Wenn das Reh von der Leinwand herabspringt

von Norbert Ahlers

Die Kunst ist wie ein scheues Reh – man kann sie betrachten, wenn man weiß, wo sie erscheint – oder sie dort auch erlegen.

Die Digitalisierung der Kinos vollzieht einen Prozess, der schon 1995 von Regisseuren mit skeptischen Gedanken und Geschichten thematisiert wurde. Doch das scheint Vergangenheit zu sein und Wim Wenders will heute wohl nur mit der Zurückhaltung eines Kunsthistorikers an seinen Film wie „Lisbon Story“ (1994) erinnert werden.
 
Dass sich das Kino selbst mit der Digitalisierung in den vergangenen zwei Jahren grundlegend verändert hat, haben vor allem die Belegschaften erfahren müssen. Überraschend ist jedoch, dass just die Betroffenen diesen Prozess kaum für sich zu begreifen versuchten. In der Regel ergab man sich den Notwendigkeiten der technischen Umstellung wie der Landwirt sich gegenüber einem Prozess der Bodenerosion: ohnmächtig.

Als die Lust noch subversiv war und die Avantgarde mit dem Film experimentierte

Als die Lust noch subversiv war und die Avantgarde mit dem Film experimentierte


 
Das Kino ist – so die allgemeine Idee – der genuine Ort für die Präsentation eines Films. Für Kunst, die sich mit dem Medium Film artikulierte, galt dies auch – doch nur solange der Film selbst ein Ausdrucksmittel der Avantgarde war. Wenn es aber noch eine künstlerische Avantgarde gibt, dann beschreibt sie ihr Lebensgefühl nicht mehr mit den Mitteln des Films und veröffentlicht auf Filmfestivals keine innovativen und selbstbewussten Manifeste. Mit der Digitalisierung ist das Kino offensichtlich zu dem reduziert worden, was immer auch schon war: eine Unterhaltungsveranstaltung, die vor allem der Zerstreuung und Selbstvergewisserung durch den Konsum dient.
 
Das Paradoxe in der gegenwärtigen Situation: Nicht, weil man nur noch grobschlächtige Blockbuster im Kinoprogramm findet, gelingt es immer weniger Kinos sich auf dem Medienmarkt zu behaupten. Im Gegenteil: noch nie gab es solche eine große Vielzahl und Vielfalt an hochwertigen Filmen wie in diesen Jahren, von denen man irgendwo im Netz oder auf Festivals irgendwelche Bilder erhaschen konnte. Im Gespräch mit anderen bleibt meist lediglich die Floskel „… darüber habe ich auch mal einen guten Film gesehen“, von dem man allenfalls gerade noch den Titel rekonstruieren kann. Bei der Allgegenwart der Bilder scheint aber für den Einzelnen die Zeit knapp geworden zu sein, in dieser Masse an Filmen die Geschichten wahrzunehmen, die einen interessieren könnten. So ist für den Einzelnen seine geschenkte Aufmerksamkeit inzwischen so wertvoll geworden wie die Zeit ihm knapp erscheint. Für den Nachklang eines Gedankens ist da keine Gelegenheit. Der aber ist für das Verstehen von Kunst unverzichtbar.
 
Die Orte, an denen man Kunst entdeckt, sind nicht so eingeschränkt wie die Kinoleinwand, auf der man den Film verortet. Wenn Filmemacher wie Romuald Karmakar oder Harun Farocki nun schon seit mehreren Jahren ihre Filmkunst in Museen vorstellen, dann mögen Kinomacher die Nase darüber rümpfen, unter welch dilettantischen Bedingungen hier die Arbeiten angeschaut werden müssen. Doch tatsächlich eröffnet sich hier eher ein Freiraum, den das Kino schon lange nicht mehr erlaubt: der des Gespräches und des gemeinsamen Erlebens. Das Museum, dass sich eher als Garten des Intellekts versteht und sich dem Zwang der Eventkultur verweigert, behauptet einen besonderen Raum für die Kunst. Ein Raum, der sich der blinden Logik der Aufmerksamkeit und den effekthaschenden Feuerwerken der Kulturmanager entzieht.
 
