Medienpädagogik zwischen Altgriechisch und html

von Norbert Ahlers

Die Kineskop-Filmschule setzt sich seit Beginn des Schuljahres 2011/12 in Kooperation mit dem Kurfürst-Friedrich-Gymnasium Heidelberg intensiv mit der Tradition des humanistischen Bildungsideals auseinander. Für das Team der Kineskop ist dieses Projekt eine Gelegenheit, die Fragen der Bildung auch in eigenen Zusammenhängen zu thematisieren.

Im Gegensatz zu den meisten Initiativen der kulturellen Bildung und der Medienpädagogik sucht die Kineskop eine komplexe Bildungstradition nachzuvollziehen, um somit die eigenen Angebote auch inhaltlich präzise zu begründen.

Die Geschichte alternativer, emanzipativer Medienprojekte und Bildungsinitiativen ist so alt wie die der Massenmedien. Doch etwas ist seit einigen Jahren verändert: gesellschaftliche Antworten oder gar visionäre Bildungsideen bleiben ohne Inhalte. Waren im 20. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum die Begriffe Bildung, Kultur und Kunst synonym für einen Gegenentwurf zum Leben im Zwang des Notwendigen, gilt diese Vorstellung im Kreis der Kulturschaffenden längst als passé. Gleich einem Jargon werden Begriffe wie kulturelle Teilhabe, Chancengleichheit, Partizipation, Kreativität und Persönlichkeitsentwicklung beschworen, jedoch bleiben diese gesellschaftlichen Forderungen ohne Konkretion und Begründung. Eine Diskussion um die Inhalte findet nicht statt, weil man in bürgerlichen Kreisen sie zu verstehen meint. Die Begriffe sind vertraut und können ohne Widerstand bejaht werden. Eine Diskussion hat zudem den bitteren Beigeschmack des Autoritären: Wer definiert hier für wen welche Inhalte? Was gilt als guter Geschmack und weshalb? Das Dilemma dabei ist: wird diese Diskussion nicht geführt, wird sie von den blinden Machtzusammenhängen des Marktes diktiert. Diese Machtzusammenhänge propagieren Kreativität und Partizipation, wo sie Ressourcen und Konsum meinen. Kunst und Kultur werden hier nur dann zur Kenntnis genommen, wenn sie neue Trends versprechen oder sich zumindest als ein Bestandteil der produktiven Dynamik verkaufen lassen. Kreativität und Partizipation waren einstmals ein Vorrecht, nun aber scheinen sie auf ein Gebot der Notwendigkeit reduziert zu werden.

Vor diesem Hintergrund ist die Auseinandersetzung mit dem humanistischen Bildungsideal aufschlussreich. Dass man sich konkret mit diesem Ideal beschäftigt, liegt einerseits in dem Selbstverständnis der Kineskop begründet („die Medienpädaogogik wird dann relevant, wenn die Pädagogen sowohl Altgriechisch als auch html verstehen“) und andererseits im Interesse, die Versprechen der Bildung zu rekonstruieren und neu zu vermitteln. Unabhängige Bildungs- und Kulturarbeit ist Arbeit, die den Einzelnen immer wieder mit sich selbst konfrontiert. So verstanden ist diese Arbeit immer im Widerspruch zur Illusion der Spaßgesellschaft und der Kulturindustrie.

Vor dem Hintergrund des Projektes „Humanismus – eine Bildungstradition“ werden z.B. verschiedene Texte von Blaise Pascal und Michel de Montaigne gelesen, interpretiert und den Arbeitsweisen von Gruppen wie z.B. regionalen Hacker Communities gegenübergestellt. Das humanistische Credo ad fontes verstehen diese TechnikerInnen und KünstlerInnen auf ihre eigene Weise radikal und authentisch. Hier möchte die Kineskop für die eigene Arbeit Widersprüche und Zusammenhänge neu skizzieren, Gemeinsamkeiten und Interessen inhaltlich auch für sich selbst und die eigene Bildungsarbeit neu begründen.

Medienarbeiter im Fachgespräch

Lernen unter freiem Himmel - Medienarbeiter im Fachgespräch um 1909

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Film & Notizen zur Ästhetik, Film im Unterricht, Film- und Medienwissenschaften, Heidelberger Diorama, Kunst und Gegenwart, Pädagogik, Schule

2 Antworten zu “Medienpädagogik zwischen Altgriechisch und html

  1. Unsere Vorstellung von Bildung mit den Aktivitäten von „Hackern“ (was auch immer das bedeuten mag) zu konfrontieren, finde ich eine gute Idee. Ging es doch auch schon zur Zeit des Humanismus / Renaissance / Reformation darum den „Quell-code“ der damaligen Gesellschaft, nämlich die Deutungshoheit über das Neue Testament, zu knacken.

    Hinzu kamen andere antike Traditionen, wie das dialogische Prinzip in der Philosophie (Platon), der Mut zur eigenen Erkenntnis und das konsequente Festhalten am einmal Erkannten, Unerschütterlichkeit in der Argumentation und Gelassenheit (Stoa), ohne die eine moderne Bürgergesellschaft, ja die Vorstellung des mündigen Bürgers schlechthin, kaum vorstellbar wäre.

    Ohne diese Errungenschaften wären wir heute noch eine Herde Schafe, die zu jeder Weisung ihrer Oberhirten nur ja und „amen“ blöken kann. (Im Mittelalter war es schon fast soweit und im Iran ist es, leider, heute (wieder) so).

    Was dies für das 21. Jahrhundert bedeuten könnte, angesichts globaler Krisen aller Art und „alternativloser“ PolitikerInnen, ist natürlich spannend. Man wird auf Überraschungen gefasst sein müssen…

  2. Christian

    Gefaellt mir, dass hier regelmaessig geschrieben wird.

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