess des Schauens und konstruiere selbst Zusammenhänge, generiere Bedeutung und schlage Analogien. Ein weiteres signifikantes Merkmal: die Analogiebildung. Schnelle Schnitte kombinieren scheinbar zusammenhangslose, autonome Bilder zu einem Kontext. Dokumentarisch anmutende Aufnahmen alltäglicher Szenen, die eine unterhaltungsfordernde Spaßgesellschaft abbilden, stehen unmittelbar neben inszenierten Dialogen. Erneut ist der Betrachter zur Verbindung gerufen. Ihm obliegt die Kopplung von scheinbar Trivialem an bedeutungsschwangere Äußerungen. Der Film ist mit diesen fast beiläufig platzierten Dialogelementen gespickt und inszeniert sie in unkommentierter Dichte. „Geld ist ein öffentliches Gut. Wie das Wasser“ Ein Bild vom Meer, dann von im Wasser spielenden Menschen auf Deck des Kreuzfahrtschiffes. Der Zuschauer denkt. Denkt vielleicht an Kapitalismus, an Verstaatlichung, an die Problematik des Materialismus, an die Absurdität einer Spaßgesellschaft, die verzehrend und unkritisch konsumiert. Der Zuschauer denkt.
Und während dieses assoziativen Prozesses werden gleich weitere Schauplätze generiert, andere Stränge gewoben. Eine Frau ermittelt der Geschichte hinterher und konfrontiert einen Mann, den sie bezichtigt, sich russischen Goldes während des Zweiten Weltkrieges bemächtigt zu haben. Der Zuschauer denkt und darüber hinaus stöbert er nach stringenten Mustern. Er versucht sich, eine Handlung zu imaginieren und Kontinuitäten zu erkennen. Tatsächlich wird einer solchen Suche nach Kohärenz auch Rechnung getragen. Bilder, Szenen und Konstellationen werden immer wieder aufgegriffen. Doch letztendlich scheitert das Bemühen, gewohnte Handlungszusammenhänge herzustellen. Wieder greift die Destruktion und der Zuschauer muss die Illusion, an einem roten Faden konsequent mitlaufen zu können, verabschieden. Ein Verlust? Keiner, den es zu betrauern gilt, denn die scheinbar konfuse, diffuse und untransparente Erzählstruktur konstruiert übergeordnet eine spannende Aussage: alles verläuft parallel, alles hat Berührungspunkte und schließlich hängt damit alles zusammen.
Letztendlich bleibt auch die Frage nach der Ästhetik. Die Komposition der Bilder mutet tatsächlich fast schon absurd an. Kriegsverbrecher agieren neben einer ausgelebten Affinität für junge Katzen. Die Aufnahmen haben einen dokumentarischen Charakter. Keine Retusche, keine aufwendige Ausleuchtung, kein ansehnliches Farbkonzept. Um mich wieder der Terminologie der einführenden Einschätzung von Kramer und Tode zu bedienen: die Bild- und Tonqualität geben sich amateurhaft. Sicher ist das nicht der Ermangelung an Ausbildung oder Budgetierung geschuldet. Der Essayfilm will sich nicht professionalisieren, so scheint es. Den unverwandten, unklassifizierten Blick des Amateurs behalten, der neue Perspektiven bergen kann. Der Amateur ist nicht verstanden als defizitärer Dilettant, sondern als jemand, der außerhalb etablierter Kategorien denken kann und sich seinem Sujet unbelastet nähert.
So kreiert der Film eine eigene Ästhetik. Wieder abseits von dem Zuschauer so wohl bekannten Mustern. Ein Film, der durchaus ästhetisch ist, der inszeniert und abbildet, der den Zuschauer fordert, seine Erwägung und Deutung zulässt, sogar ausdrücklich animiert: darf sich so ein Film überhaupt objektiv dokumentarisch nennen? Was kann der Essayfilm eigentlich leisten, wenn er ohnehin von der Rezeption des Zuschauers abhängt, also hoch subjektive Momente integriert? Er bedient sich doch auch ganz unverblümt den Mitteln der Inszenierung und der Manipulation. Kann er überhaupt den Anspruch auf Authentizität erheben? Ist er dann nicht eher mit dem Etikett des Unterhaltungsfilms, des Kunstfilms zu versehen? Alles ist Objekt des eigenen Ermessens, alles ist Bandbreite. Nein.
Dieses Urteil würde dem Essayfilm nicht gerecht werden. Denn er will etwas. Er will vermitteln, er hat eine Botschaft. Und diese Botschaft ist keine konkrete. Es geht ihm nicht um die Ergründung eines simplen partikulären Sachverhaltes- deshalb langt die Technik der dokumentarischen Abbildung auch nicht aus. Viel mehr ist es dem Essayfilm an der Erfassung einer Idee gelegen. Eine Montage, in der alles konfus scheint, entwickelt und kommuniziert eine Idee. Die Bilderflut, die einen assoziativen Schwall an subjektiven Eindrücken strömen lässt, greift ein Gesamtkonzept auf, das es zu repräsentieren gilt. Wie die Handlung, wie der rote Faden des Filmes, so ist der Gegenstand: ungreifbar und nie monokausal. Damit ist der Essayfilm hochaktuell. Er trägt dem Pluralismus an Meinungen und Perspektiven Rechnung und bildet die Heterogenität von Individuen ab, die alle koexistieren und alle an dem Ganzen, an dem fragmentarischen Ganzen partizipieren.
Meine erste Prise Essayfilm hing mir noch tagelang an der Kleidung und wollte etwas: mehr.

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