Die ästhetische Innovation der 40er Jahre – der Blick der Gleitbombe

von Norbert Ahlers

Frank Hurley hat bei seiner Fotografie „Over the Top“ 1917 das Bild des Krieges wiedergeben wollen. Was authentisch sein sollte, war jedoch Manipulation, denn das Bild war eine Montage aus verschiedenen Fotografien.

Hurley griff auf diesen Trick zurück, denn obwohl er oft in den vorderen Gräben unweit der gegnerischen Stellungen war, blieben seine Bilder fragmentarische Momente, die weit hinter den Erwartungen und Erfahrungen dessen blieben, was die Menschen sehen wollten bzw. was sie erleben mussten. Auch im dokumentarischen Propagandafilm „Battle of Somme“ (1916) wurden die dramaturgischen Höhepunkte wie ein Sturm aus dem Schützengraben inszeniert. Die Schwierigkeit, filmisch von der Wirklichkeit des Krieges zu erzählen blieb auch in den Kriegsfilmen bestehen, die während der Weimarer Republik bzw. der 3. Französischen Republik gedreht wurden. Was authentische Erfahrungen beschreiben sollte, war vor allem eine dramaturgische Inszenierung, die hinter der Wirklichkeit des Tötens zurückblieb. Als G.W. Papst seinen Film „Westfront 1918“ (1930) drehte, wusste er um diese Schwierigkeit, denn im Gegensatz zu Filmen wie „Im Westen nichts Neues“ (1930) verzichtete er auf Schockaufnahmen wie abgerissene Hände, die, im Stacheldraht verkrallt, das Einzige sind, was vom sogenannten unbekannten Soldaten übrigbleibt. Eine unterhaltungshungrige Gesellschaft aber skandalierte, goutierte und identifizierte sich mit dem Kriegsfilm von Lewis Milestone, während wenige Jahre später schon der kommende Krieg vorbereitet wurde.

Es ist interessant, dass gerade in den Jahren, die als der große Bruch mit dem extrem vielfältigen und progressiven Filmpotential in Deutschland gelten, eine technische und ästhetische Innovation entwickelt wurde, die bisher seltsamerweise kaum Beachtung fand. Während die Fernsehtechnik im Rundfunk weitgehend nur für banale Unterhaltungsformen genutzt wurde, arbeitet man in der Militärtechnik früh an der Möglichkeit der bildgesteuerten Bomben. Mit der HS 293 D hatten die Ingenieure für die Luftwaffe tatsächlich eine Gleitbombe konstruiert, die den Blick beschrieb, der seit dem Golfkrieg von 1991 populär geworden ist: mit dem Kameraauge im Kopf der Bombe auf das Ziel zu fliegen und es bis zur Zerstörung im Blick haben.
Es ist ein monströser Blick vergleichbar mit dem eines Scharfschützen, der nur auf sein Ziel konzentriert ist. Gleichzeitig ist dieser Blick virtuell, denn das Ziel wird über einen Monitor erfasst, verfolgt und zerstört. Fast scheint es so, als wäre es der Augenblick, den Hurley seinerzeit auf den Schlachtfeldern des ersten Weltkrieges gesucht hätte: der authentische Moment des Schreckens, in dem der Gegner wahrgenommen, überrascht und ihm zuvorgekommen wird. Ein Schrecken, in dem die Kamera, solange sie Bilder sendet, immer wieder signalisiert und bestätigt, dass man der Überlebende ist. So wird der Schreckensmoment in einen Genuss des Überlegenen verwandelt.

Es liegt in der Logik der Unterhaltungsindustrie, dass sie diesen Zusammenhang für sich nutzt. Was in den 40er Jahren militärtechnisch entwickelt wurde, ist heute Bestandteil zahlreicher Computerspiele. Es ist nicht ohne Ironie, dass die eine Seite des Krieges in den 40er Jahren an der Entwicklung des Computers arbeitete, während die andere an der bildgesteuerten Bombe tüftelte. Dass diese beiden Techniken zusammengeführt wurden, war so zwingend wie verführerisch. Mit der Entwicklung des PCs wurde die damit einhergehende Ästhetik dann auch als Unterhaltungsform populär, die mit jeder Generation neuer Spiele daran arbeitet, den Charakter der Simulation grafisch zu kaschieren.

Während die Ideologen des Dritten Reiches das Bild des „Lichtdoms“ feierlich als das Bild von neuer Größe beschwörten, konstruierten die Rundfunktechniker der Wehrmacht im Dienste des Regimes mit der neuen Fernsehtechnik ein ganz anderes, neues Bild. Beiden aber war etwas gemeinsam, was erst Jahrzehnte später deutlich wurde: eine Virtualität, deren Ergebnis tödlich ist.

Das Kino der Ufa aber blieb weit hinter den ästhetischen Innovationen und Möglichkeiten der zwanziger und frühen dreißiger Jahre zurück. Künstlerisch erscheinen die Jahre des NS-Regimes wie eine brachiale Zäsur, doch so unheimlich es klingt, in jenen Jahren wurde offensichtlich in der Reichspostforschungsanstalt in Kleinmachnow an einer Bildtechnik und somit unabsichtlich auch an einer modernen Bildästhetik gearbeitet, die sich heute – 74 Jahre später – anschickt, das Kino als Unterhaltungsform
weitgehend abzulösen. Es überrascht, dass m.W. bisher nur Harun Farocki mit seinen Filmen „Erkennen und Verfolgen“ (2003) sowie „Serious Games I-IV“ (2009/10) auf Zusammenhänge dieser Art aufmerksam gemacht hat. Die Kineskop ist im Rahmen der Auseinandersetzung mit den medialen Erzählformen des Krieges auf diese Beobachtung aufmerksam geworden.

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Eingeordnet unter Film & Notizen zur Ästhetik, Film- und Medienwissenschaften, Filmgeschichte, Fotografie, Kunst und Gegenwart, Uncategorized, Universität Heidelberg

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