Die Kunst eröffnet sich weniger in der Inszenierung als vielmehr in der direkten Auseinandersetzung zwischen Werk und Betrachter. Dieser Dialog ist ein anderer als das Gespräch mit dem Regisseur auf der Kinobühne.1 Spitzt man diesen Gedanken zu, dann ist es konsequent, wenn Kunst sich einem Publikum verweigert um letztlich von einem interessierten Betrachter entdeckt zu werden und ihn berühren zu können. Sich von einem Kunstwerk berühren lassen ist ein intimes Erlebnis, das sich so überraschend wie unkontrolliert vollzieht.2 Es ist ein zentrales Kennzeichen, dass Kunst sich jedweder Form der Herrschaft entzieht – und somit auch den Orten, wo man sie als Event zelebrieren will.
 
Vielerorts muss und kann man inzwischen ohne ein Kino auskommen, aber Filme müssen gedreht werden, denn ohne Bilder und Geschichten lässt es sich nicht leben. Ohne Erzählungen kein Wechsel der Perspektiven, keine Neugierde auf andere Wirklichkeiten und Welten. Film kann davon erzählen, wenn er sich als Kunst ernstnimmt. Dann aber muss er sich vom Kino verabschieden und sich an neuen Orten suchen und entdecken lassen.

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1) Kunstwerke brauchen bei der Veröffentlichung nicht den Künstler, um sich mitzuteilen, denn das wäre so als würde man nach einem Witz den Erzähler fragen, was er für Hintergründe ihn motivierten als er den Witz erzählte.

2) Vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb ein Künstler wie Banksy so populär und so selten zu sehen ist.

 

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Ein Film über Maria Pellegrinon und ihr unvergessenes Gasthaus

In der Reihe: „Auf der Suche nach den verlorenen Herzen“ präsentiert die Kineskop den Film

Marias Freiraum“ – Eine Hommage an das „Gasthaus zur Bergstraße“, dessen Geschichte 2011 ihr Ende fand.

Maria Pellegrinon

Maria Pellegrinon

Ein Film von Andrea Munzert und Sarah Ewald im Rahmen des Geländepraktikums der Anthropogeographie „Randgruppen, Randräume – eine Filmwerkstatt“ 2009

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Interview über die Arbeit der Kineskop (RNZ 22.02.2014)

rnz 22.2

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Februar 26, 2014 · 5:02 pm

Ein Dilemma zwischen Zuckerhaus und Werkgespräch – das Literaturhaus in Heidelberg

von Norbert Ahlers

Heidelberg möchte sich als Unesco-Literaturstadt bewerben, eine Stadt, die einerseits bemerkenswerte Verlage beheimatet und die andererseits für ihre Größe ein überdurchschnittliches Kulturangebot hat. Doch ein Blick in das Verzeichnis der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten provoziert Zurückhaltung: in der Stadt der Romantik gibt es keine anerkannte Literaturgesellschaft. Doch es gibt eine Initiative für ein Literaturhaus.
Mit der Schließung des Kinos Lux-Harmonie in der Altstadt stehen die Nutzungskonzepte des Wormser Hofes noch einmal zur Diskussion. Eine Idee ist, hier neben anderen kommerziellen Unternehmen ein Literaturhaus einzurichten. Damit wäre ein Kulturzentrum besonderer Art geschaffen, dass sich in unmittelbarer Nähe von Theater, Kunstverein und Museum befände.
Doch die Schwierigkeiten und Vorbehalte sind groß. Ein Kulturhaus wie das DAI versteht sich selbst schon als ein Haus für Literatur, veranstaltet in diesem Zusammenhang aber lediglich Lesungen bzw. Vorträge, die Stadtbücherei ist gegenüber einem weiteren Veranstaltungsort für Literatur skeptisch und die Verlage verhalten sich weitgehend abwartend, nur der Verleger Manfred Metzner hat sich dieses Projekt zur einer Herzensangelegenheit gemacht.
Tatsächlich ist es zweifelhaft, wenn man in Heidelberg in einem Literaturhaus lediglich einen Veranstaltungsort für Lesungen versteht, bei denen man im Foyer einen Kaffee trinken und im jeweiligen Verlagsprogramm stöbern kann. Veranstaltungen dieser Art kann man tatsächlich den schon bekannten Kulturhäusern am Ort überlassen. Was dort geschieht, hat weniger mit lebendiger Literatur als mit dem herkömmlichen Kulturbetrieb zu tun.
Es ist ermutigend, wenn eine junge Autorin in Heidelberg die Leiterin eines interkulturellen Zentrums wird, genauso wie die Beharrlichkeit einer Heidelberger Autorengruppe mit einem eigenen Kleinverlag, die seit über 20 Jahren jungen Autoren ein erstes Auftreten in der Öffentlichkeit und literarische Experimente ermöglicht. Es ist beeindruckend, dass in dieser Stadt v verschiedene Verlage ihren Sitz haben, deren Programm ausgesprochen qualifiziert ist. Doch es gibt in Heidelberg keine literarische Szene, die über das Stell Dich ein beim Poetry Slam hinausginge.
Ein Literaturhaus in Heidelberg wäre ein wirklicher Gewinn, wenn es mehr wäre als bloße Veranstaltung. Das Konzept des vor kurzem gegründeten Literaturhaus Heidelberg e.V. klingt wie ein Wunschkonzert ohne Schwerpunkt, ohne inhaltliche Vision. So hat man den Eindruck, dass die Forderung nach einem Literaturhaus mehr einer Pose als einem Lebensgefühl entspricht. Es ist wichtig neue Wege zu gehen, d.h. nicht nur für die klassischen Formen der Buchliteratur, sondern z.B. auch die Nähe zu Bloggern suchen, aber auch zu Filmemachern, Hörspielautoren oder Theaterregisseuren. Literarische Netzwerke entwickeln im Sinne von gelehrten Gesprächskreisen. Literatur ist keine Veranstaltungsreihe, sondern eine Haltung zum Leben. Dafür stand Heidelberg zu verschiedenen Zeiten. Man kann aber solch eine Koinzidenz von Ort und Lebensgefühl nicht willkürlich kreieren oder inszenieren – schon gar nicht mit Begriffen wie Festival- oder Metropolregion. Man kann aber Rahmenbedingungen schaffen, die solche Koinzidenz zulassen oder begünstigen.

Der Blick des Lesers gegenüber der Kamera ist ein skeptischer, weil der Dialog mit ihr ohne Rücksicht ist. Während ein Buch eine Haltung beschreibt, ohne dass der Leser dieselbe einnehmen muss, fordert die Kamera die Haltung heraus, die man von sich selbst erwartet.

Der Blick des Lesers gegenüber der Kamera ist ein skeptischer, weil der Dialog mit ihr ohne Rücksicht ist. Während ein Buch eine Haltung beschreibt ohne dass der Leser dieselbe einnehmen muss, fordert die Kamera die Haltung heraus, die man von sich selbst erwartet.

Wem aber nützt ein Literaturhaus und wie könnte man es finanzieren? Primär wäre es vor allem denen von Nutzen, die Literatur so sehr brauchen wie andere das tägliche Brot. Das ist nicht nur eine bestimmte Gruppe von Lesern, es sind die Autoren und die Verleger. Die Verlage schaffen mit einem Literaturhaus mehr als nur eine Vitrine des eigenen Verlagsprogramms, sondern einen Ort für junge Autoren, die dort ihr eigenes Schreiben weiterentwickeln können und Verleger kennenlernen, die ihnen entsprechen. Junge Schriftsteller kämen nach Heidelberg, um hier schreiben zu können – nicht als beauftragte Stadtschreiber, sondern als freie Autoren, die hier mit anderen über ihre Arbeiten sprechen könnten, die ihr Gespür, ihren Blick und ihren Ausdruck für die Wirklichkeit im Gespräch mit anderen reflektieren müssen.
Die ersten Schritte zu diesem Modell könnten die Verlage (Genossenschaftsanteile) und die Autoren (Studiengebühren) zu einem Teil aus eigener Kraft finanzieren. Vielleicht fände sich auch ein Mäzen – vorausgesetzt es ginge ihm um Literatur und nicht um das Klischee dieser Stadt. Das Gleiche gilt im Übrigen auch für eine freie Filmschule in Heidelberg.

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Im cineastischen Decameron wird der Filmvorführer zum Gärtner

von Norbert Ahlers

„Ich halte dieses »Kino« für unsterblich und für älter als die Filmkunst. Es beruht darauf, daß wir etwas, das uns »innerlich bewegt«, einander öffentlich mitteilen. Darin sind Film und Musik Verwandte. Beide gehen nicht unter. Auch wenn die Kinoprojektoren einmal nicht mehr rattern, wird es, das glaube ich fest, etwas geben, »das wie Kino funktioniert«.“ (Alexander Kluge „Geschichten vom Kino“)

Die Kinos sind mit der Umstellung durch die digitalen Vorführtechnik mit einer Entwicklung konfrontiert, die das Kino selbst grundlegend zu verändern scheint. Diese Umstellung verändert nicht nur die Vorführpraxis, die neue Technik selbst verändert auch das Medium Kino. Kino ist sicher mehr als nur das Bild auf der Leinwand mittels ratternder Projektoren und der dunkle, abgeschlossene Raum.

Filmvorführer - ihre Erfahrung im Umgang mit dem Bild im Blick und im Gefühl. Eine Bildkompetenz, die mit der digitalen Technik verloren geht.

Filmvorführer – ihre Erfahrung im Umgang mit dem Bild im Blick und im Gefühl. Eine Bildkompetenz, die mit der digitalen Technik verloren geht.

Wenn in der Zukunft etwas fortgeschrieben wird, »das wie Kino funktioniert«, dann ist es etwas anderes als Kino. Es ist eben dem herkömmlichen Kino so ähnlich wie früher die Laterna Magica oder das Kaiserpanorama, die Vorläufer des Kinos.

Es geht nicht darum, auf das Alte in sentimentaler Form zu insistieren. Der konventionelle Kinobetrieb hat in dem System keine Alternative. Wenn alle aktuellen Filme nur noch digital produziert werden, wenn der Verleih nur noch digitale Versionen anbietet, dann kann ein Kinobetrieb nicht 35mm-Kopien spielen, es sei denn, das Kino würde sich nur auf filmhistorische Werke beschränken. Kino als Museum widerspricht aber diesem Medium. Es ist eine Kunstform der Unterhaltung, und die gelingt nur, wenn sie aktuell ist.

Vielleicht ist hier aber ein Missverständnis oder eine alternative Perspektive möglich.

Man kann Kino auf diese Funktion der Zerstreuung reduzieren, aber eigentlich ist die Faszination des Kinos in etwas anderem begründet. In seinen Anfängen war das Kino eher beobachtend als unterhaltend. Man filmte alltägliche Geschehen oder Sensationen. Es dauerte, bis man mit der neuen Technik auch ein Publikum fand, das bereit war, für die öffentliche Unterhaltung sich Zeit zu nehmen und diese auch noch zu bezahlen.

1908 hatte Henry Ford das Automodell T entwickelt, just zu einer Zeit, als die Nickelodeons von den regulären Kinosälen verdrängt wurden. Sowohl das Automobil als auch der Kinofilm waren authentische Ausdrucksformen einer neuen Gesellschaftsform, der Konsumgesellschaft. Es waren Phänomene der Massengesellschaft und deren Demokratisierung: eine (pferdelose) Kutsche und ein Besuch im (Lichtspiel-) Theater für Jedermann. Dieses Prinzip der Demokratisierung war auch beim digitalen Filmen ein entscheidendes und vielversprechendes Moment. Dass jeder zu jeder Gelegenheit filmen und die Aufnahmen in einem eigenen Channel publizieren kann, wurde erst mit der Digitalkamera und dem Internet Wirklichkeit. Wie in visionären Texten der 30er Jahre beschrieben, schien sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Bevölkerung ein Medium angeeignet zu haben, das im Konsum schon immer ihr zu gehören mochte. Nun konnte man mit eigenen Bildern in unzähligen Ausdrucksformen die eigene Wirklichkeit beschreiben. Die einst Sprachlosen waren offensichtlich zu Autoren geworden.

Umgekehrt aber scheint gerade die digitale Technik die Sprachlosen einmal mehr verstummen zu lassen. Die Illusion, dass bedienungsfreundliche Geräte jeden zum Erzähler machen, scheint faktisch aber zur Enteignung des Erzählkunst geführt zu haben. Die zahllosen Filmemacher wollen Filme drehen, aber ohne etwas zu sagen zu wollen. Ihre Lust ist die der Anerkennung, nicht die des Erzählens. Videos auf Vimeo oder Youtube werden durch die Clicks oder „like it“-buttons qualifiziert, und der Blick durch die Kamera ist der auf den potentiellen Glamour auf einem Festival.

Was das Kino einst mit seinen Stars versprach, ist heute scheinbar jedem mit einem Video möglich. Vielleicht war aber schon in dem Starsystem der Studios in Hollywood eine stille Skepsis gegenüber dem, was der Film selbst als Medium eigentlich auszeichnet und überhaupt vermag: eine Kunst, die Wirklichkeit ablichtet und Lebensgeschichten erzählen will.

Vielleicht ist der Struktur nach das Kino gar kein Massenmedium, vielmehr hat es sich die Massengesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts vielleicht einfach nur unter den Nagel gerissen, weil es den gesellschaftlichen Bedürfnissen entsprach. Der Film selbst ist eine Form des Erzählens.
Ein Erzähler füllt allerdings keine Säle, und das intimste Gespräch mit einem Erzähler ist die Buchlektüre. Ein Erzähler will gehört und verstanden werden. Er spricht nicht zu Hunderten oder zu einem Millionenpublikum. Ein moderner Regisseur aber meint das stets können zu müssen.

Vielleicht realisiert sich das Kino gegenwärtig viel eher in einem kleinen Rahmen mit filmischen Essays, Collagen und Gesprächen als mit der Idee des großen Publikumserfolges. Das Kino kann den Freiraum für Gespräche schaffen, in denen Filme und Gedanken neue Ideen entfalten. Jenseits der Kinolandschaft behauptet sich ein cineastischer Garten, in dem auch der alternde Vorführer sich weiterhin um die Pflege der Bilder sorgt.

Doch ein Dilemma bleibt: wer bezahlt die Arbeiten an einem Film und den Ort für den „Kreis der Erzählungen“, diesem „cineastischen Decameron“? Schickt man sich an, die Kosten mit betriebswirtschaftlichen Maßstäben zu bewältigen und so einen solchen Freiraum zu behaupten, pflegt man weniger die Kunst und deren Inhalte, sondern beschwört lediglich die Notwendigkeit der Besucherzahlen. Die Logik der populärer Aufmerksamkeit und des Eventmarketings vertreibt den Zauber der Geselligkeit, des Erzählens, des Betrachtens und des Zuhörens.

Es muss eine plausible Alternative geben. Veränderungen wie die Umstellung von 35mm-Projektion auf Digitaltechnik können neue ermutigende Perspektiven eröffnen, auch wenn gegenüber diesen Perspektiven alle Beteiligten nur den Sachzwang der Kennzahlen als plausibel wahrnehmen.

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Kreativität …. amortir la balle

von Norbert Ahlers

Die Kritik an dem geplanten Kreativzentrum Alte Feuerwache Heidelberg provoziert bei jungen engagierten Klein- und Kleinstunternehmen in der Kreativwirtschaft ein Unbehagen. Nicht nur, dass man sich in dem eigenen Handeln missverstanden sieht, man kann offensichtlich auch nicht nachvollziehen, dass man das Konzept der Alten Feuerwache grundlegend in Frage stellt, da sich nach jahrelanger Trägheit in Heidelberg etwas endlich zu bewegen scheint.

Tatsächlich ist aber auf kommunaler Ebene eine Diskussion um die Erwartungen, die man gegenüber der Kreativwirtschaft hat und deren Konzepte überfällig. Wie verhält sich die Kulturarbeit zur Kreativwirtschaft, welche Funktion haben die sogenannten Bohemiens (vgl. J.Gückler, M.Ries, H. Schmid Kreative Ökonomie in Heidelberg S. 6 / S. 21, Heidelberg 2010) innerhalb der Kreativwirtschaft und welche Schwerpunkte will man in Heidelberg überhaupt akzentuieren.

Es bleibt immer noch die Frage von Johan Holten nach einer Ausbildungseinrichtung für junge bildende Künstler in Heidelberg unbeantwortet. workerKann sich in Heidelberg eine kreative Szene überhaupt entwickeln, wenn es nicht eine Akademie für Kunstschaffende gibt? Heidelberg hat keine Musikhochschule wie Mannheim, keine Filmakademie wie Stuttgart, keine Kunsthochschule wie Karlsruhe und kein Literaturinstitut wie etwa Leipzig. Da solche Institutionen auch nicht geplant sind, ist die Frage, welche Erwartungen man an die hiesige Kreativwirtschaft hat? Welche Zielsetzung verfolgt man mit einem Kreativzentrum und sind es dieselben Perspektiven, die auch die jungen Kunstschaffenden haben?

Die aber haben für diese Diskussion nur bedingt ein Interesse, denn nach all den vergangenen Schwierigkeiten sind sie froh, dass gerade durchatmen können, weil sie endlich einen günstigen Raum für ihre Arbeiten gefunden haben. Wer aber diese Diskussion ignoriert, läuft Gefahr die eigene Idee einem ganz anderen Zweck auszuliefern.

In diesem Zusammenhang ist es auch durchaus mehr als nur reizvoll, sich nochmals über das Stichwort „Amortisierung“ zu verständigen.

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Anspruch hat, was keine Kasse macht.

von Norbert Ahlers 

Die Sachlage ist verzwickt: Wenn Herr Kraus den Bund der Steuerzahler auf den Heidelberger Haushalt (vgl. RNZ-Artikel vom 15.12.12) aufmerksam macht, dann geschieht das nicht ohne Eigeninteresse. So basiert z.B. das „Alte Hallenbad“, dessen Eigner er ist, auf einem Konzept von Kultur und Konsum, das sich gegenüber den Veranstaltern wie DAI, Karlstorbahnhof, halle 02, Hebelhalle u.a. behaupten muss. In diesem Wettbewerb sind ungedeckte Mehrausgaben im kommunalen Kulturbereich für kommerzielle Veranstalter ein Ärgernis. Die Kommune ist verschuldet, muss aber investieren und will Standards halten. Die Standards sind dynamisch und entwickeln immer größeren Finanzbedarf. Es gibt einen Konsens, in die Bildung zu investieren, um der kommenden Generation eine Option für eine Zukunft zu eröffnen. Kulturförderung wird somit immer mehr als Bildungsarbeit begründet und legitimiert. Kulturschaffende greifen diesen Gedanken nur allzu gerne gedankenlos auf und bezeichnen jede Form der Bespaßung als Kulturarbeit. Mit Bildung aber hat das kaum etwas zu tun, trotzdem hält man an diesem Zusammenhang fest. Der Kulturbetrieb scheint ein Versprechen vor sich herzutragen, auf das man setzen und vertrauen möchte wie in anderen Zeiten auf die Religion. Das erscheint irrational, aber wer Kasse macht, macht es immer auf Kosten anderer. Demgegenüber ist Kultur, wenn sie denn für einen Anspruch steht, nicht nur ein ermutigendes Versprechen, sondern auch eine Verpflichtung. Bevor man auf die Schulden schaut, sollte man sich entscheiden, was einem wichtiger ist: das Versprechen der Bildung oder einfach nur das, was Kasse macht.

 

 

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